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Einmal Angst und zurück

Symbolbild Angst
Symbolbild Angstwww.BilderBox.com
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Den IT-Manager Rüdiger Striemer hat eine plötzliche Angststörung in die Psychiatrie gebracht. Heute arbeitet er wieder in seinem Beruf – und macht ihn nicht dafür verantwortlich.

Mit dem ausgebrannten Manager hat Rüdiger Striemer wenig zu tun. Auch wenn der IT-Manager vor gut dreieinhalb Jahren beinahe zwischen zwei Terminen direkt in der Psychiatrie gelandet ist. „Ich habe ein Problem mit dem Begriff Burn-out. Wenn man ausgebrannt ist, muss man auch gebrannt haben, das klingt so heldenhaft. Burn-out ist auch keine Krankheit, man kann es nicht diagnostizieren, im Gegensatz zu einer Angststörung“, sagt Striemer heute, nach wie vor oder eben wieder IT-Manager.

Striemer ist auch kein Aussteiger, keiner der sich von der hektischen, schnellen Arbeitswelt abwendet, um sein Leben zu ändern. Keiner, der nun die Welt oder zumindest die Gesellschaft verändern will. „Ich habe ein Buch darüber geschrieben, wie man eine psychische Erkrankung vernünftig therapiert, am eigenen Beispiel. Aber ich kann Ihnen nicht sagen, wie sich die Gesellschaft ändern muss, das ist nicht meine Aufgabe.“

Striemer ist einer, der seine Arbeit nach wie vor gern macht, auch wenn sie der Auslöser für seine Angststörung war. Das ist wohl auch der Grund, warum er in seinen Job als

Raus! Mein Weg von der Chefetage in die Psychiatrie und zurückBerlin Verlag

IT-Manager langsam, aber doch zurückgekehrt ist. „Ich hatte keine Lust, Schafe zu züchten, mir macht meine Arbeit ja Spaß“, sagt er heute. Er wirkt dabei ruhig, gelassen, so als wäre all das das Normalste auf der Welt. Und das ist es für ihn heute vermutlich auch.

Im November 2011 hat sich Striemers Erkrankung, die er in dem Buch „Raus! Mein Weg von der Chefetage in die Psychiatrie und zurück“ niedergeschrieben hat, erstmals bemerkbar gemacht. Begonnen hat es mit Kopfschmerzen, Unruhe, Schwindel, Konzentrationsschwierigkeiten und einer undefinierbaren Angst. Also sucht Striemer seine Hausärztin auf und versucht seinen Zustand mit einem Kurzurlaub mit einem guten Freund zu verbessern – vergeblich. Also wird weitergesucht, bis die Ärztin psychische Ursachen ausmacht. „Das hört sich jetzt blöd an, aber die Diagnose war eher beruhigend. Es gab eine Phase, in der ich davon überzeugt war, dass es ein Gehirntumor ist.“

Spricht Striemer über seine Erkrankung und die Therapie, klingt alles sehr logisch, fast einfach. Auch wenn es das natürlich nicht war. Er hat sich selbst in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen und, nach Telefonaten mit seiner Schwester, seine Nachbarin gebeten, ihn dorthin zu fahren. „Mich selbst einzuweisen war am Ende des Tages nur noch bedingt eine freie Entscheidung. Nachdem die Symptomatik so stark gewesen ist und ich unter einer mehr oder weniger 24 Stunden dauernden Angststörung gelitten habe, waren da keine großartigen Alternativen.“


Die Kontrolle abgeben

Also hat er im Internet recherchiert und sich für eine Privatklinik nahe eines Waldes entschieden. Warum? „Zufall. Der Wald hat mir am Anfang eher ein bisschen Angst gemacht. Das Gefühl, in einen dunklen Wald zu gehen und auch an schlechten Tagen wenig Tageslicht zu sehen, aber daran habe ich mich schnell gewöhnt.“ Auch daran, im Wald einfach stundenlang spazieren zu gehen. Früher wäre er nie auf die Idee gekommen, heute macht er das gern. Früher hätte er auch niemals zu Hause Musik gehört, ohne etwas anderes dabei zu machen. Auch das ist heute anders.

