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Niki Lauda: "Die Versuchskaninchen der Industrie"

Beim GP in Spielberg stieg Niki Lauda, dreifacher Formel-1-Weltmeister, nochmals selbst in das Cockpit.(c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Andreas Pranter)
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Ein Gespräch mit Niki Lauda über Benzin-, Elektro- und Solarzellen-Rennautos. Der Formel-1-Champion sieht den Rennsport überleben, Antrieb und Brennstoff lässt er offen. "Es wird auch 2048 noch um Geld und Unterhaltung gehen."

Die Presse: Herr Lauda, die Welt verändert sich und mit ihr auch der Motorsport. Riskieren wir den Blick in die Zukunft – wird es 2048 Motorsport noch geben?

Niki Lauda: Grundsätzlich hängt einmal alles davon ab, zu wissen, was die Industrie will, wohin der Hase auf diesem Sektor läuft. Nicht jeder Hersteller verfolgt die gleichen Ziele oder Philosophien. Ferrari ist ja beispielsweise im Vergleich zu Mercedes nicht so im Elektrobereich unterwegs. Auch Honda, Renault, Toyota – jeder hat sein eigenes Wunschziel. 2048 ist noch weit weg, eine Tendenz kann ich trotzdem schon ablesen. Motorsport wird es geben, ja. Dafür muss man kein Hellseher sein – mit Elektroautos, die sind ein heißer Tipp.

 

Auch im Rennsport? Bislang sind E-Serien eher ein Flop. Die Formel E fährt nicht nur des schlechten Marketings wegen im Abseits aller Wahrnehmung.

Definitiv. Die E-Serien, die wir jetzt erleben, stecken doch noch in den Kinderschuhen. Vielleicht gibt es dann aber eine zündende Kombination mit Benzin und Elektronik. Die Industrie wird vielleicht diesen Kompromiss auch suchen, zudem braucht dieser Geschäftszweig den Sport wie einen Bissen Brot.

 

Warum?

Ganz einfach: Rennfahrer und Rennautos dienten Herstellern doch immer schon für die Weiterentwicklung ihrer Produkte. Sie sind die Versuchskaninchen der Industrie. Alles, was heute im Auto normal ist, kam aus dem Rallyesport oder der Formel 1. ABS etwa.

 

Das ist aber noch keine Erklärung dafür, warum etwa die Formel E jetzt ein Rohrkrepierer ist, obwohl die Formel 1 doch vor Fadesse nur so strotzt...

...Moment! Das liegt nicht an den Rennen oder den Fahrern, die Formel 1 ist limitiert von Regeln, Verboten. Es ist ein Wahnsinn, dass es ein Punktesystem gibt wie beim deutschen Führerschein. Für Vergehen gibt es Punkte in Flensburg, Schwachsinn in Reinkultur. Die Straßenverkehrsordnung hat im Rennsport doch nichts verloren. Wir werden es ändern und damit wird es die Formel 1 vielleicht 2048 auch noch geben. Aber, dann ist die Konkurrenz diverser E-Serien noch größer. Es hat enormes Marketingpotenzial, das momentan noch verschleudert wird. Die Rechnung geht nämlich nicht auf, die Karten werden verschenkt, die Rennorte sind zwar populär – nur diese Rennen sind wirklich langweilig. Mit Autowechsel, weil die Batterie nicht hält, der Strom ausgeht. Das kannst du nicht verkaufen, wenn du es als zukunftsweisend anpreisen willst. Längere Haltbarkeit, Speed und dann Batterie- oder Autowechsel? Das ist vorerst noch unattraktiv.

 

Trotzdem werden Abermillionen in diese Rennserien gepumpt. Ob Elektro, Erdgas oder Solar, die Suche nach Alternativen läuft...

... weil wir ja nicht wissen, was 2048 ein Liter Sprit kosten wird. Vielleicht ein Vermögen, also muss man sich rüsten. Es ist im Sinne des Geschäfts, mit dem Rennsport lässt sich das Image vermarkten – und letztendlich Autos oder Motorräder verkaufen.

