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Amokfahrt in Graz: Befragung des Täters hat begonnen

(c) APA/EPA/VALDRIN XHEMAJ
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Graz hisst die schwarzen Fahnen. Blumen- und Kerzenmeere erinnern an die drei Todesopfer. Drei Verletzte schweben noch in Lebensgefahr.

Graz. Einen Tag nach der Amokfahrt des 26-jährigen Alen R. kehren die Menschen langsam wieder in die Grazer Innenstadt zurück, die am Samstagabend wie ausgestorben war. Drei Menschen starben, und 34 wurden verletzt, weil der psychisch kranke Mann am Samstagnachmittag mit einem grünen SUV in die geschäftige Herrengasse raste und dort gezielt Menschen niederfuhr. Drei Verletzte schwebten am Sonntag noch in Lebensgefahr.

In der Herrengasse ist es still. An jenen Stellen, wo Menschen gestorben sind, wurden kleine Totenschreine errichtet. Passanten legen Blumen nieder, zünden Kerzen an und stehen in kleinen Grüppchen zusammen. Man unterhält sich nur mit gedämpfter Stimme, um die stille Andacht nicht zu stören. Vor der Pfarrkirche, wo ein Vierjähriger und eine junge Frau gestorben sind, ist ein ganzes Meer an Blumen und Kerzen, dazwischen stehen Stofftiere. Auf dem Gebäude weht wie vielerorts die schwarze Fahne. Auch Innenministerin Johanna Mikl-Leitner zündet bei ihrem Besuch in Graz hier gemeinsam mit der Polizeispitze eine Kerze an und legt zwei Rosen für die junge Frau und das Kind nieder. Nach minutenlangem Verharren sagt sie: „Die Innenstadt ist wie eine offene Wunde. Es wird schwer heilen, es braucht Zeit.“ Bei der Trauerbewältigung soll ein Kriseninterventionsteam helfen, das gegenüber der Kirche stationiert wurde.

Auch vor dem Augarten, unweit der Synagoge zünden Menschen Kerzen an. Lavendel, Oleanderzweige und Hortensien umrahmen das Hochzeitsbild eines jungen Paars, das erst am 6.Juni aufgenommen wurde – die junge Frau wird ihren Mann Adis D. (28) nie wieder sehen. Er verstarb am Samstag noch an der Unfallstelle, sie selbst wurde „mittelschwer“ verletzt, wie die Polizei auf „Presse“-Anfrage mitteilte.

Das junge Paar stammte aus Velika Kladusa, einer Gemeinde im Nordwesten von Bosnien und Herzegowina, zwei Kilometer von der kroatischen Grenze entfernt. Der Täter wurde nur rund 60 Kilometer entfernt geboren. Alen R. flüchtete als Vierjähriger mit seinen Eltern vor dem Krieg nach Österreich, hat mittlerweile eine Staatsbürgerschaft und lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Graz. Ein Posting von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache sorgte in sozialen Medien für Aufregung. Er schrieb: „Wahnsinnstat in Graz! Der Täter ist aus Bosnien. Ein religiös begründetes Attentat wird nicht ausgeschlossen.“ Ein terroristischer Hintergrund wurde von der Polizei aber sehr schnell ausgeschlossen, der Mann leide an einer Psychose, in dieser Situation seien Menschen selbst- oder fremdgefährdend.

Täter handelte mit Vorsatz

Dennoch schließt der psychische Zustand des Mannes nicht aus, dass er die Tat geplant hat. Der Innsbrucker Psychologe Salvatore Giacomuzzi geht auf Basis der bisher bekannten Daten davon aus, dass es sich um Vorsatz handelt. „Allein die Tatsache, dass der Mann gezielt auf Passanten zuraste, sie verfolgte und immer wieder Menschen überfuhr, deutet darauf hin.“ Auch die zurückgelegte Strecke in der Fußgängerzone weißt laut dem Experten auf „knallhartes Kalkül mit viel Planung“ hin. Auffallend sind dazu die Facebook-Einträge des Kraftfahrers auf seiner Firmenseite – es hat keine gegeben. Bis vorgestern, da schrieb er: „Hurensöhne, not in my name“ (Anm.: Nicht in meinem Namen) und postete dazu ein Rap-Video.

Nachdem der Mann Samstagnachmittag nach der Amokfahrt vor der Polizeiinspektion Schmiedgasse festgenommen worden war, wurde er ins Polizeianhaltezentrum gebracht, wo er auf Alkohol und Drogen untersucht wurde. Er ist dort kein Unbekannter, er war schon mehrmals auffällig. Zuletzt erteilten ihm die Beamten am 28.Mai eine Wegweisung von der Familie wegen häuslicher Gewalt.

Der Mann war am Samstag in einem derart schlechten psychischen Zustand, dass er Fragen der Ärzte nicht beantworten konnte. Am Sonntag wurde der Mann in die Haftanstalt Jakomini überstellt, mittlerweile hat die Befragung des Täters aber laut Staatsanwaltschaft begonnen. Auch die 34 Opfer werden, soweit möglich, zum Tathergang befragt. Der Großteil der Verletzten wurde Samstag ins Grazer Landeskrankenhaus oder UKH gebracht, zwei Patienten wurden nach Klagenfurt und einer nach Oberwart geflogen. Zwei Kinder waren am Sonntagvormittag nach wie vor im LKH auf der Intensivstation. Ihr Zustand sei aber stabil, hieß es seitens des Spitals.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2015)