Ein Arzt überfährt in Israel einen Flüchtling aus Eritrea. Und wird dabei von dessen Frau beobachtet.Eine klare Sache? Ayelet Gundar-Goshen stellt mit ihrem großen erzählerischen Vermögen ethische Gewissheiten infrage. „Löwen wecken“: eine literarisch sehr ergiebige Verunsicherung.
Ha! Du bist mein Teufel! So schnell als der Übergang vom Guten zum Bösen! – Ja, der ist schnell; schneller ist nichts als der!“, sagt Faust zum siebenten Geist in Lessings „Faust“-Fragment. DiesesMotiv grundiert den fulminanten Roman „Löwen wecken“ der 1982 geborenen Israelin Ayelet Gundar-Goshen. Wie schnell man vom Helden zum Versager, vom Lebensretter zum Lebensauslöscher, vom Ehemann zum Ehebrecher, vom Korruptionsgegner zum Korruptionsgeber werden kann, das führt sie auf eminent literarische Weise aus.
Für moralische Rigoristen ist es schwer erträglich, dass ein und dieselbe Sache zwei Seiten haben kann, dass mitunter bloß die Motivation und nicht eine bestimmte Tat an sich den Unterschied zwischen Gut und Böse ausmachen kann, dass es ähnlich wie in der Quantenphysik im Auge des Betrachters liegen kann, wie etwas zu bewerten ist, schlimmer noch: dass der Fluch der bösen Tat Positives bewirken kann oder dass – wennman so will – Gott eben auch auf krummen Linien gerade schreibt. Was ist von einem Menschen zu halten, der einen Flüchtling über den Haufen fährt und Fahrerflucht begeht? Auf den ersten Blick nicht viel. Handelt es sich dabei jedoch um einen Arzt, der erkennt, dass er dem Überfahrenen nicht mehrhelfen kann, der befürchten muss, seine ärztliche Zulassung (und damit die Möglichkeit zu heilen) zu verlieren, und der danach bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit Verletzungen von Flüchtlingen behandelt, sieht die Sache etwas anders aus.
Gegengleich hat Ayelet Gundar-Goshen die Eritreerin Sirkit geschaffen, die zusieht, wie ihr Mann von dem schweren Wagen Etan Griens niedergestoßen und überrollt wird. Man könnte annehmen, dass der nach Israel eingeschleusten Afrikanerin damit das Letzte genommen wurde. Mitnichten. Tatsächlich hat sie mit ihrem Mann ihren größten Peiniger verloren, der sie geschlagen und mit Drogen gedealt hat. Das weiß Etan Grien natürlich nicht, als er Sirkit am nächsten Tag mit seinem Portemonnaie in der Tür stehen sieht. Das hatte Etan verloren, als er nach dem Unfall ausstieg und sah, wie Zerebrospinalflüssigkeit aus der Nase des Eritreers lief, ein Zeichen des drohenden Versagens des Mittelhirns.
Aufgestanden war Etan mit dem Gefühl, „dass die Erde unter ihm nachgeben“ müsse, nachdem er einen Menschen überfahren hatte. Aber erstaunlich: „Die Spinne fuhr fort zu spinnen und der Vogel zu singen, und sogar die Sonne entzog ihm keineswegs ihren Glanz.“ In Anbetracht der scheinbaren Normalität ist das menschliche Gehirn zu einer überlebenswichtigen Funktion imstande: zur Leugnung der Realität. Es ist völlig egal, wie intelligent jemand ist, „all seine Studienjahre verblassen hinter der Entschlossenheit des Gehirns, der Wirklichkeit nicht ins Auge zu sehen“, lehrte der begnadete Neurochirurg Professor Sakkai einst Etan an der Universität. Und Sakkai meinte damals nicht seine Verdrängung der Bevorzugung zahlungskräftiger Patienten, für die ihn der von ärztlichem Ethos erfüllte Etan später auffliegen lassen wollte. Folge seiner Entdeckung war dann nicht die Absetzung Sakkais, sondern Etans Versetzung vom „Schloss“ eines Spitals in Tel Aviv in den Betonkasten des Medizinzentrums von Be'er Scheva am Rand der Negev-Wüste. Willkommen in der Wirklichkeit! Einen ähnlichen Aufprall an der Realität erlebt Etan, als ihm die schöne, schlanke, schwarze Frau sein Portemonnaie hinhält und auf Hebräisch sagt: „Das ist deins.“
