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Baku: Ungewisse Zukunft der Europaspiele

(c) APA/EPA/ZURAB KURTSIKIDZE (ZURAB KURTSIKIDZE)
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In Abwesenheit der Topathleten sind in Aserbaidschan die ersten Europaspiele über die Bühne gegangen. Der Eindruck von Propagandaspielen bleibt, einen neuen Ausrichter gibt es noch nicht.

Baku/Wien. Mit einer Schlussfeier voll Feuerwerk und Patriotismus gingen die ersten Europaspiele zu Ende. Rund 6000 Athleten aus 50 Ländern kämpften in Baku um Medaillen in 253 Entscheidungen. Nun sind alle Medaillen vergeben, übrig bleiben Fragen zur sportlichen und politischen Bedeutung der Spiele in Aserbaidschan.

Das Fehlen der Topathleten hat jene Kritiker bestätigt, die den Europaspielen wenig Zukunft bescheinigen. Vor allem bei den Leichtathletik- und Schwimmbewerben waren die olympischen Hauptbewerbe drittklassig besetzt oder wurden als Nachwuchswettkämpfe ausgetragen. Während sich am ersten Tag der Spiele immerhin noch 22.000 Zuschauer im 68.000 Plätze fassenden Olympia-Stadion von Baku einfanden, waren es an den Finaltagen nur noch 10.000. Dafür haben innovative nicht olympische Bewerbe wie 3x3-Basketball oder Beach Soccer für Aufmerksamkeit gesorgt.

Die Organisation wurde ebenso gelobt wie die Wettkampfstätten und die Infrastruktur. „Diese Spiele haben die Erwartungen übertroffen, jeder Aspekt war ausgezeichnet“, schwärmte zumindest Patrick Hickey, Präsident des Europäischen Olympischen Komitees (EOC). Er sieht in Aserbaidschan gar einen würdigen Olympia-Ausrichter. „Sie sind sehr gut in der Lage, Olympische Spiele zu veranstalten.“ Das Land am Kaukasus hat sich zweimal vergeblich für Sommerspiele beworben. Als Gegenkandidat von Hamburg, Paris, Boston und Rom erwägt man einen erneuten Anlauf für 2024.

 

Imagekampagne des Ehepaars

Die Meinungen gingen auseinander, als Aserbaidschan 2012 als Gastgeber der ersten Europaspiele präsentiert wurde. Die autoritäre Regierung steht wegen Verstößen gegen Menschenrechte und Pressefreiheit in der Kritik. Die Omnipräsenz des umstrittenen Staatschefs, Ilham Alijev, der sich im Glanz seiner Sieger sonnte, hat den Vorwurf von Propagandaspielen eher bestätigt. „Ich bin von Stolz auf unser Land und unsere Leute überwältigt“, meinte auch Mehriban Aliyeva, Chefin des Organisationskomitees. Die Gattin des Präsidenten konnte sich über 56 Medaillen des Gastgebers freuen und verwies auf kommende Sportevents im Land: Formel-1-Grand-Prix 2016, islamische Spiele 2017 und Partien der Fußball-EM 2020.

Dass Aserbaidschan so viel Medaillen verbuchte, hatte vor allem mit der Auswahl der 20 Disziplinen zu tun. Die am Kaukasus populären Kampfsportarten waren überproportional vertreten. Außerdem hatten die Gastgeber wie auch die Russen den Europaspielen einen hohen Stellenwert beigemessen und Saisonplanungen und Teambesetzungen entsprechend gestaltet. Kurz vor Ende der Spiele wurde dann noch ein Dopingfall im Team von Aserbaidschan bekannt. Chaltu Beji wurde nach ihrem Sieg über 3000 Meter Hindernis positiv getestet. Nach dem albanischen Boxer Rexhildo Zeneli ist das der zweite öffentlich gewordene Dopingfall der Europaspiele. Aus österreichischer Sicht war Baku vom schweren Verkehrsunfall der 15-jährigen Synchronschwimmerin Vanessa Sahinovic überschattet. Österreichs Aufgebot hat daraufhin 13 Medaillen (zwei Gold, sieben Silber, vier Bronze) geholt. Das ergab im klar von Russland angeführten Medaillenspiegel Rang 20.

 

Neuer Gastgeber gesucht

Wenige Tage vor der Eröffnungsfeier in Baku, die mit rund 85 Millionen Euro etwa doppelt so teuer wie die der Olympischen Spiele 2012 in London war, sind die Niederlande als Gastgeber für die nächste Auflage 2019 abgesprungen. Grund sei die angespannte Haushaltslage. Nun muss ein neuer Veranstalter gefunden werden.

Ähnliche politische Diskussionen wie heuer würde es bei den interessierten Russen und Weißrussen geben, auch die Türkei gilt als möglicher Kandidat. Das EOC will eher einen Ausrichter aus Westeuropa. Ob dann auch die Topathleten im Schwimmen und Leichtathletik dabei sind, ist ebenfalls offen.

Medaillenspiegel

Russland war die überragende Nation der ersten Europaspiele in Baku. In 253 Bewerben holte das russische Aufgebot 164 Medaillen, davon 79 in Gold, 40 in Silber und 45 in Bronze. An zweiter Stelle liegt Aserbaidschan mit 56 Medaillen (21 Gold, 15 Silber, 20 Bronze), gefolgt von Großbritannien (18 Gold, 10 Silber, 19 Bronze, gesamt 47).

Österreich beendete die Europaspiele mit 13 Medaillen auf Platz 20 (zwei Gold, sieben Silber, vier Bronze).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2015)