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Donaustadt: Wo Wien schon fast gar nicht mehr Wien ist

Was lernt die neue von der alten Gründerzeit? An der Wagramer Straße.
Was lernt die neue von der alten Gründerzeit? An der Wagramer Straße.Wolfgang Freitag / Die Presse

Bezirksporträt. Dichte und Weite, Stadt und Land zugleich: Im flächengrößten Wiener Bezirk entfaltet sich vor unseren Augen die ewige Geschichte vom Werden des Urbanen – wie auch jene vom Scheitern daran.

Wien. Die Donaustadt gibt es nicht. Entgegen anderslautenden Angaben in Schulbüchern, auf Stadtplänen klafft dort, wo sich angeblich der 22. Bezirk befindet, ein Loch in der öffentlichen Wahrnehmung, in dem sich alles entsorgen lässt, was Wienern anderweitig Kummer bereitet. In der Donaustadt, da werden noch ohne allzu langes Fackeln sechsspurige „Stadtstraßen“ durch verbaute Gelände geschlagen. In der Donaustadt, da ist Platz genug für alles und jedes. Für das größte Treibstofftanklager Österreichs genauso wie für unser aller Mist.

Ist ja schließlich der flächenmäßig weitaus größte der Wiener Bezirke – und der am zweitdünnsten besiedelte dazu. Überhaupt Transdanubien: Das gehört doch gar nicht zu Wien – und sein Donaustädter Teil besonders nicht.

Im Ernst: Die Donaustadt ist der Paria unter den 23 Wiener Bezirken, und das beginnt schon beim Namen. Donaustadt ist bald einmal etwas entlang der Donau. Unverwechselbarkeit hört sich anders an. Auffallenderweise ist dieser Name auch der einzige eines Wiener Bezirks, der nicht von einem Bezirksteil abgeleitet ist (sieht man von der Inneren Stadt ab, aber diese ist ja, im engeren Sinn, ohnehin immer das eigentliche Wien geblieben).

Tristesse und Mülldeponie

Dazu passt, was auf dem Gebiet des 22. Bezirks, in seinen heutigen Grenzen erst 1954 festgeschrieben, vordem geschehen ist. Dörfer wie Stadlau, Kagran, Essling, Hirschstetten wurden halbwegs regelmäßig von Donau-Hochwassern weggespült, was die Donau nicht vernichtete, verheerten Kriege, namentlich jene mit dem Osmanischen Reich (im Fall Breitenlees so gründlich, dass es mehr als eineinhalb Jahrhunderte nicht aufgebaut wurde).

Und heute? Heute ist das donaustädtische Image irgendwo zwischen Rennbahnweg-Tristesse und Gewerbegebiet-Stadlau-Ödnis angesiedelt. Und dass der höchste Geländepunkt des Bezirks ausgerechnet Wiens zentraler Mülldeponie, jener am Rautenweg, gehört, sagt doch alles. Oder?

Ich lebe seit zwei Jahren wieder in der Donaustadt. Nach mehr als drei Jahrzehnten, die ich anderweitig wienerisch verbrachte. Ich kenne eine ganz andere Donaustadt, eine der Chancen und Möglichkeiten, eine, wo wir vor unseren Augen die Geschichte vom Werden des Urbanen erleben dürfen – oder eben jene vom Scheitern daran.

Stimmt, die Donaustadt hat die ersten Plattenbauten Wiens gesehen (samt Fabrik, die ihre Fertigteile produziert hat). Doch was man einst als „Emmentaler mit Papierwänden“ abgetan hat, stellt sich ob des aktuellen Verdichtungsfurors als nachgerade großzügig angelegt heraus. Ja, der Donaucity über der Donauuferautobahn fehlt trotz all der bemühten Architektenprominenz jedes Flair – aber wer's nicht bis Chicago oder New York schafft, mag sich nächst Kaisermühlen ansehen, was ein Wolkenkratzer ist (und was schiefgehen kann). Selbst wenn der Stadtverwaltung liebstes Vorzeigeprojekt, die Seestadt Aspern, am Anspruch, urbanes Leben herzustellen, scheitern sollte (oder vielleicht sogar scheitern muss): Vieles, was Wiener an ihrer Stadt schätzen, namentlich die Gründerzeitquartiere, ist einst genauso aus der Retorte gekommen.

Neuerdings ist ja angesichts steigender Bevölkerungszahlen von einer neuen Gründerzeit die Rede. Ein Großteil dieser neuen Gründerzeit wird schon jetzt in der Donaustadt ausgetragen. Woran auch gar nichts auszusetzen ist – sofern die neue Gründerzeit aus den Fehlern der alten lernt. Die Brutalität, mit der damals das in Jahrhunderten Gewachsene aus den Vorstädten und Vororten Wiens gefegt wurde, die Maßlosigkeit, mit der die Zinshaushyänen des Fin de Siècle auch noch das letzte bisschen Rendite aus ihren Liegenschaften und ihren Mietern pressten, die sollten gewiss nicht vergessen, doch ebenso gewiss vergangen sein.

Freiheit über den Köpfen

Sind sie nicht. Kaum einer der zu künftiger Identitätsstiftung so wichtigen Donaustädter Ortskerne hat den Weg in die Gegenwart auch nur halbwegs schadlos überstanden. Wer sieht, mit welcher Nonchalance Masterpläne auf Profit komm raus nachträglich „nachverdichtet“ werden, der ahnt, was künftigen Generationen Donaustädter Aufgabe sein wird: den Schaden, den skrupellose Immobilienausschlachterei angerichtet hat, mit Beserlparks und Fußgängerzonen und Urban Gardening wenigstens halbwegs zu kaschieren.

Nein, die Donaustadt hat keine Kathedralen und keine Paläste, sie hat nichts von den Attraktionen und Sensationen, um die man sie irgendwo beneiden würde. Sie hat etwas, was man städtischerseits so selten hat: Sie hat Platz – und Freiheit über den Köpfen. Und zwar nicht nur in den noch immer zahlreichen agrarisch geprägten Zonen oder der Lobau, auch in den Reihenhaussiedlungen der Zwischenkriegszeit, sogar in geschmähten Gemeindebauten der Sechziger- und Siebzigerjahre. Eine Freiheit, die in Wien nur haben kann, wer sich eines jener begehrten Dachdomizile zu leisten vermag.

Dass diese Freiheit die anstehende Verstädterung nicht unbeschadet überstehen wird: kein Zweifel. Wie viel sich freilich davon erhalten lässt, das wird darüber entscheiden, ob die Donaustadt ein Stück weit bleiben kann, was sie ist – oder zu dem Moloch wird, für den sie viele schon heute halten.

 

Serie: Wiens Bezirke

Bis zur Wien-Wahl am 11. Oktober porträtiert die ''Presse'' nach und nach alle 23 Wiener Bezirke. Die bisherigen Porträts finden sie unter diepresse.com/bezirke

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20. Juni 2015)