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Entwicklung: Wenn der Platz in Wien knapp wird

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Wien bleibt eine relativ junge Stadt. Mit mehr Zuwanderern und nur wenig mehr Alten. Bei prognostizierten 2,14 Millionen Einwohnern werden die äußeren Bezirke stark wachsen und die Grenze zu NÖ wird fließend sein.

Wien. Auch 33 Jahre von jetzt an gerechnet, wird Wien weiter wachsen. Vielleicht nicht so sehr, wie manche meinen würden. Aber immerhin: 2,14 Millionen Bewohner, prognostiziert die Statistik Austria, werden 2048 in Wien leben. Damit ist Wien das am stärksten wachsende Bundesland in Österreich. Auch wenn immer von Überalterung der Gesellschaft gesprochen wird, „Wien wird eine relativ junge Stadt bleiben“, sagt Alexander Hanika, Bereichsleiter Analyse und Prognose bei der Statistik Austria. Der Anteil der Bewohner über 65 Jahre steigt zwar von 17 Prozent auf 21,9, der der Jungen aber auch, von 19,2 auf 19,9 – zwischendurch sogar auf über 20 Prozent.

Grund dafür ist die starke Zuwanderung, rund 40 Prozent der Migranten, die nach Österreich kommen, werden sich in Wien ansiedeln. 2048 werden 41,2 Prozent der Wiener im Ausland geboren worden sein. Derzeit sind es 32,5 Prozent. Die größte Gruppe werden Zuwanderer aus den EU-Ländern sein. Schrumpfen wird dafür der Anteil der Wiener mit Erwerbspotenzial von 63,8 Prozent auf 58,2 Prozent. Das sind jene Menschen, die im arbeitsfähigen Alter sind. Was damit zu tun hat, dass die Babyboom-Kinder in Pension gehen werden.

 

22. Bezirk: 20 Prozent Wachstum

Die neuen Einwohner der Stadt wirken sich vor allem auf Wiens Außenbezirke aus. Der 22. Bezirk wird um 20 Prozent wachsen, die Seestadt Aspern wird dann voll besiedelt sein. Stark wachsen werden auch Floridsdorf, Favoriten, die Brigittenau, Simmering und die Leopoldstadt. Einzig im ersten Bezirk wird die Zahl der Bewohner sinken. Weil die Alten sterben und die Jungen sich die Mieten nicht leisten können.

Eine unleistbare Innenstadt prognostiziert auch Renate Zuckerstätter-Semela von Stadt-Umland-Management, einem Verein finanziert von Wien und Niederösterreich. Sie berät als Stadtentwicklerin Gemeinden bei Projekten. Zuckerstätter-Semela glaubt, dass im Jahr 2048 die Stadtgrenzen zwischen Wien und Niederösterreich fast aufgelöst sein werden. „Wir werden eine Stadtregion sein, die intensiv miteinander verflochten ist. Und wo Dinge gemeinsam politisch entschieden werden“, sagt sie. „Wir arbeiten schon jetzt in Wien und verbringen unsere Freizeit in Niederösterreich oder umgekehrt.“

Verändert wird sich auch das Stadtbild haben. Die Stadt wird kompakter werden. Das bedeute allerdings keine Hochhäuser wie in Manhatten. „Das Unesco-Weltkulturerbe wird halten“, ist sie überzeugt, aber gerade am Stadtrand, wo Häuser bis jetzt nur ein- bis zweistöckig seien, werde auf vier bis fünf Stockwerke aufgebaut. Flachdächer, die ungenutzt bleiben, wird es 2048 kaum noch geben, glaubt sie. Auch Parks könnten dann in die Höhe wandern. Und es wird einen „halbwegs geschlossenen Grüngürtel“ um die Stadt geben. „Weil bei uns das Bewusstsein groß ist, dass das ein wertvolles Gut ist.“

 

Vorbereiten auf den Klimawandel

Auch muss sich die Stadt schon jetzt auf Folgen des Klimawandels vorbereiten. Wien wird 2048, so die Prognosen, auf dem Hitzeniveau von Madrid sein. „Hitzeinseln in der Stadt sind sehr gefährlich, weil die Alten kollabieren.“ Schon jetzt werde versucht, mit kluger Architektur dem entgegenzuwirken.

Fossile Brennstoffe werden 2048 knapper. Wien wird vermehrt auf erneuerbare Energien wie Solarenergie setzen. „Man wird auch viel mehr sparen müssen. Alles wird in Richtung Energieeffizienz gehen“, sagt sie. Das wird ebenso Autos treffen. „Entweder die Fahrzeuge werden kleiner, oder es geht in Richtung Shared Economy“, sagt sie.

Der öffentliche Verkehr werde ausgebaut, dadurch wird es mehr Grünflächen geben, glaubt Lilli Lička, Leiterin des Instituts für Landschaftsarchitektur der Universität für Bodenkultur in Wien. Auch werden die Wiener bei der Gestaltung neuer Parks mehr mitreden.

Schwer abschätzbar seien die sozialen Entwicklungen, sagt Zuckerstätter-Semela. Grundsätzlich hätte Wien keine Tendenz zur Ghettoisierung, dass es zu sozialen Unruhen kommen wird, glaubt sie nicht. Trotzdem: Gerade junge Leute werden sich kaum noch Eigentum leisten können, sagt sie. Generell gilt: „Der Verteilungskampf wird größer, es wird mehr arme Menschen geben.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2015)