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"Ich werde vielleicht vorher einen Schnaps trinken müssen"

AUTORIN VALERIE FRITSCH
(c) APA/MARTIN SCHWARZ (MARTIN SCHWARZ)
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So weiblich war der Bachmann-Preis noch nie: Zehn der 14 Lesenden in Klagenfurt sind diesmal Frauen. Eine davon ist die junge Grazerin Valerie Fritsch, die mit ihrem zweiten Roman, "Winters Garten", zum Shootingstar des heurigen Bücherfrühlings wurde.

Valerie Fritschs Reise nach Klagenfurt zum Bachmann-Wettbewerb wird eine ihrer kürzesten. Hat die knapp 26-jährige Grazerin doch schon die halbe Welt bereist: Bangladesch, Benin, Burma, Ghana, Kirgisien, Malaysia, Nigeria, Peru, Togo,... Nur auf dem Kontinent Australien war sie noch nicht. In manchen Jahren waren sie sechs Monate unterwegs. Reisen ist ihr inzwischen zur Leidenschaft geworden.

Angefangen hat das alles vor unendlich langer Zeit – kurz nach der Matura. Da hat sie, wie sie sagt, eine „quasi genetische Unruhe“ erfasst, die sie dazu gedrängt hat, sich ständig zu bewegen. Mehr oder weniger spontan hat sie sich entschieden, nach Äthiopien zu fliegen. Weil die Tickets günstig waren. „Ich war überhaupt nicht vorbereitet, bin ohne Reiseführer dorthin aufgebrochen“, berichtet sie. Zwei Monate blieb sie dann dort, arbeitete in einem Krankenhaus und reiste durch das Land. So wie Valerie Fritsch das erzählt, gewinnt man den Eindruck: Sie wollte einfach raus aus der heilen Welt am Grazer Hilmteich, wo sie aufgewachsen ist. Nicht in einer Gartenkolonie, wie sie in ihrem so erfolgreichen Roman „Winters Garten“ eine Rolle spielt, sondern in der kleinen Wohnung eines Hochhauses. Das Vorbild für den Garten, den sie in diesem Buch so eindringlich beschreibt, steht in der Nähe von Klagenfurt, wo sie in ihrer Kindheit mit ihrem kleinen Bruder auf Großmutters Bauernhof oft zu Besuch war.

Um reale Dinge geht es ihr in dem Roman – im Gegensatz zu den Reisen – aber gar nicht. „Ich habe mich für diese Weltuntergangsszenerie entschieden, weil ich die Dinge aufs Wesentliche reduzieren wollte, wo man sich aus der Zeit heben kann und sich nicht mit Schnickschnack belasten muss. Ich wollte die Dinge archaisch herunterbrechen“, so Valerie Fritsch. Also keine der beim Klagenfurter Wettlesen alljährlich wiederkehrenden Kindheitsgeschichten. Die Geschichte der am 14.Mai 1989 geborenen Autorin, also kurz bevor Alois Mock und Gyula Horn an der österreichisch-ungarischen Grenze den Eisernen Vorhang durchtrennten, ist außerhalb von Zeit und Raum angesiedelt: „Die Großmutter predigte, dass die Zukunft jene Reihe an stets wachsenden Vorzeichen wäre, die man rückblickend betrachtet richtig gedeutet hätte. Und der Großvater fügte hinzu, dass die Zukunft auch der Eintritt all der schlechten Vorahnungen sei, von denen man gar nichts gewusst habe“, heißt es am Anfang des Buches.


Literarisch sehr eigenständig. Die Konturlosigkeit ist eine der Besonderheiten dieses Romans. Deshalb heißt ihr Held auch Anton Winter, ein Allerweltsname. „Es ist ein mutiger und außergewöhnlich eigenständiger literarischer Weg“, meint der Literaturwissenschaftler Klaus Kastberger, der als neuer Juror Valerie Fritsch zum Bachmann-Preis eingeladen hat.

Aufmerksam auf sie konnte man bereits 2011 werden, als ihr erster Roman erschien: „VerkörperungEN“ hieß der und im Untertitel „ein Bilderbuch“. Bilder sind Valerie Fritsch sehr wichtig. „Es geht immer um Bilder, ob mit Worten, auf Fotos oder im Film – das folgt für mich alles der gleichen Logik“, beschreibt sie ihre mehrfache künstlerische Begabung. Fotografieren und Filmen sind ihr genauso wichtig wie Schreiben. Sie hat eine grafische Ausbildung an der Grazer Akademie für angewandte Fotografie absolviert. So vielseitig wie ihre Talente sind auch ihre Interessen. Nach der Matura hat sie mit einem Jusstudium begonnen, das sie aber ebenso abgebrochen hat wie das folgende Germanistikstudium. In dieser Zeit fällt ihr Anschluss an die Grazer Literatenvereinigung „plattform“. Bei einer der von dieser Gruppe veranstalteten Lesungen wurde Clemens J. Setz wegen der starken Bilder in ihrem Text auf sie aufmerksam.

