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Vom Irrtum der gespaltenen Persönlichkeit

Schizophrenie
Symbolbild Schizophreniewww.BilderBox.com
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Der Leidensweg einer mit 29 Jahren an Schizophrenie erkrankten Tirolerin, deren Leben vollkommen aus dem Ruder lief. Ursache für das Leiden sind Kommunikationsstörungen von Nervenzellen im Gehirn.

Es war für mich furchtbar, mit 30 Jahren sagen zu müssen, ich bin in Pension geschickt worden“, erzählt Anita W. (Name von der Redaktion geändert). Heute ist die schlanke Tirolerin 48 und hat keine Probleme mehr damit.

Vor etwa 19 Jahren jedoch ist ihr Leben vollkommen aus dem Ruder gelaufen. „Ich hatte keine Struktur mehr im Leben, hatte arge finanzielle Probleme, war komplett ins Abseits geraten. Ich konnte nicht mehr schlafen, war nächtelang wach, machte bei der Arbeit viele Fehler. Das Einzige, was ich gerade noch schaffte, war es, meinen behinderten Sohn Robert täglich in den Hort und zur Therapie zu bringen und wieder abzuholen.“ Der Hausarzt verschrieb erst Antidepressiva, ehe die Alleinerzieherin nach etwa eineinhalb Jahren die Diagnose Schizophrenie erhielt.

„Die Ursachen für Schizophrenie sind nach aktuellem Forschungsstand Kommunikationsstörungen zwischen Nervenzellen in jenen Hirnarealen, die für die Koordination und Bearbeitung von Denken, Erleben, Fühlen und Wahrnehmen verantwortlich sind. Die Erkrankung betrifft also die gesamte Persönlichkeit“, schildert der international bekannte Schizophrenie-Experte Wolfgang Fleischhacker, Leiter der Universitätsklinik für Biologische Psychiatrie sowie des Departments für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Innsbruck. Und er räumt einen weitverbreiteten Irrtum aus: „Schizophrenie hat nichts mit gespaltener Persönlichkeit zu tun, es ist auch keine Persönlichkeitsstörung.“


Realitätsverkennung, Desorganisation

Beim Großteil der Betroffenen tritt die Krankheit in Schüben auf. Dazwischen liegen Phasen mit weniger oder schwächeren Symptomen oder gar völlig symptomfreie Phasen. Grob skizziert gibt es folgende Symptomgruppen: Realitätsverkennung, psychomotorische Störungen, Desorganisation, Halluzinationen.

Fleischhacker sagt über die Desorganisation: „Wenn Hirnareale desorganisiert sind, ist man nicht mehr zu strukturiertem Handeln fähig. Bei vielen Kranken fehlt auch die emotionale Kommunikation. Sie verkennen Gefühle, können beispielsweise nicht unterscheiden, ob das Gegenüber ängstlich oder verärgert ist.“ Manche Betroffene sind sich dessen bewusst, andere wiederum weisen ein erstaunliches Manko an Krankheitseinsicht auf.

„Ich konnte mir lang nicht erklären, warum ich plötzlich soziale Schwierigkeiten hatte und alle Freunde sich von mir zurückgezogen haben“, sagt Anita W. Sie habe nie an eine Krankheit gedacht. „Ich suchte den Grund eher darin, dass ich überfordert war. Ich war geschieden, mein damals 13-jähriger Sohn behindert. Ich dachte, dass mir dieses Sorgenpaket und zusätzlich der Job einfach zu viel wurden.“ Auch, dass sie überhaupt nicht mehr abschalten konnte und ständig ruhe- und rastlos war, führte die damals 30-Jährige auf diesen Umstand zurück. „Die Isolation, in die ich dann geriet, hat alles nur noch verschlimmert. Es ging mit allem bergab, auch mein Selbstbewusstsein war im Keller.“ Zum Schluss hatte die junge Frau nur noch Selbstmordgedanken, kam in die Universitätsklinik Innsbruck, Sohn Robert zu seinem Vater; bei Anita W. wurde sehr bald Schizophrenie diagnostiziert.

