Gesundheit. Die psychischen Belastungen werden mittlerweile gut im Auge behalten. Weniger beachtet sind Belastungen in der Arbeitsumgebung: Doch Eintönigkeit gefährdet die Produktivität.
Auf den ersten Blick wirkt die Zahl beruhigend: 82 Prozent der österreichischen Erwerbstätigen sagen, „die körperliche Sicherheit in meiner Arbeitsumgebung ist gewährleistet“. Im Umkehrschluss aber sind es mehr als 800.000 Österreicher, die (sich) nicht so sicher sind.
Der Druck auf die Unternehmen, für die körperliche Sicherheit ihrer Mitarbeiter zu sorgen, sei am augenfälligsten, sagt Gerd Beidernikl, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Vieconsult: „Niemand will mit einem – womöglich tödlichen – Arbeitsunfall in den Medien auftauchen.“
4000 unselbstständig Erwerbstätige in Österreich zwischen 16 und 65 Jahren befragte Vieconsult im Rahmen der Integrierten Analyse arbeitsbedingter Belastungen (IAAB). Aber nicht nur hinsichtlich der vier Dimensionen Gestaltung der Arbeitsaufgaben und Art der Tätigkeit, Gestaltung der Arbeitsumgebung, Gestaltung der Arbeitsabläufe und Arbeitsorganisation sowie Sozial- und Organisationsklima, die im Rahmen der Erhebung zu psychischen Belastungen routinemäßig abgefragt werden. Vieconsult fragte auch nach Arbeitszufriedenheit, Engagement, Motivation und Führung.
Klima, Lärm und Licht
Einige der Erkenntnisse der Arbeit mit dem neuen IAAB-Umfragetool fasst Vieconsult-Forscher Alexander Lahousen zusammen: Erwartungsgemäß zeigten sich Belastungen durch das Raumklima (48 Prozent), die Umgebungslautstärke (49 Prozent) oder die Beleuchtung (31 Prozent) in manuellen, technischen bzw. handwerklichen Tätigkeitsbereichen stärker als im Durchschnitt aller Arbeitnehmer (Raumklima: 39 Prozent, Umgebungslautstärke: 36 Prozent, Beleuchtung: 24 Prozent). Diese Belastungen, sagt Beidernikl, würden auch von den Arbeitsinspektoraten besonders intensiv kontrolliert.
Bemerkenswert aber war für die Studienautoren ein anderes Detailergebnis. Aus ihm leiten sie den größten Handlungsbedarf in und für die österreichischen Unternehmen ab: bei der Vermeidung von Belastungen durch einseitige Körperhaltungen (etwa sitzen, stehen, hocken). Mit anderen Worten geht es dabei um Monotonie. Hier geben mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen (54 Prozent) eine zumindest teilweise Belastung während ihrer Arbeit an. „Diese einseitigen Körperhaltungen werden überdurchschnittlich häufig – 61 Prozent – von Personen in administrativen Bürotätigkeiten rückgemeldet“, sagt Lahousen. Das sei deshalb alarmierend, weil es sich um schleichende Gesundheitsrisiken handle, die in kaum einem Unternehmen Beachtung finden.
Unter dem Strich zeige sich, dass 80 Prozent der Arbeitnehmer zumindest eine dieser Belastungen erleben, 20 Prozent fühlen sich belastungsfrei. Psychische Belastungen habe es schon immer gegeben. Vor 20 Jahren, sagt Beidernikl, habe man sie noch als Stress bezeichnet. Tatsächlich aber hätte sich in den vergangenen 15 Jahren die Zahl der psychischen und psychosomatischen Erkrankungen verdoppelt.
Luxus oder Investition?
Aus den Studienergebnissen leitet Beidernikl für die Unternehmen in puncto Arbeitsumgebung noch etwas ab. Im Handel und in den Produktionsbetrieben stehe nach wie vor die psychische wie physische Belastungsprävention als wichtigstes Thema fest. Anders sei die Aufgabenstellung im Dienstleistungssektor und im Bereich der Wissensarbeit. Sie muss über die Prävention hinausgehen und lautet: Wie lassen sich Arbeitsplätze belastungsfrei gestalten? Denn jede Belastung wirkt sich mehr oder weniger stark auf die Motivation der Mitarbeiter und damit auf die Produktivität aus. In diesem Licht gesehen, ist Belastungsfreiheit tendenziell kein Luxus, sondern eine Investition wert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2015)