Das Schlimmste, sagt Striemer in Hinblick auf die Einweisung, sei der Kontrollverlust gewesen. Die Entscheidung über den Job, das Private, ja generell über sich selbst die Kontrolle abzugeben, war eine „unheimlich schwere Entscheidung“, sagt er. Nachsatz: „Aber eine, die man nicht ganz freiwillig trifft.“

In der Klinik einmal angekommen, hat er sich darauf eingelassen. Sein offener Zugang hat ihm dabei geholfen. „Ich weiß, dass viele Menschen da Berührungsängste haben. Aber die habe ich nicht. Wenn ich mit dem Blinddarm etwas habe, gehe ich zum Chirurgen, wenn ich eine psychische Erkrankung habe, gehe ich zu einem Psychiater.“

Dadurch hat sich auch recht rasch herausgestellt, was der Grund für seine Angststörung war: „In meinem Fall war die Belastungssituation in der Arbeit zu dieser Zeit der Auslöser, aber nicht die Ursache. Die lag, wie so oft bei psychischen Störungen, bei Dingen aus der Vergangenheit, die nicht richtig verarbeitet wurden. Bei mir war es der frühe Tod meiner Mutter, den ich verdrängt habe, wobei mir auch sämtliche Familienmitglieder geholfen haben.“ Striemer war damals elf Jahre alt. „Ich hatte funktioniert“, schreibt er in seinem Buch. Wohl auch, weil er sehr früh das Gefühl hatte, funktionieren zu müssen. Zwei Monate war Striemer in der Klinik. Er ist in dieser Zeit zu einem „Experten für meine eigene Erkrankung geworden“. Und er hat sich dafür entschieden, es zumindest zu versuchen, wieder in seinen alten Job einzusteigen – langsam, sehr langsam. Auch das sei schwierig gewesen. Am ersten Tag war er nach zwei Stunden körperlich erledigt. „Das ist sehr frustrierend. Aber man wird darauf vorbereitet. Genauso langsam, wie sich eine Störung aufbaut, geht sie auch zurück.“ Heute hat er in seinem Arbeitsalltag ein paar Dinge geändert: „Ich muss nicht mehr jedes Problem im Detail verstehen, und ich akzeptiere, dass Dinge einfach schiefgehen können.“

Auch Kleinigkeiten habe er geändert: So werden Telefonkonferenzen nicht mehr im Viertelstundentakt gehalten, sondern über den Tag verteilt. Striemer arbeitet heute im Schnitt ein bisschen weniger als früher, maximal acht bis zehn Stunden am Tag. Aber das Arbeitspensum war es nicht, meint er, sondern viel mehr eine Frage der Bewertung. Auch privat hat er einiges geändert: „Freizeit ist jetzt wirklich freie Zeit. Und ich kann es ganz gut mit mir allein aushalten, ich kenne mich jetzt auch besser.“ Eine Botschaft? „Wenn, dann diese: Solche Krankheiten gibt es nun einmal, und man tut gut daran, offen damit umzugehen.“

Buchtipp

Rüdiger Striemer: „Raus! Mein Weg von der Chefetage in die Psychiatrie und zurück“. Berlin Verlag, 256 Seiten, 20,60 Euro.

Rüdiger Striemer wurde 1968 in Bochum geboren und hat Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Universität Dortmund sowie Informatik an der TU Berlin studiert. Striemer ist Ko-Vorsitzender des Vorstandes der Adesso AG. Der IT-Dienstleister beschäftigt in Europa 1300 Mitarbeiter und zählt große DAX-Konzerne zu seinen Kunden. Striemer ist vor drei Jahren aufgrund einer psychischen Erkrankung zwei Monate aus seinem Job ausgestiegen und hat seine Erfahrungen in dem Buch niedergeschrieben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2015)