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Das Büro wird papierlos - aber diesmal wirklich

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Vor fast genau 40 Jahren wurde der Ausdruck vom papierlosen Büro geprägt. Doch der Verbrauch ist seither stetig gestiegen. Die Zukunft aber wird recht papierarm werden – weil Papier schlicht zu teuer wird.

Wien. Es ist ein kleines Wunderding: Der Xerox Scanner Documate 3120 kann pro Minute 25 Seiten Papier in digitale Daten verwandeln. Mit allen Vorteilen, die die Texterkennung und die Archivierungssoftware mit sich bringen: Man kann die Texte kopieren, kann einen Stapel von Dokumenten nach Stichworten durchsuchen und muss sich keine Sorgen machen, dass das wertvolle Original irgendwo verschwindet oder beschädigt wird, weil man es hundertfach digital kopieren kann.

Ein Denkmal wird Greenpeace dem Scanner dennoch nicht setzen. Denn bevor er Papier in digitale Daten verwandeln kann, muss noch immer ein Baum gefällt werden, damit man Texte auf Papier drucken kann. Es ist eine paradoxe Situation: Die meisten Texte entstehen mittlerweile am Computer, am Handy oder dem Tablet und werden über E-Mails oder Internet geteilt. Fast jeder besitzt ein Smartphone, ein Tablet oder einen PC, um den Text zu lesen – und dennoch wird so viel Papier verbraucht wie noch nie in der Geschichte.

 

Acht Milliarden Bäume

Fast auf den Tag genau vor 40 Jahren, am 30. Juni 1975, hat Vincent Giuliano von der Unternehmensberatung Arthur D. Little in einem Artikel in „Businessweek“ („The Office of the Future“) den Begriff vom papierlosen Büro geprägt. Die Verwendung von Papier für Unterlagen oder Korrespondenz werde in den 1980er-Jahren massiv abnehmen und „bis 1990 werden die meisten Unterlagen digital sein“, glaubte Giuliano.

2015 ist das Büro nur dann papierlos, wenn der Netzwerkdrucker Probleme macht. Im Jahr 2048 allerdings wird Papier in den meisten Büros tatsächlich Seltenheitswert haben, aus einem recht pragmatischen Grund: Papier wird dann einfach zu teuer sein, um darauf etwas auszudrucken.

„Wir halten aktuell bei einem weltweiten Papierverbrauch von mehr als 400 Millionen Tonnen“, erklärt Johannes Zahnen, Referent für Forstpolitik beim WWF Deutschland. „Bis 2025 wird der Verbrauch auf 500 Millionen Tonnen und bis 2050 auf 800 Millionen Tonnen steigen. Und dann haben wir wirklich ein Problem.“ Denn 800 Millionen Tonnen Papier entspricht, auch wenn es eine sehr unsaubere Umrechnung ist und beispielsweise Altpapier nicht enthält, etwa acht Milliarden Bäumen.

„Die Begehrlichkeit nach Holz nimmt in den kommenden Jahren kontinuierlich zu“, meint der WWF-Experte zur „Presse“. Einerseits gehe es um den Bedarf von Brennholz und die immer beliebteren Pellets, andererseits steigt der Bedarf für Verpackungen aus Karton, weil immer mehr Artikel im Internet bestellt und per Post versandt werden. Auch Hygienepapier werde stärker nachgefragt. Der Verbrauch steigt vor allem in den aufstrebenden Staaten. „Aktuell verbraucht ein Chinese etwa 60 Kilogramm Papier pro Jahr. Wenn sich das unseren Standards annähert, ist das bei einer Milliarde Menschen eine gigantische Summe.“

„Unsere Standards“ sind im Vergleich enorm: Deutschland hatte 2013 einen Papierverbrauch von 237 Kilogramm pro Einwohner, die USA lagen bei 236 Kilogramm. Österreich gehört zur weltweiten Spitzengruppe: Jeder Einwohner verbrauchte 265 Kilogramm Papier. Allerdings ist Österreich auch beim Recyceln des Papiers eines der führenden Länder der Welt: Die Rücklaufquote beträgt 72 Prozent (westeuropäischer Durchschnitt ist 49 Prozent).

In den Büros der westlichen Welt nimmt der Papierverbrauch langsam ab, jährlich etwa um drei Prozent. Immer mehr Firmen stellen auf digitale Formulare um, Ämter – auch in Österreich – haben den digitalen Akt realisiert , bis 2048 werde es in Unternehmen „kaum noch Papier geben“, meint Stefan Rief vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart. „Es wird nicht völlig papierlos sein, aber sehr papierarm.“ Man werde Tablets haben, die noch einfacher zu bedienen sind. Die Wände werden als Bildschirme verwendet werden können, der Tisch werde ein Display sein, es werde biegsame Bildschirme geben – „alles, was man jetzt auf dem Schreibtisch an Papier stapelt oder irgendwo aufhängt, um es sofort im Blick zu haben, wird man auf Bildschirmen darstellen können“.

 

Tool mahnt vor Ausdrucken

Ausdrucke seien nicht notwendig bzw. würden das Arbeiten nur erschweren. „Man wird nicht mehr stur an einem Schreibtisch sitzen, es wird sehr viel Freiheit und Autonomie geben. Und da kann man gar nicht so viel Papier mitschleppen“, meint Rief. Ausdrucke würden zur Seltenheit werden.

Die Firma Xerox bietet schon jetzt ein Tool an, das Mitarbeitern spielerisch Tipps gibt, wie man intelligenter oder besser gar nicht druckt. Ein anderes Tool mahnt den PC-Nutzer, wenn man ein Dokument bereits einmal ausgedruckt hat. „Es ist heute zu einfach, etwas auszudrucken”, sagte Xerox-Chefin Sandra Kolleth in einem „Presse“-Interview. „Alles ist im Computer, und wenn ich es brauche, drucke ich es einfach wieder aus.“ Am Ende des Tages, ergab eine US-Studie, landen 45 Prozent der Ausdrucke im Papierkorb.

In den Büros der Zukunft, meint Stefan Rief, würden nicht nur Drucker Seltenheitswert haben, sondern vor allem auch Aktenordner. Und das wirft ein ganz anderes Problem auf: „Derzeit verwendet man Regale voll mit Aktenordner oder Unterlagen zur Unterteilung von Räumen und auch, um den Lärm damit zu dämmen. Man wird sich etwas anderes einfallen lassen müssen, weil es die großen Regale in einem papierarmen Büro nicht mehr geben wird.“

AUF EINEN BLICK

Im Jahr 2048 werden Drucker und Papier im Büro Seltenheitswert haben. Wände und Tische könnten als Bildschirme fungieren, Monitore werden biegsam sein, meint Stefan Rief, der sich am Stuttgarter Fraunhofer-Institut mit dem Büro der Zukunft beschäftigt. Damit werde man alle Dokumente im Blick haben und müsse nicht mehr Papierunterlagen stapeln. Dazu kommt, dass Papier teuer werden wird. Denn der weltweite Papierverbrauch wird sich bis 2050 auf etwa 800 Millionen Tonnen verdoppeln, meint WWF-Experte Johannes Zahnen. Einer der Hauptverwendungszwecke wird Verpackung sein, weil immer mehr Artikel im Internet bestellt und versandt werden. Gerade in den aufstrebenden Staaten wird der Papierverbrauch rasant steigen. China verbraucht derzeit 60 Kilogramm Papier pro Kopf und Jahr, Österreich ist mit 265 Kilogramm weltweit in der Spitzengruppe.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2015)