Der potenzielle Einwand, dass dieses Setting konstruiert wirkt, greift hier nicht. Die studierte Psychologin und Drehbuchautorin Ayelet Gundar-Goshen hat nicht die Absicht, einen journalistischen Beitrag zur Flüchtlingsproblematik (in Israel) zu liefern. Ihr geht es ganz im Sinn klassischer Literatur darum, in einem Kunstwerk philosophisch-moralische Fragen zu stellen. Etwa: Wie ist es heute möglich, ein anständiger Mensch zu sein/bleiben? Und wenn: wie? Oder: Bleibt Gutes stets gut und Böses immer böse? Wann schlägt eines ins andere um, und was passiert dann? Oder: Ist, wenn zwei das Gleiche tun, das stets dasselbe? Um solche und etliche weitere Probleme verhandeln zu können, braucht der Roman ein stabiles Gerüst, um all die schweren Fragen tragen zu können, die Ayelet Gundar-Goshen an ihm aufhängt. Sie wählt eine klassisch dichotomische Konstruktion, indem sie jeder auf den ersten Blick positiven Figur eine negative gegenüberstellt – und deren Rollen im Lauf der Geschichte mehrmals wechseln lässt.
So wird Sirkit von der Erpresserin zur Flüchtlingshelferin, von der unterdrückten Ehefrau zur Femme fatale, vom Gewaltopfer zur Gewalttäterin und manches mehr. Ihr gegenüber steht Liat, Etans Frau und Mutter seiner zwei Buben. Die für Recht und Ordnung zuständige höhere Polizeibeamtin war es, die Etan nahelegt hatte, Professor Sakkai nicht anzuzeigen. Sie ist in die Aufklärung des Falls der Fahrerflucht involviert und stellt ihrem Mann gegenüber die Vermutung an, „dass jemand, der einen Eritreer so überrollen und dann weiterfahren kann, eines Tages auch ein kleines Mädchen überrollt und danach weiterfährt“. Wenn Etan je daran gedacht hat, ihr die Wahrheit zu sagen, dann ist es jetzt damit vorbei. Er muss also sein Leben neu organisieren, da Sirkit von ihm verlangt, eritreische Flüchtlinge zu behandeln.
An dieser Stelle zweigt der wichtigste Seitenarm vom Hauptstrom der Handlung ab: dem Zerstörungswerk der Lüge. Ist Liat anfangs noch gewillt, Etans Ausreden für seine Abwesenheiten Glauben zu schenken, so breitet sich das Gift des (Ver-)Schweigens allmählich aus wie ein Krebsgeschwür und bewirkt eine schleichende Entfremdung der Eheleute. „Liat blickte ihren Mann mit erbarmungslosen Augen an. Es war, als entfernte eine böse Hand das Kleid aus Licht und Zärtlichkeit, und darunter erschiene der geliebte Körper nackt und bloß, Fleisch und Blut und Knochen.“ Während Etans Liebe zu Liat vom Schweigen zerfressen wird, wandelt sich sein Hass auf Sirkit in Lust. Er weiß nicht, wie er sich gegen die „Löwen in seinem Inneren“ wehren soll, die eine unbändige Macht über ihn gewinnen: „Was hatte sie mit ihm angestellt, dass er sie so begehrte?“
Wie Gefühle kaum merklich von einem zum anderen übergehen und wie wenig Einfluss man darauf hat, das zieht sich nicht nur auf der Handlungsebene durch den deltaförmig mäandernden Roman, sondern auch in seiner Struktur, in der sämtliche Seitenarme unterirdisch miteinander verbunden sind. Die Anlage des Romans erweist sich als sehr strapazierfähig und hält die Belastungen der vielen Zufälligkeiten mühelos aus.
Wer bisher vermeint hat zu wissen, was gut und was böse, was richtig und was falsch, was menschlich und was bestialisch ist, der wird nach der Lektüre von Ayelet Gundar-Goshens „Löwen wecken“ schwer verunsichert sein – und das ist gut so! Mein Lieblingsbuch des Jahres habe ich bereits gelesen. ■
Ayelet Gundar-Goshen
Löwen wecken
Roman. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. 432 S., geb., €23,50 (Kein & Aber Verlag, Zürich)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2015)