Tatsächlich gibt es viele sehr stimmige Bilder in ihren Büchern. Ihr zweites Buch, „Die Welt ist meine Innerei“ (2012), enthält neben den Reisebriefen auch Fotos. Schon darauf lässt sich eine gewisse Düsternis bemerken, die sich in „Winters Garten“ literarisch zur Untergangsfantasie verdichtet hat. Wobei Valerie Fritschs Trick darin besteht, selbst apokalyptische Szenen idyllisch wirken zu lassen: „Sie schossen einander mit den Waffen, die sie an den Bahnhofshallen gekauft hatten, in die Schädel und in die Herzen. Die Kinder hatten ihnen gezeigt, wie man sie lud und abfeuerte.“ Wie kommt man auf so sinistre Bilder? „Eine gewisse Faszination für das Obskure ist mir schon eigen“, sagt sie lächelnd. Das habe nichts mit einer spätpubertären Stimmung zu tun, sondern damit, dass für alle Menschen von den tradierten Sicherheiten heute nicht viel übrig geblieben ist.

Die starken Bilder. Vielleicht hat sich Valerie Fritsch deshalb auf ihre abenteuerlichen Reisen begeben und ist mit starken Bildern zurückgekommen. Etwa jenem vom halb verhungerten Säugling im Plastiksackerl, das eine verzweifelte Mutter in der Früh an die Tür des Spitals in Äthiopien gehängt hat. „Was für ein gewaltiger Akt der Liebe“, wird Valerie Fritsch aus Entsetzen pathetisch. Ganz auf Sicherheit verzichten will sie aber nicht. Sie hat deshalb gelernt, wie man Fleischwunden näht. Im Übrigen, sagt sie, könne sie sich in eine Pestgrube legen, denn alles, was es an Tropenimpfungen so gibt, habe sie intus.

Ob die gegen die Jury-Diskussionen helfen werden? Valerie Fritsch ist der Ansicht, wer Kritik nicht verträgt, ist dort fehl am Platz. Sie freut sich auf ihren Auftritt im ORF-Theater, „ich werde aber trotzdem vielleicht einen Schnaps vorher trinken müssen“. Nach dem Erfolg ihres Romans gehört sie zum Favoritenkreis für den Hauptpreis. Shootingstar zu sein kann aber auch belastend sein. Valerie Fritsch nimmt's olympisch. „Das Label lass ich mir sowieso nicht aufdrücken. Mein Leben hat sich nicht so großartig verändert, nur weil mein Buch nicht ganz schlecht ankommt.“

Zurzeit arbeitet sie an einem Drehbuch. Geübt dafür hat sie beim Videoclip, das beim Bachmann-Preis vor den Lesungen gezeigt wird und bei dem sie Regie führte. Dabei kam es zu einer der typischen Klagenfurter Selbstverletzungen, aber nicht als bewusste Aktion, sondern als Missgeschick: Nicht nur Valerie Fritschs Perücke fing wie geplant Feuer, sondern auch ihre Augenbrauen und Wimpern entzündeten sich.

Das Wettlesen

Zum 39. Mal finden die Tage der deutschsprachigen Literatur von 1. bis 5. Juli im ORF-Landesstudio in Klagenfurt statt. Nachdem der ORF 2013 laut darüber nachdachte, das Wettlesen nicht mehr zu sponsern, ist nun wieder Ruhe eingekehrt. Gespart wird trotzdem: Es gibt nur mehr vier statt fünf Preise. Der Ingeborg-Bachmann-Preis (25.000 €), der Kelag-Preis (10.000€), der Ernst-Willner-Preis (7500 €) und der Publikumspreis, den die BKS Bank stiftet (7000 €).

Umbau der Jury. Hubert Winkels übernimmt erstmals den Vorsitz der siebenköpfigen Jury, in der erstmals Sandra Kegel („FAZ“), Stefan Gmünder („Standard“) und Klaus Kastberger (Literaturhaus Graz)sitzen.

Zusehen, mitfiebern: 3sat überträgt alle Lesungen (Do–Sa, 10–15.30 bzw. 14 Uhr) und die Preisverleihung (So, 11 Uhr) live. Einen Livestream gibt es hier: bachmannpreis.orf.at Der Hashtag auf Twitter lautet: #tddl15

Zur Person

Valerie Fritsch wurde am 14. Mai 1989 in Graz geboren. Matura 2007. Danach reiste sie durch die Welt, studierte Jus und Germanistik und absolvierte eine Ausbildung an der Akademie für angewandte Fotografie.

Werke. Debütroman: „VerkörperungEN“, 2011; der Reiseband „Die Welt ist meine Innerei“, 2012; „kinder der unschärferelation“ – Gedichte, 2015, zuletzt bei Suhrkamp der Roman „Winters Garten“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2015)