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"China wird das Herz eines neuen Finanzimperiums"

(c) REUTERS (KIM KYUNG-HOON)
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Mark Leonard, Direktor des European Council on Foreign Relations, wirft einen Blick ins Jahr 2048: China hat Vasallenstaaten an sich gebunden, die USA geben nur noch im Westen den Takt vor, Russland ist abgesackt, die EU hat bis zu 40 Mitglieder.

Die Presse: Herr Leonard, ich stelle Ihnen in den nächsten zehn Minuten Fragen wie in einem Quiz, einem Nostradamus-Quiz. Also geben Sie bitte kurze Antworten, damit wir die Welt einmal umrunden können. Bereit? Es geht los: Werfen Sie einen Blick in die Kristallkugel: Welche Weltmächte werden 2048 noch mitmischen?

Mark Leonard: China, die USA, die EU, Indien, Indonesien und der Iran.

 

Wie wird die neue Weltordnung aussehen? Wird es eine multipolare Welt?

Es wird keine klassische multipolare Welt sein. Sie wird immer noch universelle Institutionen wie die UNO, den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank haben. Aber es wird auch ein Patchwork von Freundschaftsgesellschaften entstehen: Es wird ein chinazentriertes Weltsystem geben, ein europazentriertes, ein amerikazentriertes und vielleicht auch noch andere Systeme, die einander überlappen. Es wird eine komplizierte Welt.

 

Keine einzelne Macht wird jedoch in der Lage sein, die Welt zu dominieren.

Es wird keine Vormacht mehr geben.

 

Wird die Kommunistische Partei 2048 in China an der Macht sein?

Ja, aber sie wird ziemlich anders aussehen.

 

Wird es weniger oder mehr Demokratien auf der Welt geben?

Es wird eine Welt mit viel Demokratie, aber viel weniger Liberalismus sein.

 

Wie sollen wir uns die chinazentrierte Welt vorstellen?

China wird das Herz eines neuen Finanzimperiums sein, das große Teile der Welt an der Peripherie an sich bindet. Andere Länder werden sehr abhängig von chinesischem Kapital, chinesischen Ressourcen und chinesischer Infrastruktur sein, die sie mit der chinesischen Wirtschaft verbindet. Chinesische politische Präferenzen werden diese Welt regieren. Sie wird sich stark vom Westen unterscheiden: viel weniger konzentriert auf individuelle Rechte und Freiheiten, eine stärkere Rolle des Staates in der Wirtschaft. Und: China wird ein intensiv nationalistischer Staat sein, und dies seine Verbündeten spüren lassen.

 

Welche Rolle werden die USA spielen?

Die USA werden unter den Top-drei-Wirtschaften der Welt sein, sie werden die führende Militärmacht bleiben. Sie werden wichtige Verbündete in jeder Region haben und deshalb ein wesentlicher Faktor in jedem Teil der Welt sein. Aber die USA werden, abgesehen von der westlichen Hemisphäre, in keiner Region der Hauptakteur sein. Die Regionalmächte werden an Bedeutung gewinnen. Die USA könnten ein wichtiger Ausgleichsregler in diesen Weltgegenden sein.

 

Wird der Dollar weiterhin Leitwährung sein?

Der Dollar wird an Bedeutung verlieren und nur noch eine von mehreren Leitwährungen sein. Die amerikanische Wirtschaft wird sich gut weiterentwickeln, dank innovativer Technologien. Die USA werden aber im Vergleich zu heute weniger zentral für das globale Wirtschaftssystem sein.

 

Wird die EU noch existieren?

Ja.

 

Wie viele Mitglieder wird die EU haben?

Es wird nicht nur eine Europäische Union geben, sondern viele Unionen. Wenn man die äußeren Kreise dazuzählt, könnte sie bis zu 40 Mitglieder haben. Aber es wird verschiedene Kerngruppen geben, rund um den Euro und andere gemeinsame Projekte. Die EU wird unordentlicher und komplexer sein als heute.

 

Werden neue Institutionen die EU prägen?

Die Parlamente werden wichtiger sein, auf europäischer und nationaler Ebene.

 

Wird es eine Europäische Armee geben?

Nein.

 

Wird Großbritannien Teil der EU sein?

Großbritannien wird Teil einer der Europäischen Unionen sein.

 

Wird die Integration von Migranten 2048 noch immer ein Problem darstellen?

Das Problem wird noch fünfmal größer sein. Vor 50 Jahren lebten in Europa fünfmal so viele Menschen wie in Afrika. 2050 werden fünfmal so viele Menschen in Afrika leben wie in Europa. Die demografische Frage wird die größte Herausforderung für unsere Politik, für unser Zusammenleben, für unsere wirtschaftliche Zukunft.

 

Werden 2048 in Europa Wohlfahrtsstaaten bestehen, wie wir sie heute kennen?