 

Motorsport ist in der Gegenwart schon umstritten, weil er teuer und, soviel der Ehre, nicht umweltfreundlich ist. Fährt er denn nicht Gefahr, 2048 längst verdammt zu sein?

Naja, was ist denn 2048 los? Ich bin kein Hellseher, aber Unterhaltung und Ablenkung werden auch dann noch eine große Rolle spielen. Es ist im Sinne der Industrie, diese Thematik voranzutreiben, deshalb sind ja auch jetzt schon so viele Firmen in diversen Ligen engagiert; man darf ja nicht nur auf die Formel 1 schauen. Der Weg zu einem umweltbewussteren Leben ist längst eingeschlagen mit Hybrid- oder Energierückgewinnungssystemen. In 33 Jahren aber lacht man vielleicht über unsere Ideen von heute. Ich bleibe dabei: Der Faktor Elektrorennwagen hat bis jetzt nicht überzeugt. Benzin hat Zukunft, vorerst zumindest.

 

Es erscheint nachvollziehbar. Aber Wasserkraft, Wind und Solar in Rennautos zu stopfen, das passt für Sie nicht mit Verbrauch, Highspeed und Rennen?

Schon, es sind sicherlich richtige Ansätze. Nur, bei Solarzellen wurde so viel gepredigt und die, die sich darauf verlassen haben, bezahlen jetzt die Rechnung. Und Windräder, das ist doch das gleiche Theater – und all das passt in kein Rennauto. Zudem, ich finde diese Räder scheußlich ohne Ende. Österreich ein Windradl-Land? Dann bin ich wirklich froh, nicht mehr dabei zu sein...

 

Der Rennsport wird Ihrer Meinung nach überleben. Mit Benzin, Elektro, Gas oder Solar?

Wenn er von der Welt gewollt, der Industrie bezahlt und vom Menschen begehrt und konsumiert wird, dann ja. Keine Frage. Eine Gratwanderung ist und bleibt es dennoch. Gegenfrage: Wofür steht denn der Motorsport 2048? Was ist Ihre Meinung?

 

Für Tempo, Sicherheit, Volant-Können, Drifts – dieselben Attribute wie jetzt. Es gibt sicherlich auch noch Rennen, die großen Klassiker. Vielleicht mit anderem Zugang, etwa „Die 24 Solarstunden von Le Mans“...

Vielleicht. Momentan drückt man ja den weltbesten Typen, die Autofahren können und Weltmeister werden wollen, nur Regeln aufs Aug'. Die wird man in der Zukunft auch zurücknehmen müssen, um Menschen anzulocken.

 

Aber jammern wird man weiterhin, auf den Tribünen, in den Boxen und in jedem Cockpit.

Die Rennautos werden sich verändern, ebenso die Fortbewegungsmittel im Straßenverkehr. Meine Kinder Mia und Max sind jetzt sechs Jahre alt, sie werden den Führerschein machen, sie werden Auto fahren. Vielleicht sind Autos in der Zukunft noch leiser, bequemer. Die nächsten Generationen kennen den Motorsport, so wie ich und viele andere die Formel 1 kennengelernt haben, doch gar nicht mehr. 2048 wird man sie schon gar nicht mehr kennen, also dem Sound auch nicht nachjammern.

 

Vielleicht feiern wir dann den neuen Solarchampion.

Möglich. Wenn er der richtige Typ ist und Charisma hat, wird er – oder sie – sicher ein Weltstar.

ZUR PERSON

Niki Lauda wurde am 22. Februar 1949 in Wien geboren. Lauda wurde dreimal Weltmeister (1975, 1977, 1984) und gewann ingesamt 25 Rennen. 1985 fuhr er in Australien das letzte Rennen seiner Karriere. Seit 2012 ist Lauda Aufsichtsratsvorsitzender beim Formel-1-Team von Mercedes. [ EPA ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2015)