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Was ist ein „Islam ohne Scharia“?

Zu Michael Leys „Islamisierung Europas: Nein, ich habe keine Visionen“ im vorigen „Spectrum“. Eine Replik.

Wie müssen sich die Angehörigen des Islam fühlen, wenn sie diesen Bericht über sich im „Spectrum“ der „Presse“ (20. Juni) lesen? Gerade einmal 6,2 Prozent der österreichischen Wohnbevölkerung bekennen sich zum Islam. Rechnet man nur Personen mit österreichischer Staatsbürgerschaft, sind es gar nur 3,4 Prozent (Integrationsfonds 2009, gesicherte jüngere Zahlen gibt es nicht). Was Europa betrifft, liegen die Angaben zwischen sechs und acht Prozent. Bei solchen Größenordnungen eine Islamisierung des Kontinents zu befürchten ist doch ein bisschen übertrieben.

Es wird ein „Islam ohne Scharia“ gefordert. Ebenso gut könnte jemand ein Christentum ohne Neues Testament fordern oder die Donau ohne Wasser. Scharia, bestehend aus Koran und Sunna, ist nun einmal das Fundament der Religion, auf dem die Theologie und die Rechtsschulen aufbauen und gesetzliche Ordnungen und Handlungsvorschriften erstellen. Dass hier Spielraum möglich ist, beweisen die unterschiedlichen Strömungen des Islam ebenso wie die unterschiedlichen politischen Systeme von Marokko über Saudi-Arabien bis Indonesien. Entscheidend ist, was Menschen aus den heiligen Schriften herausholen wollen. Pluralismus zwischen und innerhalb der Rechtsschulen war immer gegeben.

 

Machismus nur unter Muslimen?

Vor solchen Sätzen Michael Leys muss man Angst haben: „Die autochthonen Europäer sollen offensichtlich auf jegliche nationale, kulturelle, religiöse sowie letztlich auch auf eine traditionelle sexuelle Identität verzichten.“ Was genau sind „autochthone Europäer“? Wie viele Generationen muss man ansässig sein? Und wer bestimmt das? Was ist in einem geeinten Europa die „eigene Bevölkerung“ auf dem„eigenen Boden“? Die Wortwahl erinnert an Ideologien, von denen wir hofften, dass sie für immer überwunden seien.

Es folgen die üblichen stereotypen Beschuldigungen: Desintegration, Machismus, gekaufte Bräute, Ehrenmorde, Kriminalität, Antisemitismus, Verachtung des Christentums; als ob ein solcher Artikel nicht gerade einen Beitrag zur Desintegration leiste; als ob die Integration neu Hinzugekommener nicht auch in der Verantwortung derjenigen läge, die bereits da sind; als ob es keinen Machismus unter Nicht-Muslimen gäbe; als ob es keine Ungleichbehandlung von Frauen in Europa gäbe.

Im Übrigen werden Bräute nicht gekauft, die Brautgabe ist eine Gabe an die Braut persönlich, sie ist eine ökonomische Sicherstellung, deren Fälligkeit und Höhe vertraglich geregelt wird. Wenn in einem nicht-muslimischen Haushalt ein Mord passiert, nennt man es eine Tragödie, wenn in einem muslimischen Haushalt ein Mord passiert, nennt man es einen Ehrenmord. Dass die Kriminalität nicht korreliert mit der Religionszugehörigkeit, ist durch Studien belegt. Und was den Antisemitismus betrifft, wird nun so getan, als ob er ein Produkt der muslimischen Zuwanderung wäre, als ob es nie einen Holocaust gegeben hätte.

Wie müssen sich Leute fühlen, die in Österreich geboren sind, täglich ihre Ärmel aufkrempeln, Steuern und Sozialversicherungsbeiträge zahlen, wenn sie seit ihrer Kindheit dergleichen Anklagenschlucken müssen? Dabei wünschen sich viele nichts sehnlicher, als ganz normale muslimische Österreicher und Österreicherinnen zu sein. Nicht selten sprechen sie besser Deutsch als die rechten Kräfte im Lande, die gegen sie Stimmung machen, wie eine Anzahl von Wahlplakaten heuer wieder eindrucksvoll gezeigt hat. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2015)