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Eine Weltautorität, die alle Probleme lösen soll

Laudato si': Eine neue Enzyklika als Erklärung aller Rätsel? Papst Franziskus offenbart in dem Lehrschreiben seine negative Sicht der Welt.

Wie soll man die Texte von Papst Franziskus lesen? Gibt es einen hermeneutischen Schlüssel dazu? Das ist die Frage, seit er im Amt ist.

Üblich geworden ist, auf die lateinamerikanische Herkunft des Papstes zu verweisen, aus der sich die Redseligkeit und eine eingeengte Weltsicht erklärten. Angeboten wird auch die Lesart, Franziskus wolle nicht exakt sein, sondern die Seelen berühren und Menschen aufrütteln. Da komme es auf die einzelne Formulierung nicht so an. Was bedeutet das für die Lektüre von „Laudato si'“, der Enzyklika über die Ökologie, die der Papst vor Kurzem veröffentlicht hat?

Eine Enzyklika muss man jedenfalls beim Wort nehmen dürfen. Katholiken können es sich dabei nicht leicht machen. Auch wenn ein solches Schreiben keine verbindlichen Glaubenswahrheiten ausspricht, ist es nicht unbeachtlich. Katholiken sollen den von einem Papst vorgetragenen Meinungen „aufrichtige Anhänglichkeit zollen“, wünschte das II. Vatikanum. Von inhaltlicher Akzeptanz ist wohlweislich nicht die Rede.

Papst Benedikt XVI. bat in der bekannten Formulierung im Vorwort zu seinen Jesus-Büchern „um jenen Vorschuss an Sympathie, ohne den es kein Verstehen gibt“.

Jeb Bush, in jungen Jahren konvertierter Katholik, Bruder und Sohn von US-Präsidenten und seinerseits ein republikanischer Kandidat für die Präsidentschaft, fragt, woher eigentlich der Papst die Sachkompetenz in naturwissenschaftlichen oder politischen Fragen nehme, wenn er sich etwa die These von der allein menschengemachten Klimaveränderung zu eigen macht. Er, Bush, beziehe seine Wirtschaftspolitik jedenfalls nicht von Päpsten und Bischöfen. Diese Position sei durchaus legitim, bestätigte ihm ein Kardinal, der Erzbischof von Washington D.C, Donald Wuerl.

Da viele Einzelheiten sowohl im klimapolitischen Teil des 200-Seiten-Werks und erst recht in der Analyse von Wirtschaft und Gesellschaft zumindest anzweifelbar sind, verlegen sich kirchliche Betrachter darauf, die „synthetische Gesamtschau“ an der Enzyklika zu rühmen. Der Erzbischof von Wien sieht in ihr überhaupt gleich einen „allumfassenden Zugang und Schlüssel zu allen großen Themen, die die Welt heute bewegen“. Das ist wohl etwas gar zu hoch gegriffen.

Der Papst offenbart in der Enzyklika eine ausgeprägt negative Weltsicht. Die ökologische Frage sehe er nur als Teilaspekt einer „umfassenden weltweiten Krise“, meint der Wiener Dogmatik-Professor Jan-Heiner-Tück. Aufschlussreich ist, dass Franziskus sich an mehreren Stellen auf den deutschen Theologen Romano Guardini und dessen Buch „Das Ende der Neuzeit“ beruft. Guardini zeichnet ein „dunkles Bild des Menschen“, der in der Gefahr stehe, sich an die Stelle Gottes zu setzen und sich zugleich aus der Verantwortung für sein Handeln in der Welt zu stehlen.

 

Moralische Ratschläge

Der Papst wolle keine konkreten Problemlösungen bieten, sondern ein „Gefühl des mitfühlenden Schmerzes“ über den Zustand der Welt erwecken, sagt Tück. Dem widerspricht freilich, dass die Enzyklika sich über weite Strecken sehr detailreich gibt und so tut, als hätte sie Lösungen für alles. Meist sind es moralische Ratschläge für komplexe politische soziale und ökonomische Probleme.

„Non convincono“, war die lapidare Stellungnahme des Vatikans, als die Klimaforscher aus Potsdam im Jahr 2007 dort dieselben Thesen unterbreiteten, die jetzt den Abschnitt der Enzyklika über das Klima bestimmen. „Die Katastrophenthesen zum Klima überzeugen den Vatikan nicht“, urteilte damals das „Giornale del Popolo“.

