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Walter Weller: Ein Musiker aus Wien

Archivbild.(c) APA
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Walter Weller, Geiger und Dirigent, langjähriger Konzertmeister der Philharmoniker, ist 75-jährig in Wien gestorben.

Ein Musiker aus Wien – das schreibt sich leicht, hat aber in diesem Fall einen bitteren Nachgeschmack: Walter Weller, am 30. November 1939 in Wien geboren und am vergangenen Sonntag ebenda einem Krebsleiden erlegen, war so etwas wie der Inbegriff des wienerischen Musikers, vielseitig und mit dem rechten Gespür für alles, was uns hierzulande am Musizieren wichtig ist.

Schon im Kindesalter holte man den ungemein begabten Geiger auf die Konzertpodien; als der Teenager in Kammermusikensembles mitwirkte, wusste man längst, dass es ihm mit Mozart, Beethoven, Brahms, aber auch Alban Berg sehr ernst war. Mit 17 spielte er bereits in den Reihen des Staatsopern-Orchesters und der Philharmoniker auf, deren Konzertmeister er 1961 wurde und für zwölf Spielzeiten blieb.

Schon ab 1959 musizierte er mit den Kollegen Alfred Staar, Helmut Weiss und (nach dem Abgang des ersten Cellisten Ludwig Beinl) Robert Scheiwein in einem Streichquartett, das seinen Namen trug und die Königsdisziplin der Kammermusik auf eine bis dahin kaum gekannte Höhe hob: Ja, das war ein Quartett aus Orchestermusikern, kein weltreisendes Spezialistenensemble, es vereinte jedoch alle Tugenden von Musikern, die gewohnt waren, Tag für Tag im Staatsopern-Betrieb auf Sänger zu reagieren und dabei musikantisch-geschmeidig zu bleiben, mit dem ehrgeizigen Präzisionswillen des Schallplattenzeitalters. Das Gelingen dieser Kür macht die Tondokumente, die es vom Weller-Quartett gibt, bis heute zu Sammlerobjekten. Die Wiener Klassiker, Schubert natürlich – und etwa das Streichquartett op. 3 von Alban Berg, dessen Beginn man hören sollte, wenn man wissen möchte, was Walter Weller ausgezeichnet hat: Die erste Phrase spielt er mit jener unnachahmlich wienerischen Mischung aus prägnantem Zugriff und subtiler Modulationsfähigkeit: er „singt“ auf der Geige; das ist es, was nicht nur Klassik und Romantik, sondern auch die Moderne braucht.

 

Basel, Stuttgart, Liverpool, London . . .

Doch Wellers Musikantenkarriere sollte sich nach seinem Willen nicht auf den Konzertpodien und im philharmonischen Verband vollenden: Er wechselte ans Dirigentenpult. Nach ersten Erfolgen in den späten Sechzigern löste er seinen Vertrag mit dem Orchester. An der Staatsoper war er im Repertoire ein kundiger Führer durchs Dickicht der täglichen Überraschungen, die er als Konzertmeister allzu gut kennengelernt hatte. Er wurde Chefdirigent der Tonkünstler, dann an ausländische Positionen berufen: Duisburg, Basel, Stuttgart, Liverpool und London (Royal Philharmonic) vertrauten ihm ihre Orchester an. Am Pult des Scottish National Orchestra war Weller auch in Wien wieder zu erleben – aus dem Wiener Musiker war ein Weltreisender geworden. Für Hellhörigere unter den Wiener Musikfreunden, vielleicht auch für ihn selbst, war es stets ein wenig traurig, wenn es heißen musste, Walter Weller sei in Wien „auf Gastspiel“ . . .

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2015)