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„Ohne einen politischen Ansatz wird es nicht gehen“

„Presse“-Interview mit dem zweiten Mann in der Kommandohierarchie der internationalen Afghanistan-Schutztruppe Isaf.

Die Presse: Man könnte den Eindruck gewinnen, die Lage in Afghanistan werde immer aussichtsloser.

General Jim B. Dutton: Der Eindruck täuscht. Das Faktum, dass die Aufständischen nun auf Terrortaktiken zurückgreifen, ist ein Hinweis auf deren Schwäche, nicht auf deren Stärke.

 

Die USA schicken im Moment 21.000 zusätzliche Soldaten nach Afghanistan. Was ist deren Rolle?

Dutton: Sie sollen vorwiegend die Lage im Süden verbessern helfen. Wir werden zudem in die Lage versetzt, die poröse Grenze zu Pakistan besser abzusichern.

 

Experten rechnen damit, dass die Opferzahlen infolge der verstärkten militärischen Aktivitäten in die Höhe schnellen werden.

Dutton: Wir würden gerne die Zonen der Sicherheit in Afghanistan vergrößern, ohne dass es zu Opfern kommt. Aber letztlich liegt dies in der Hand der Aufständischen. Wir müssen akzeptieren, dass wir mit einer Erhöhung der Opferzahlen rechnen müssen, sobald wir zusätzliche Truppen ins Land holen.


Es gibt eine Debatte darüber, ob man mit den Taliban einen Dialog führen sollte.

Dutton: Das ist eine Aufgabe der afghanischen Regierung. Nach meinem militärhistorischen Verständnis kann es aber für derartige Konflikte wie den jetzigen in Afghanistan keine rein militärische Lösung geben. Ohne einen politischen Ansatz wird es nicht gehen. Es gibt unterschiedliche Erscheinungsformen von Taliban. Mit den Hardcore-Taliban ist wohl kein Dialog möglich. Aber die Mehrheit der Kämpfer steht schlicht und einfach im Sold der Taliban. Mit solchen Leuten kann man reden.


Wie sehen Sie das geopolitische Umfeld Afghanistans? Welche Rolle spielt der Iran?

Dutton: Der Iran ist für den Westen Afghanistans eine positive Kraft – und das schon seit vielen Jahren. Afghanistan importiert etwa Elektrizität aus dem Iran. Es gibt ein weiteres gemeinsames Interesse: ein großer Teil der Drogen, vor allem aus der Provinz Helmand, wird über die Grenze in den Iran geschmuggelt. Wir haben also ein gemeinsames Interesse mit Teheran, diesen Drogenhandel zu unterbinden.

 

Und Pakistan?

Dutton: Die gute Nachricht: Es gibt nun das Verständnis eines gemeinsamen Problems. Das war in der Vergangenheit nicht immer der Fall. Problembewusstsein ist der erste Schritt zur Besserung der Lage. Es gibt nun auch eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern beim Abdichten der porösen Grenzregion.

 

Wohin steuert Afghanistan Ihrer Meinung nach?

Dutton: Ich bin immer wieder überrascht, wie sich die Sichtweise von Besuchern ändert, wenn sie ein paar Tage im Land verbringen. Sie kommen in der Erwartung unablässiger Düsternis hierher, und sie glauben, dass dieses Land dem Abgrund entgegenstrebt. Am Ende sehen sie, dass dieses Vorurteil nicht stimmt.

 

Welche Rolle spielen die Präsidenten-Wahlen vom 20. August?

Dutton: Zum zweiten Mal in fünf Jahren sind die Afghanen aufgerufen, ihre Regierung in demokratischer Weise zu wählen. Das gibt dem Optimismus Auftrieb. 2009 ist somit ein Jahr der Hoffnung für Afghanistan. Der Aufbau der afghanischen Armee kommt zügig voran, wir haben einen guten Plan für den weiteren Aufbau der Polizei, wir erwarten eine große Zahl amerikanischer Soldaten, die den Sicherheitsraum erweitern werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2009)