70 Prozent aller Schizophrenie-Patienten leiden an Halluzinationen oder Wahnideen. Optische Halluzinationen sind ganz selten, die meisten hören Stimmen, die entweder Befehle geben oder kommentieren, was der Betroffene selbst fühlt und denkt. Dieses Stimmenhören ist meist bedrohlich, belastend, macht Angst. Auch Wahnideen sind häufig bedrohlich, die Kranken fühlen sich verfolgt, beobachtet, gesteuert; manche fühlen sich aber auch auserkoren, die Welt zu retten. Fleischhacker: „Schizophrenie umfasst also ein breites Spektrum an Symptomen, die in unterschiedlicher Ausprägung auftreten können. Manche Patienten sind so symptomarm, dass man die Krankheit oberflächlich gar nicht erkennt, viele sind arbeitsfähig. Bei etwa 15 Prozent gibt es einen einzigen schizophrenen Schub, dann heilt die Krankheit komplett aus und kommt nie wieder. Manche Patienten haben den ganzen Symptomkomplex, andere wiederum sind nur desorganisiert, dritte haben nur Halluzinationen.“

Halluzinationen kannte Anita W. nicht. Aber sie musste sich langsam ins Leben zurückkämpfen. „Nach dreimonatigem stationärem Aufenthalt im Krankenhaus war ich vier Jahre lang in einer Gruppe. Ich musste wieder lernen, einen strukturierten Tagesablauf zu gestalten und Kontakte zu anderen Menschen zu halten. Es war anfänglich sehr anstrengend und manchmal zum Verzweifeln. Aber das tägliche Gruppentraining hat mir Halt gegeben, und ganz langsam lernte ich wieder, Struktur und Sinn in mein Leben zu bringen.“ Ihr Lebensgefährte hilft ihr dabei. Und freilich auch Medikamente, die die Tirolerin regelmäßig nimmt. „Viele Patienten, denen es durch die Therapie besser geht, setzen dann ihre Medikamente ab. Auch in episodenfreien Intervallen, die es bei vielen gibt, werden Therapien oft eigenständig unterbrochen, und dann kommt der Rückfall“, weiß Fleischhacker aus jahrelanger Erfahrung. „Schizophrene weisen im Schnitt geringe Therapietreue auf und haben daher ein hohes Rückfallrisiko.“ Entscheidend für dauerhaften Erfolg, so der Experte, sei eine langfristige, wenn nicht sogar lebensbegleitende Einnahme von Antipsychotika.


Halt und Stütze

Anita W. nimmt regelmäßig eine minimale Erhaltungsdosis. Das ist mit ein Grund, warum es der sportlichen 48-Jährigen heute gut geht. „Alle fünf Wochen bin ich bei meinem Arzt. Das gibt mir Halt und Stütze und ist daher sehr wichtig für mich.“ Noch wichtiger sind allerdings der verständnisvolle Lebensgefährte und Benni – das ist Anitas Schäferhund, mit dem sie stundenlang im Wald unterwegs ist. „Da erlebe ich richtig Glück.“ Und die Krankheit ist meilenwert entfernt.

Fakten

Schizophrenie, eine Erkrankung des Gehirns, tritt erstmals meist zwischen dem 18. und 35. Lebensjahr auf. Rund 80.000 Österreicher sind betroffen.

Therapie. Insgesamt ist die Krankheit gut behandelbar, vorausgesetzt, die Medikamente werden regelmäßig genommen. Leider aber ist die Therapietreue bei Schizophrenen ziemlich gering.

Das Rückfallrisiko von 80 bis 90 Prozent lässt sich mit konsequenter Dauertherapie auf zehn bis 20 Prozent senken. Und das ist bei einer derart schwerwiegenden Erkrankung ein Riesenerfolg.

Hirn schrumpft. Bei lang unbehandelter Krankheit reduziert sich im Gehirn sowohl die graue als auch die weiße Substanz um etwa ein bis zwei Prozent. Was das genau bedeutet, weiß man noch nicht. Klar ist, dass eine derartige Volumenreduktion einen ungünstigeren Krankheitsverlauf mit sich bringt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2015)

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