Warum Anleger nicht zu fiebern brauchen, Solaraktien eine helle Zukunft haben und die Rotlichtanleihe zu riskant ist.
Zumindest in der ersten Hälfte der vergangenen Woche hat die Schweinegrippe die Börsianer nervöser gemacht als die Mexiko-Reisenden: Reiseaktien (etwa von Reiseveranstaltern und Fluggesellschaften) gingen scharf in die Knie, Pharmaaktien hatten deutliche Zuwächse. Und viele Anleger fragen sich jetzt, ob und, wenn ja, wie sie ihr Depot gegen die drohende Pandemie „immunisieren“ können.
Nicht ohne Hintergrund: Der Ausbruch der Vogelgrippe (SARS) in Asien vor einigen Jahren hat gezeigt, dass eine Pandemie auch dann realwirtschaftliche Auswirkungen hat, wenn sie gar nicht wirklich ausbricht.
Damals war der Aufschwung nach der Dotcom-Krise in einigen Weltregionen vorübergehend scharf abgebremst worden. Jetzt gibt es nichts zum Abbremsen. Im Gegenteil: Neue Schockwellen könnten den Abschwung noch verschärfen und der jüngsten Börsenrallye, von der noch immer niemand mit Sicherheit sagen kann, ob das noch eine Bärenmarktrallye oder schon der langersehnte Umschwung ist, wieder den Garaus machen.
Die beste Behandlungsmethode für das „Fieber“, das die Börse wegen der Grippewelle in der Vorwoche erfasst hat, ist Gelassenheit: Für den Einstieg in Pharmaaktien (die auch ohne Pandemie kein schlechtes Investment sind) gelten dieselben Auswahlkriterien wie für jede andere Aktie auch. Wenn die Grippe (was zu hoffen ist) nicht völlig außer Kontrolle gerät, werden Roche & Co. keine außergewöhnlichen Kurssprünge machen.
Die Abstürze der Reiseaktien (die allerdings teilweise schon wieder kompensiert wurden) sind auch kein Beinbruch: Sie bieten höchstens Einstiegschancen. Es gibt ja selbst im Luftfahrtbereich noch Unternehmen mit guten Aussichten (etwa Lufthansa oder Singapore Airlines). Allerdings: Die Krise der Realwirtschaft ist gerade erst am Erblühen, sodass es gerade bei Airlines wohl noch bessere Einstiegschancen geben wird.
Was derzeit an der Börse wieder zu strahlen beginnt, sind Solarwerte. Was ein wenig verwunderlich ist, denn die Branche ist speziell von Finanzierungsengpässen auf Investorenseite (Kredite sind jetzt viel schwerer zu bekommen) hart getroffen worden. Große Hersteller wie Q-Cells müssen deshalb auf Kurzarbeit gehen, bei kleinen droht nach Ansicht von Marktbeobachtern in den nächsten Monaten eine Insolvenz- und Fusionswelle.
Aber die, die übrig bleiben, haben eine glänzende Zukunft vor sich: Nach der Krise wird die Nachfrage nach den Modulen, die zur konventionellen Stromherstellung immer konkurrenzfähiger werden, wieder anziehen, wozu auch das 150-Milliarden-Dollar-Solarförderungsprogramm von US-Präsident Obama beitragen dürfte.
Konzentrieren sollte man sich vorläufig auf Branchenplatzhirsche wie Solarworld(ISIN DE0005108409) in Deutschland oder First Solar(ISIN US3364331070) in den USA, die die Krise voraussichtlich überleben werden. Beide sind in jüngster Zeit zwar sehr stark gestiegen, haben aber durchaus noch Potenzial.
Die im deutschen Tecdax-Index enthaltene Solarworld ist eine der stabilsten Aktien überhaupt: Sie hat in der Krise „nur“ 35 Prozent verloren – und diesen Verlust fast schon wieder aufgeholt. Kurzfristig sehen Analysten Kursziele von 22 bis 27 Euro.
Ähnlich gut wird die amerikanische Firma First Solar bewertet, die über eine Tochtergesellschaft auch in Ostdeutschland produziert. Sie könnte mit ihrem Technologievorsprung in der Dünnschichttechnologie die erste sein, deren Kollektoren ohne Subventionen kostendeckend Strom produzieren. First Solar ist auch ein Muster an Informationskultur: Aktionäre, die sich registrieren, werden per E-Mail wöchentlich auf dem Laufenden gehalten.
Eine etwas kuriose „Rotlichtanleihe“ ist in der Vorwoche in Wien heftig promotet worden: Der Wiener Saunaclubbetreiber Goldentime will expandieren und holt sich auf diese Weise ein paar Millionen von Anlegern.
Wer sich die hoch verzinste Anleihe zu kaufen überlegt, sollte bedenken: Zehn Prozent zahlt niemand freiwillig, wenn er Geld um etwas mehr als die Hälfte von der Bank bekommen könnte. Das Risiko ist also relativ hoch. Die Anleihe wird auch nicht von Banken begleitet. Privatanleger, die dabei sein wollen, sollten sich also des Risikos bewusst sein – und sich nachher nicht beklagen, wenn etwas schiefgelaufen ist.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2009)