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Bevölkerung: Europa wird zum globalen Zwerg

(c) REUTERS (ALEXANDROS AVRAMIDIS)
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2050 werden nur noch 7,4 Prozent der Erdenbürger Europäer sein.

Wien. Wie viel Migration, wie viele Asylwerber verträgt Europa? Nach dem Scheitern des Asylgipfels in Wien und eines Gipfels auf EU-Ebene, um eine gleichmäßige Aufteilung von Asylwerbern zuwege zu bringen, muss sich Europa auch weiter verstärkt mit dieser Frage auseinandersetzen. Die globale Veränderung der Verteilung der Weltbevölkerung ist nämlich in vollem Gang. Das wird massive Auswirkungen auf Konflikte und Ressourcenverteilung haben. Ein Überblick über die aktuelle Prognose der Vereinten Nationen.

Europa: Dass die Alte Welt an Bedeutung verliert, ist nicht neu. Erstaunlich sind jedoch die Details. Noch 1950 war jeder fünfte Erdenbürger Europäer. Heute ist das nur noch jeder zehnte (740 Mio.). 2050 sollen es 7,4, Ende des Jahrhunderts gar nur noch 5,9 Prozent sein. Zu tun hat das nicht nur mit dem Wachstum anderer, sondern mit dem massiven Schrumpfen Osteuropas und einzelner Staaten der EU. So sagt die Prognose für 2050 Deutschland einen Rückgang von zehn Mio. Einwohnern voraus. Russland verliert bis dahin sogar 21 Mio. Relativ am schlimmsten erwischt es Bulgarien, dessen Bevölkerung bis dahin um 2,1 Mio, also fast ein Drittel, schrumpft.

Neben Österreich (Prognose 2050: 9,3 Mio.) gibt es jedoch auch Gewinner. Franzosen und Briten dürften dann nämlich fast so zahlreich sein wie die Deutschen heute (82 Mio.). Warum? Statistik-Austria-Demograf Josef Kytir macht dafür die geringe Zuwanderung in Deutschland sowie die vergleichsweise hohen Kinderzahlen pro Frau in Frankreich und Großbritannien verantwortlich.

Afrika: Der in absoluten Zahlen größte Zuwachs an Erdenbürgern findet in Afrika statt. Dabei hat sich das Rechenszenario der UNO-Demografen im Lauf der vergangenen Jahre verschärft. Die aktuell wahrscheinlichste Variante lautet: Die gegenwärtig 1,1 Mrd. Afrikaner sollen sich in den nächsten 35 Jahren auf 2,4 Mrd. mehr als verdoppeln. Bis 2100 könnte ihre Zahl noch einmal auf 4,2 Mrd. steigen und sich dann stabilisieren.

Dieser gigantische Zuwachs wird sich insbesondere südlich der Sahara abspielen. Nigeria, das heute etwa 175 Mio. Einwohner zählt, rückt bis 2050 auf Rang drei der bevölkerungsreichsten Nationen der Erde auf (440 Mio.) und dürfte 2100, wenn der Trend hält, mit 914 Mio. nur noch knapp hinter China (eine Mrd.) liegen.

Für Europa sind neben der Bevölkerungszahl jedoch auch andere Faktoren relevant. In diesem Fall: die Altersstruktur. 2050 wird das Medianalter hier 47 Jahre betragen. In Afrika 27. Das ist dann mit Abstand der niedrigste Wert aller Kontinente. Junge Bevölkerungen sind jedoch, wie das Demografen bezeichnen, aggressiv“. Das bedeutet nicht erhöhtes Gewaltpotenzial, sondern die Bereitschaft, bei schlechten Rahmenbedingungen seine Heimat zu verlassen und dorthin zu gehen, wo die Chancen auf Wohlstand oder Frieden höher sind.

Asien: Der bevölkerungsreichste Kontinent hat laut Prognosen den ganz großen Zuwachs hinter sich. Zwar sollen die heute 4,3 Mrd. Bewohner bis 2050 noch einmal auf 5,1 Mrd. wachsen, allerdings ist für die Jahrzehnte danach auch ein ebenso starker Rückgang vorhergesagt. Größter Verlustbringer ist das kinderarme China, das bis 2050 stabil bleiben soll, danach jedoch 350 Mio. Einwohner (2100) verlieren dürfte. Die positive Entwicklung Asiens bis zur Mitte des Jahrhunderts wird vor allem von Indien (dann mit 1,6 Mrd. Einwohnern größte Nation der Erde), Indonesien und Pakistan getragen.

► Andere Regionen: Im Vergleich zu anderen Kontinenten wird Südamerika die stabilste Bevölkerungsentwicklung vorhergesagt. Nordamerika, und hier insbesondere die USA, wächst vom hoch entwickelten Teil der Erde mit Abstand am stärksten. Aus 322 Mio. Bürgern heute sollen bis 2050 genau 400 Mio, bis 2100 sogar 462 Mio. werden – und somit in Sachen Bevölkerung mit der gegenwärtigen EU gleichziehen (heute: 507 Mio. Einwohner).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2015)