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Wirtschaft: Heuer wackelt die Lohnerhöhung

(c) BilderBox
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Die Steuerreform wirke wie zwei Lohnrunden und führe zu einer Mini-Erholung, sagen Ökonomen und Arbeitnehmervertreter. Sie bereiten die Beschäftigten bereits auf eine Nulllohnrunde vor.

Wien. Nach sieben schwarzen Jahren malen die heimischen Ökonomen wieder eine Wirtschaftsprognose in Blassrosa. Die frisch erwachte Konjunktur in der Eurozone und die heimische Steuerreform sollen das Wachstum nach Österreich zurückbringen, sagen Wifo und IHS voraus. Erstmals seit Jahren kämen auf Österreichs Arbeitnehmer wieder real höhere Nettolöhne zu. Landen diese wie erhofft in den Geschäften, könne die Wirtschaft 2016 um 1,3 Prozent (Wifo) bis 1,8 Prozent (IHS) wachsen, so die Erwartung. Österreich bliebe damit immer noch deutlich unter dem Schnitt der Euroländer. Eine Mini-Erholung, aber immerhin.

Doch wirklich gut sind diese Nachrichten insbesondere für die heimischen Arbeitnehmer nicht. Sie dürfen sich zwar auf die Lohnsteuersenkung freuen, müssen sich im Gegenzug allerdings bei den kommenden Lohnverhandlungen in Verzicht üben. Das erwarten zumindest die Wirtschaftsforscher. 2016 werden die Bruttolöhne laut ihrer Prognose real stagnieren. Mehr als die Inflationsrate dürfte bei der kommenden Lohnrunde demnach nicht abgedeckt werden. Warum aber könnten Österreichs Arbeitnehmer einen Teil der Lohnsteuersenkung so rasch wieder abgeben müssen?
Inflation. Am übertrieben hohen Nettoeinkommen der Beschäftigten liegt es nicht. „Das Problem ist die hohe Inflation, die in den Löhnen weitergegeben wurde“, sagt IHS-Ökonom Helmut Hofer. Auf den ersten Blick leuchtet dieses Argument nicht ein. Mit heuer 1,3 Prozent ist die Inflation historisch eher niedrig. Verglichen mit der erwarteten Inflation von 0,1 Prozent in der Eurozone ist sie jedoch sehr hoch.

 

Da mit der Inflation auch die nominellen Löhne steigen, verliert Österreich an Wettbewerbsfähigkeit. „Das ist ein Problem, das wir alle lang übersehen haben“, sagt Wifo-Chef Karl Aiginger. Der Großteil der Teuerung kommt aus dem Dienstleistungsbereich oder direkt vom Staat. Die Gebühren in Österreich stiegen zuletzt deutlich schneller als die Inflationsrate – und deutlich schneller als etwa in Deutschland. Die Wassergebühren legten im vergangenen Jahrzehnt um 24 Prozent zu, in Deutschland um zehn Prozent; die Müllgebühren um 19 Prozent, in Deutschland gar nicht. „Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass wir im internationalen Vergleich in Europa relativ hohe Inflationsraten haben“, sagt selbst Arbeiterkammer-Direktor Werner Muhm zur „Presse“ (Seiten 2, 3). „Das bedeutet natürlich, dass auch die Lohnsteigerungen hoch sind.“

Dieser Satz des Arbeitnehmervertreters ist beachtlich, öffnet er doch dem Einfrieren der Bruttolöhne Tür und Tor. Während IHS-Experte Hofer höflich auf „Spielräume bei Lohnverhandlungen“ hofft, wird Muhm konkreter: „Die Lohnsteuersenkung wirkt de facto wie zwei Lohnrunden.“ Der Boden für die Nulllohnrunde ist also bereitet. Schon im Vorjahr war die Inflation bei der Metallerlohnrunde ein Streitpunkt. Letztlich wurde doch die höhere österreichische Teuerungsrate als Basis herangezogen statt der europäischen. Es gab nominell plus 2,1 Prozent.


Reallöhne. Schade nur, dass bei den Arbeitnehmern davon nichts angekommen ist. Trotz teils kräftiger Lohnsteigerungen auf dem Papier schrumpften ihre Nettolöhne nach Abzug der Inflation in den vergangenen sechs Jahren um fünf Prozent (inklusive 2015). Hofer verteidigt die mögliche Nulllohnrunde dennoch: Arbeitgeber seien von der Steuerreform enttäuscht, da sie mitunter mehr statt weniger Lohnnebenkosten zu bezahlen haben. Sie brauchten Signale, dass der Wirtschaftsstandort Österreich attraktiv bleibe. Da es die Politik nicht schafft, sollen es nun offenbar die Sozialpartner richten.

Arbeitslosigkeit. Aber auch aus Sicht der Arbeitnehmer gibt es ein Argument für Lohnzurückhaltung: Sie könnte ein Mittel sein, um die hohe Arbeitslosigkeit einzudämmen. Die Arbeitslosenquote dürfte heuer mit 9,3 Prozent und im nächsten Jahr mit 9,6 Prozent sehr hoch bleiben, erwartet das Wifo. Da die Produktivität der heimischen Arbeitnehmer mit den nominellen Lohnsteigerungen nicht mithalten konnte, verlor das Land in seinen Exportmärkten zuletzt stark an Boden. So greift etwa die deutsche Automobilindustrie vermehrt auf osteuropäische statt österreichische Zulieferer zurück, warnte schon die Nationalbank. Eine moderate Lohnrunde wäre aus Sicht der Ökonomen ein probates Mittel, um Boden gutzumachen. Das Problem der hohen Arbeitslosigkeit wird so zwar nicht gelöst – dafür ist die Zuwanderung zu hoch und Österreichs Umgang mit ihr zu schlecht. Aber mit wettbewerbsfähigeren Löhnen risse sich das Land wenigstens keine neue Wunde auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2015)