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Felderer: "Wir haben uns für Sicherheit und gegen Wachstum entschieden"

„Wachstum heißt nicht, dass wir alles zubetonieren müssen“, sagt Felderer.(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Wer wachsen will, müsse Risiko auf sich nehmen, sagt der Ökonom Bernhard Felderer. Dazu sei unsere Gesellschaft nicht mehr bereit.

Die Presse: Sieben Jahre Krise. Ist jetzt endlich Schluss?

Bernhard Felderer: Wie kommen Sie auf sieben Jahre? Das krisenhafte Szenario hat eigentlich viel früher begonnen. Spätestens, als sich in den Jahren ab 2002 der blinde Optimismus überschlagen hat. Es wurde gigantisch investiert. Das gilt für Unternehmer und natürlich für Banken. Alle dachten, es geht so weiter wie in den 1980er- und 1990er-Jahren.

 

Und 2008 kam dann der große Knall namens Lehman Brothers.

Da wurde die Krise für alle sichtbar. Der Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger Robert J. Shiller hat schon 2007 davor gewarnt, dass die Immobilienpreise in den USA viel zu hoch sind.

 

Seither sagen uns die Wirtschaftsforscher Jahr für Jahr, dass der Aufschwung nächstes Jahr kommen wird. Doch er kommt nicht. Warum soll es diesmal anders sein?

Ich glaube, dass wir wieder ein Wachstum von zwei Prozent haben werden. Ich bezweifle aber, dass es schon nächstes Jahr sein wird. Es wird noch ein paar Jahre dauern. Besonders bei uns in Österreich.

 

Warum wächst die Wirtschaft nur mehr langsam?

Für Wirtschaftswachstum braucht es zwei Voraussetzungen: eine wachsende Bevölkerung und höhere Produktivität. Die Bevölkerung wird in Europa in den kommenden Jahrzehnten nicht wachsen. Und auch die Produktivität sinkt seit Jahrzehnten kontinuierlich und wächst nun in der Krise de facto nicht mehr.

 

Warum waren wir früher produktiver?

Weil früher niemand über Sicherheit gesprochen hat. Weil früher alle gierig danach waren, ein besseres Leben zu haben. Doch mit dem Wohlstand steigt das Sicherheitsbedürfnis. Und irgendwann will man nicht mehr haben, sondern das, was man hat, bewahren.

 

Das Bedürfnis nach Sicherheit ist also eine Wachstumsbremse?

Heute geht einer ein Risiko ein, wenn er den Job wechselt. Selbst wenn er andernorts mehr verdienen würde, ist ihm das Risiko zu groß, dort zu versagen und den Job zu verlieren. Auch die Unternehmer riskieren weniger, das heißt, sie investieren weniger. Aber die Marktwirtschaft braucht Menschen, die Risiko nehmen und Ideen haben.

 

Diese Entwicklung gilt für viele europäische Länder, nicht jedoch für die USA. Dort ist doch die Produktivität in den vergangenen Jahren wieder gestiegen. Wie denn das?

Damit sind wir beim europäischen Kernproblem. Hierzulande passen sich auch die staatlichen Institutionen dem Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung an. Denken Sie an den Ausbau des Sozialversicherungssystems, an all die Regulierungen – etwa bei den Banken. Das gibt es in den USA nicht. Dort gehen Unternehmen und sogar auch Banken pleite, wenn die Performance nicht passt. Aber: Jeder hat eine zweite Chance.

 

Na gut: Sollen die Amerikaner wachsen, wir haben dafür einen besseren Sozialstaat, wir sind zufrieden, mit dem was wir haben. Wieso müssen wir immer wachsen?

Weil wir sonst unseren Wohlstand einbüßen. Wir brauchen zwei Prozent Wachstum, damit die Arbeitslosigkeit nicht weiter steigt. Außerdem ist nicht nur der Staat verschuldet, sondern auch die privaten Haushalte. Ohne Wachstum können diese ihre Schulden nicht zurückzahlen.

 

Wachstum ist also kein Fetisch von Managern und neoliberalen Professoren?

Und Wachstum heißt auch nicht, dass wir alles zubetonieren müssen. Viele Menschen haben leider diese Befürchtung, dass Wirtschaftswachstum die Umwelt zerstört. Dabei ist gerade das Gegenteil der Fall. Ökonomischer Fortschritt bedeutet höhere Lebenserwartung, bedeutet bessere Gesundheit. Das alles verdanken wir der Marktwirtschaft.

 

Und trotzdem verliert unsere Marktwirtschaft samt eingebautem Sozial-Airbag so an Fahrt. Steht quasi still.

Sicherheitsstreben und Umverteilung reduzieren die Wachstumsanreize.

 

Aber aus einer sicheren Warte weniger Sicherheit zu predigen – da macht man es sich doch sehr einfach, oder?

Ja, ich kann das locker sagen. Aber wir werden diese Sicherheitskultur ohnehin nicht abschütteln. Wir haben uns längst für Sicherheit und gegen Wachstum entschieden.

 

Interessant ist nur, dass trotz steigender Sicherheit, trotz steigender Sozialleistungen die allgemeine Verunsicherung zunimmt. Wir fürchten uns mehr denn je. Vor den Ausländern, vor Arbeitslosigkeit, vor Terrorismus.

Je mehr wir haben, umso größer ist die Angst, es zu verlieren. Wir fürchten, dass uns der Ausländer etwas wegnimmt. Dabei ist empirisch erwiesen, dass Zuwanderung den Wohlstand aller steigert.

 

Dennis Meadows hatte also doch recht, als er das Ende des Wachstums propagierte?

Meadows irrte. Ginge es nach ihm, hätten wir seit Jahren kein Erdöl mehr. Wir werden kein Wachstum wie in den 1970er- und 1980er-Jahren mehr sehen. Die Wirtschaft wird nur noch moderat wachsen. Und das über einen sehr langen Zeitraum.

ZUR PERSON

Bernhard Felderer wurde 1941 in Klagenfurt geboren. Der Ökonom lehrte und forschte unter anderem an den Universitäten Princeton, Köln und Bochum. Von 1991 bis 2012 war Felderer Direktor des Instituts für Höhere Studien. Er beriet als Wirtschaftsforscher Regierungen in Österreich und Deutschland. Felderer ist Präsident des österreichischen Fiskalrats. Das Gremium berät die Politik bei Fragen der Staatsfinanzen und des Staatshaushalts. [ Clemens Fabry ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2015)