Ja. Sie werden anders ausgestattet sein, aber es wird sie noch immer geben. Es wird weltweit sogar mehr Länder mit Wohlfahrtssystemen geben als heute.

 

Wird Religion eine kleinere oder eine größere Rolle in den Gesellschaften spielen?

Als eine Folge der Immigration könnte Europa seine Religion wiederfinden. Ähnlich wie das in den Vereinigten Staaten unter dem Einfluss von Einwanderern passiert ist.

 

Wird der sogenannte Krieg gegen den Terror 2048 vorbei sein?

Es wird an verschiedenen Orten der Welt Terrorismus geben. Aber am bekanntesten wird 2048 der chinesische Krieg gegen Terror sein, bedeutsamer jedenfalls als der amerikanische.

 

Wo? In der uigurischen Provinz Xinjiang?

Nein, nicht nur in Xinjiang. China ist schon jetzt der größte Bezieher von Erdöl aus dem Nahen Osten. Chinesische Unternehmen und Bürger halten sich an allen möglichen gefährlichen Orten auf, wo sich Terroristen herumtreiben. Und sobald Extremisten des Islamischen Staats oder anderer Gruppen beginnen, Chinesen zu köpfen, wird sich auch der chinesische Krieg gegen den Terror intensivieren.

 

Werden bis 2008 im Nahen Osten neue Staaten und Grenzen entstehen.

Ja.

 

Wird es ein Kalifat geben?

Es könnte mehrere Kalifate geben. Wer weiß?

 

Sie haben anfangs in Ihrer Aufzählung der Weltmächte Russland nicht erwähnt.

Russland wird 2048 bei Weitem nicht so mächtig sein wie heute.

 

Wird die Eurasische Union, von der Russlands Präsident Putin träumt, bis 2048 Bestand haben?

Das ist möglich.

 

Wird die Ukraine Mitglied der Europäischen Union sein?

Das hängt davon ab, ob die Ukraine schrumpft oder nicht. Eine kleine Ukraine könnte in die EU aufgenommen werden. Aber eine Ukraine, die gröbere Territorialkonflikte mit Russland austrägt und russische Truppen auf ihrem Territorium hat, wird niemals Mitglied der EU werden.

 

Wird 2048 noch der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zusammentreten?

Ja.

 

Werden dann endlich auch Indien, Brasilien und Indonesien dem Sicherheitsrat angehören?

Nein. Der Sicherheitsrat wird genau so aussehen wie heute.

 

Wird sich nach dem Vorbild der EU eine Asiatische Union zusammentun?

Nein, es wird verschiedene Gemeinschaften in Asien geben.

 

Wird 2048 noch Nordkorea auf der Landkarte eingezeichnet sein?

Vermutlich nicht.

 

Wo werden sich die Zentren des Wirtschaftswachstums befinden?

Wer heute am ärmsten ist, wird das höchste Wirtschaftswachstum haben. Das Wachstumszentrum wird sich also wahrscheinlich in Afrika befinden.

 

Werden wir oder unsere Nachfahren eine Rückkehr der Ideologien erleben?

Die Ideologien kehren bereits im Jahr 2015 zurück. Ich bin sicher, dass 2048 jede Menge Ideologien herumschwirren werden.

 

Werden sich Alternativen zum Kapitalismus etablieren?

Es wird verschiedene alternative Typen des Kapitalismus geben.

 

Also keine grundlegende Alternative, sondern nur Variationen des Kapitalismus?

Ja, aber sie unterscheiden sich ziemlich voneinander. Der Staat und Planung spielen in den Modellen des Kapitalismus eine unterschiedliche Rolle.

 

Und welche Färbung könnten diese Variationen annehmen?

Ein islamischer Kapitalismus, diverse Formen des Staatskapitalismus. Schon jetzt existieren verschiedene konkurrierende Modelle des Kapitalismus: die europäische Ausprägung, die amerikanische, die chinesische. Aber diese Unterschiede könnten sogar noch größer werden und beträchtliche Spannungen verursachen.

 

Wird ein Mitglied der Familie Bush oder der Familie Clinton 2048 bei den US-Präsidentschaftswahlen antreten?

Da bin ich mir ganz sicher. Wahrscheinlich beide.

ZUR PERSON

Mark Leonard ist Mitbegründer und Direktor des European Council on Foreign Relations, des derzeitig wohl wichtigsten und originellsten paneuropäischen Thinktanks. Seine erste Denkfabrik, das Foreign Policy Centre, gründete der Brite im Alter von 24 Jahren unter der Patronanz von Ex-Premier Tony Blair. Leonard publiziert regelmäßig Essays in großen internationalen Zeitschriften wie „Economist“, „Time“, „Newsweek“ oder „Foreign Affairs“. Er schrieb zwei äußerst erfolgreiche Bücher: „Why Europe will run the 21st Century“ (2005) und „What does China think“ (2008).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2015)