Schon der erste Satz in Abschnitt 23 ist falsch. Das Klima ist kein „gemeinschaftliches Gut von allen und für alle“, sondern ein bloßer Rechenwert. Sind denn auch die den Berechnungen zugrundeliegenden Wetterlagen ein „gemeinschaftliches Gut“?

Der „ökologischen Umkehr“, die der Papst so eindringlich als Christenpflicht propagiert, werden sich viele – auch Katholiken – nicht bedürftig fühlen, wenn dann allen Ernstes Ortsbildpflege und die Behebung der Wohnungsnot in der Dritten Welt in einem Atemzug genannt werden. Franziskus scheut sich aber auch nicht, ein zentrales Defizit der ökologischen Bewegung zu nennen: Sie verteidige zwar die Umwelt und fordere Grenzen für die wissenschaftliche Forschung, nicht aber, wenn es um menschliches Leben und Experimente mit Embryonen gehe.

 

Ablehnung der modernen Welt

Noch stärker als bei seinem ersten Lehrschreiben „Evangelii gaudium“ kommt bei „Laudato si'“ die von Unkenntnis und ideologischer Voreingenommenheit geprägte Ablehnung der modernen Welt, besonders aber der Marktwirtschaft zum Vorschein. Der Papst bedient sich der modischen antikapitalistischen Rhetorik von Globalisierungsgegnern, deren Applaus er auch erhält. Wirtschaft, Unternehmertum, Geldwesen, Gewinnstreben, technischer Fortschritt hätten die Menschheit in die Entfremdung geführt und nur Elend hervorgebracht.

Franziskus misstraut der Initiative der Einzelnen, der Freiheit und übrigens auch dem Prinzip der Subsidiarität der katholischen Soziallehre, und wünscht sich eine „politische Weltautorität“, die alle Probleme – von der Ernährung über den Umweltschutz, von der Friedenssicherung bis zur Steuerung der Migration lösen soll.

Die Wirtschaft habe sich dem „effizienzorientierten Paradigma“ unterworfen, klagt er an einer Stelle. Was aber soll die Wirtschaft sonst tun, als effizient sein? Was eine ineffiziente Wirtschaft bedeutet, konnte man in der kommunistischen Welt und kann man noch heute in vielen Entwicklungsländern besichtigen. Sie hat genau jene Armut und Rückständigkeit hervorgerufen, die der Papst beklagt. Den Milleniums-Bericht der UNO kennt er nicht oder will er nicht kennen. Seit 1990 ist die Zahl extrem armer Menschen weltweit um 700 Millionen gesunken. Eine Milliarde Menschen konnte sich aus dem Elend in ein Mittelstandsdasein verbessern.

 

Eine „Ökologie des Herzens“

Diese Entwicklung ging viel schneller, als irgendjemand erwartet hatte. Sie ist jener wirtschaftlichen Rationalität zu danken, die Franziskus jetzt so verteufelt. Unsinnig wird es, wenn der Papst meint, nun sei „die Stunde gekommen, in einem Teil der Welt eine gewisse Rezession zu akzeptieren, damit anderswo ein gesunder Aufschwung stattfinden kann“. Dem liegt die verbreitete Vorstellung zugrunde, man könne den einen reicher machen, wenn man den anderen ärmer mache.

Aber wahrscheinlich muss man die Enzyklika überhaupt von hinten lesen. Dort stehen Dinge, die über Öko- und Wirtschaftsromantik hinausgehen, und wo Franziskus so etwas wie eine „Ökologie des Herzens“ entwickelt. „Es reicht nicht mehr, nur von der Unversehrtheit der Ökosysteme zu sprechen. Man muss auch wagen, von der Unversehrtheit des menschlichen Lebens zu sprechen“, heißt es da etwa.

Hier wird „Laudato si'“ dann doch zu einem geistlichen Text, der den Namen Schöpfungsenzyklika verdient, der dem Dokument auch gegeben wurde.

DER AUTOR

Hans Winkler war langjähriger
Leiter der Wiener Redaktion der
„Kleinen Zeitung“.

Debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2015)