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Junge Forscher: Optimistisch und sehr dynamisch

PROMOTION 'SUB AUSPICIIS PRAESIDENTIS' AN DER BOKU WIEN
(c) APA
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Die „Presse“ befragte Start-Preisträger über ihre Zukunftssicht. Big Data werde die Wissenschaft bestimmen, Internationalität und die Mitteleinwerbung.

Die Zukunft gehört der Bioökonomie, also einer Gesellschaft, deren Wohlstand und Entwicklung auf der Nutzung nachwachsender Rohstoffe beruhen.“ Rupert Seidl von der Boku Wien ist sich seiner Sache sicher. Es geht um den Lebensraum des Menschen, um die Umwelt, um künftige Ressourcen.

„Die Presse“ befragte diesjährige Preisträger des renommierten Start-Preises zu ihrer Zukunftssicht, ihren Erwartungen, ihrer Einschätzung, wie ihre Forschungsdisziplin sowie die allgemeinen Forschungsbedingungen in der Mitte dieses Jahrhunderts beschaffen sein werden. Die mit bis zu 1,2 Millionen Euro dotierten Start-Preise werden jährlich von Wissenschaftsministerium und Wissenschaftsfonds FWF an Nachwuchswissenschaftler vergeben. Die acht Preisträger 2015 sind zwischen 32 und 38 Jahre alt, sie sollen in den nächsten Jahrzehnten zur führenden wissenschaftlichen Elite des Landes zählen.

Rupert Seidl ist einer von ihnen. Der Forstwirt räumt Holz „als wichtigster nachwachsenden Ressource in Österreich“ eine zentrale Rolle ein. 50 Prozent der Landesfläche in Österreich ist derzeit bereits Wald, die Tendenz ist steigend. Seidl betont aber auch den Erhalt der biologischen Vielfalt und damit die Bewahrung unseres Ökosystems. Die Holzwirtschaft dürfe also nicht auf Kosten des landwirtschaftlichen Anbaus forciert werden. Seidl ist einer der beiden Ausnahmen der Ausgezeichneten dieses Jahres. Eine Forscherin ist dem Bereich der Politikwissenschaften zuzuordnen, doch gleich sechs der Jungwissenschaftler der Sparte Technik-Mathematik-Informatik.

 

Energie als großes Zukunftsthema

Um Energie geht es auch bei dem Physiker Gareth Parkinson von der TU Wien, bei ihm steht allerdings die nukleare Forschung im Fokus. Der Brite, der sich mit Katalysatoren aus einzelnen Atomen beschäftigt, geht vom unaufhaltsamen Bevölkerungswachstum aus. Daher sei die Erzeugung, Lagerung und Verwertung von Energie eine der Zukunftsfragen. Parkinson erwartet, dass in drei bis vier Jahrzehnten neue Erkenntnisse zum Energietransfer vorliegen werden, von einer Form in eine andere, sozusagen an der Schnittstelle zwischen zwei Materialien. Derzeit erfolgen die meisten Oberflächenversuche im Vakuum. Künftig, so seine Erwartung, sollten sie auch in der natürlichen Umwelt erprobt werden.

„Sehr dynamisch“, lautet die Prognose der Informatikerin Ivona Brandic, ebenfalls von der TU Wien, in Bezug auf die Entwicklung ihrer Disziplin Cloud Computing in den den nächsten Jahrzehnten. Die Arbeitsvorgänge würden sich in der Informatik ständig ändern, so die in Österreich wirkende Forscherin aus Bosnien-Herzegowina. Die experimentelle Forschung werde einen höheren Stellenwert erhalten. Angesichts der wenigen auf dem Gebiet tätigen Firmen wie etwa Google und Facebook sieht sie die Suche nach erforderlichen Industriekooperationen als eine der künftigen Herausforderungen.

Der Quantenphysiker Marcus Huber (ÖAW, derzeit noch Universitat Autònoma de Barcelona) sieht „eher optimistisch“, wie er betont, gleichfalls konkrete Veränderungen in seiner Forschungsdisziplin. „Die moderne Quanteninformationstheorie wird sicherlich viel weiter in der Alltagstechnologie integriert sein“, sagt er. Dementsprechend werde die tägliche Forschungspraxis diversifiziert und in viele verwandte Bereiche hinein erweitert – und das gehe mit einer gleichzeitigen stärkeren Bindung an technologischen Entwicklungen einher.

