Unruhen: Proteststurm in Armenien

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In Jerewan kam es zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. Es gab mehr als 230 Festnahmen.

Jerewan. Und dann schritten die Sicherheitskräfte ein: In Armeniens Hauptstadt Jerewan hat die Polizei Dienstagfrüh mehr als 230 Menschen vorübergehend festgenommen. Es kam zu Zusammenstößen mit mindestens 25 Verletzten, davon 14 Demonstranten und elf Polizisten.

Dabei war zunächst alles friedlich verlaufen. Rund 5000 Menschen waren am Montagabend wegen einer angekündigten Erhöhung der Strompreise vor den Präsidentenpalast von Serzh Sargsyan gezogen. Nach der Kundgebung blieben noch hunderte Demonstranten, um in einem Sitzstreik über Nacht eine Straße zu blockieren. Dienstagfrüh löste die Polizei den Protest auf: Bilder zeigten den Einsatz von Wasserwerfern und Schlagstöcken.

Das Einschreiten der Polizei dürfte freilich kein Abebben der Proteste herbeiführen. Schon Dienstagabend wollten sich wieder Demonstranten auf dem Freiheitsplatz in Jerewan zusammenfinden. Zumal sich in den Protesten die generelle Wut über die Wirtschaftsmisere in dem kaukasischen Binnenstadt entlädt – und ein Ende ist nicht in Sicht. Die Grenzen zu zwei der vier Nachbarländer, nämlich der Türkei und Aserbaidschan, sind wegen des ungelösten Konflikts um die Region Berg-Karabach dicht. Sicherheitspolitisch und wirtschaftlich hat sich das Land an Russland gekettet, heuer trat es der Eurasischen Union bei. Die wirtschaftlichen Verwerfungen in Russland treffen die Armenier daher besonders hart. Die Landeswährung Dram der Drei-Millionen-Einwohner-Republik hat zuletzt massiv an Wert verloren. Die Armutsrate in dem Land liegt seit Jahren bei über 30 Prozent.

 

Verstärkte soziale Konflikte

Hinzu kommt die galoppierende Inflation (derzeit 5,1 Prozent). In der Vorwoche billigte die zuständige Behörde nun auch die Erhöhung der Strompreise mit 1. August um 22 Prozent. Viele Armenier fürchten, ihre Stromrechnungen dann nicht mehr bezahlen zu können. Der soziale Konflikt im Land könnte sich in Zukunft noch zuspitzen, warnte gestern der armenische Ökonom Tatul Manserjan im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters. (ag./strei)