Etwas gebremst fällt die Reaktion des Mathematikers Christoph Aistleitner von der Uni Linz und TU Graz aus. Er wurde für seine Arbeiten mit mathematischen Fragen bezüglich der Zahlentheorie, der Analysis und der numerischen Mathematik ausgezeichnet. „Meine Forschungsdisziplin wird in einigen Jahrzehnten ziemlich unverändert beschaffen sein, so wie jetzt“, sagt er. Auf dem Gebiet der Mathematik würden Revolutionen nicht stattfinden.

Themenwechsel zur Politikwissenschaft: Kristina Stöckl von der Uni Wien befasst sich im Rahmen des Themas „Postsäkuläre Konflikte“ mit der Russlandforschung. Hier bestimmen die globalen politischen Veränderungen auch die Stoßrichtung der Forschung. Kristina Stöckl: „Es wird nicht mehr wie bisher hauptsächlich um das Verhältnis Russland-Europa oder Russland-USA gehen, sondern um Russlands Position in globalen Netzwerken der Macht und der kulturellen Einflussnahme von China über Indien bis zum Nahen Osten und Afrika.“ Wie in anderen Fächern gehe bei ihr der Trend in Richtung einer Trennung von Lehre und Forschung, wobei Letztere immer stärker projektorientiert und damit aktueller, aber auch kurzlebiger werde.

Christoph Aistleitner rechnet für die Zukunft mit einer größeren Hektik. „All das, was einen Forscher heutzutage nervt, wird sich wohl noch verstärken, insbesondere der Druck zur Selbstvermarktung und Mitteleinwerbung.“ Interessant sei auch die Frage, wie weit sich Spezialisierung und Interdisziplinarität die Waage halten. Es werde sicher zu einer weiteren Internationalisierung der Forschung kommen.

Von den vielen neuen Möglichkeiten, die sich in der Forschung eröffnen, hebt Marcus Huber zwei hervor: Einerseits könnte durch die Computertechnologie ein radikaler Wandel vorangetrieben werden. „Wenn wir in der Lage sind, Maschinen zu bauen, die fähig sind, aus Beobachtungen selbstständig gute mathematische Modelle zu formulieren oder sogar grundlegende mathematische Theoreme rigoros zu beweisen, dann wird sich der Forschungsalltag dadurch radikal ändern“, so seine Expertise.

Zweitens benötigt die Wissenschaft ein Publikationssystem, das den Umgang mit immer größeren Datenmengen vereinfacht. Allein auf seinem Gebiet der Quanteninformation werden täglich mehrere Dutzend Forschungsartikel veröffentlicht. Die einzelnen Forscher müssen sich auf dem aktuellsten Stand des Wissens befinden, dieser verändert sich aber ständig. Daher müsse man jetzt zu einem transparenten, derzeit noch nicht bestehenden Informationsmanagement finden.

 

Epoche des Anthropozäns

Von einer „immens verstärkten Datenbasis“ spricht auch Rupert Seidl auf seinem Gebiet, der Forst- und Landwirtschaft. Der nicht mehr zu überblickenden Datenmenge zu den in der Natur ablaufenden Prozessen werde eine verstärkte Interdisziplinarität gegenüberstehen. „Big Data wird in den Naturwissenschaften zum business as usual geworden sein“, so Seidl über den Forschungsstand in der Mitte des Jahrhunderts, „und hoch aufgelöste Informationen zu natürlichen Prozessen werden neue Einblicke in das Funktionieren der Natur zulassen.“

Gleichzeitig wird nach der Prognose des Boku-Forschers die Wissenschaft voll in der erdgeschichtlichen Epoche des Anthropozäns angekommen sein, also in jenem Zeitalter, in dem der Mensch den wichtigsten Einflussfaktor des Planten Erde darstellt. „Das heißt, dass Forschung zu natürlichen Prozessen ohne Berücksichtigung des Menschen obsolet wird, und die Natur- und Sozialwissenschaften stark verschmelzen werden“, sagt Seidl.

Mit dieser Sicht liegt Seidl auf einer Linie mit dem vom Wissenschaftsministerium für die nächste Zukunft ausgerufenen Aktionsplan „Responsible Research and Innovation“. Ohne den Menschen – in der Diktion des Ministeriums: der Gesellschaft – könne es zu keiner der notwendigen Neuorientierungen kommen. Die Scientific Community und die Gesellschaft müssten sich in einem ständigen gegenseitigen Austausch befinden. Wobei sich die offizielle österreichische Forschungspolitik mit einer Sicht bis zum Jahr 2020 begnügt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2015)