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Bachmann-Preis begann mit Liebeserklärung an Klagenfurt

ER�FFNUNG DER 39. TAGE DER DEUTSCHSPRACHIGEN LITERATUR
Peter Wawerzinek hielt die Eröffnungsrede(c) APA (GERT EGGENBERGER)
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Der Rostocker Bachmann-Preisträger Peter Wawerzinek hielt die Eröffnungsrede. Die Reihenfolge der Lesungen der Teilnehmer steht fest.

Am Mittwochabend hat der deutsche Bachmann-Preisträger des Jahres 2010, Peter Wawerzinek, die 39. Tage der deutschsprachigen Literatur im ORF Theater in Klagenfurt mit der Klagenfurter Rede zur Literatur eröffnet. Der 60-jährige Rostocker outete sich in seinem "Tinte kleckst nun einmal" betitelten Text als Klagenfurter und Österreicher.

"Irgendwie Österreicher geworden"

"Die Buchstaben beißen. Die Worte wehren sich. Schöne Sätze tragen nun einmal Dornen", begann Wawerzinek seine bereits als Büchlein vorliegende Rede und bekannte schon bald: "Geradezu, aufrecht, kühn und mutig nenne ich hier und heute Österreich meine Heimat, Klagenfurt meine Geburtsstadt, obwohl die wahre Geburtsstadt Rostock ist. Und obendrein bin ich zurzeit auch Stadtschreiber in Magdeburg. Dennoch, ich betrat die Welt der Literatur auf österreichischem Boden, erblickte in Klagenfurt das literarische Licht. Durch meinen inneren Zwillingsbruder bin ich irgendwie Österreicher geworden."

Er sprach über sein Aufwachsen als Heimkind in Mecklenburg und über seine erste Buchlektüre "heimlich unterm Dach des Hauses der Adoptionseltern". "Es gibt mich als Mensch und Mecklenburger. Es gibt mich als Autor und Klagenfurter. Wo aber ist einer daheim, von seiner Mutter verlassen, in Heimen aufgewachsen, der mit seinen Phantasien früh schon in die Fremde zieht?" Später habe er in Berlin begonnen, "Leute zu bewundern, die Texte schrieben". Aber: "Meine Karriere begann in Österreich, neunzehn Jahre vor meinem zweiten Versuch, in Klagenfurt den Bachmannpreis zu gewinnen und dadurch als Schreiberling anerkannt zu werden."

Wawerzinek erinnerte sich an seine Reise mit seinem damaligen Verleger Erich Maas nach Klagenfurt, als er 1991 zum ersten Mal beim Bachmann-Preis antrat: "Dem Ost-Klischee zu entsprechen, trugen Maas und ich billige, arg rumänisch aussehende Anzüge. Maas fuhrwerkte, wann immer ich angesprochen und interviewt wurde, mit seiner Videokamera herum, filmte die fragenden Personen aus vollster Nähe. Und schon entstand um uns eine Art Mondhof, die Aura der Verunsicherung." Er gewann "Platz vier", das Bertelsmann-Stipendium. "Ich blieb eine schöne Weile lang im Gespräch, hatte viele Lesungen, bekam gute Honorare ausgezahlt. Und dann war auch das ausgestanden und vorbei. Ich wurde, was ich vor dem Preis gewesen war, einer, der sein Geld nun wieder mit richtiger Arbeit verdiente; auf dem Kollwitzplatz Bratwürste verkaufen."

"Ich schrieb mich binnen weniger Jahre leer"

Nach einigen Höhen und Tiefen ("Ich schrieb mich binnen weniger Jahre leer. Ich trank. Das Leben ist kurz.") trat er 2010 mit einem Auszug seines Romans "Rabenliebe" zum zweiten Mal in Klagenfurt an und wurde mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Publikumspreis ausgezeichnet. Im Jahr darauf wurde er Stadtschreiber in Klagenfurt: "Klagenfurt ist ja nicht einfach nur so eine Stadt. Ich schätze in Klagenfurt alle möglichen Arten von Ablenkung sehr, man kann sich hier so herrlich davon abhalten, zu tun, was anstünde. Klagenfurt besitzt eine verblüffende Dichte an Dichtern. Du sitzt hier an einem Tisch und hörst die Leute über Ereignisse reden, die passiert sein könnten oder reine literarische Erfindungen sind. (...) Schreiben heisst hier vor allem übers Schreiben viel zu reden, darüber vor allem, wie man für seine Kunst leiden müsse, dass darüber dann mitunter Jahrzehnte vergehen könnten, ehe sich magerer Erfolg aller Mühen einstelle."

Der Klagenfurter Autor sei "nicht mit allgemein-österreichischer Elle zu bemessen", nicht zuletzt hätten es die hier Schreibenden "ungemein schwerer, die Herausforderung ist unmittelbar. Alljährlich zu den Bachmanntagen bekommen sie hier andere sich mühende Autoren vorgestellt; live mit anschließender Debatte und Preisverleihung hautnah zu erleben." Der Wahlklagenfurter Wawerzinek hatte aber auch etwas zu beichten, "hoffend, es wird mir nicht als ein Klagenfurt herabsetzender Akt von Missachtung gewertet. Weiss der Lindwurm warum, aber ich habe in Klagenfurt nicht einmal im See gebadet."

Zum Schluss machte Wawerzinek darauf aufmerksam, dass der deutsche Maler Georg Baselitz in Salzburg die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen bekommen habe. Er habe ebensolche Verdienste für dieses Land erworben, meinte der Autor. "Ich bitte hiermit um ähnlich zuvorkommende Behandlung meiner Person."

Fritsch liest am Donnerstag, Präauer am Samstag

Von Donnerstag bis Samstag folgen in Klagenfurt bei sommerlichen Temperaturen 14 Lesungen samt Diskussionen, ehe am Sonntag die Preise vergeben werden. Die Lesungen der österreichischen Teilnehmer sind über alle Tage des Wettlesens um den Bachmann-Preis verteilt. Das hat die Auslosung am Mittwochabend im ORF Theater in Klagenfurt ergeben. Heuer treten zehn Autorinnen und vier Autoren bei der Veranstaltung an, die am Sonntag mit Jury-Schlussdiskussion und Preisverleihung abgeschlossen wird.

Die Reihenfolge der Lesungen:

Donnerstag:

  • Katerina Poladjan, 1971 in Moskau geboren, lebt seit 1979 in Deutschland. Sie schreibt Romane, Theatertexte, Essays und ist zudem ausgebildete Schauspielerin. Unter anderem spielte sie in "Der Untergang" mit. 2011 erschien ihr Debütroman "In einer Nacht, woanders".
  • Nora Gomringer, 1980 in Neunkirchen an der Saar geboren, lebt in Bamberg. Sie veröffentlichte fünf Lyrikbände und eine Essay-Sammlung. Ausgezeichnet wurde Gomringer unter anderem mit dem Joachim-Ringelnatz-Preis.
  • Saskia Hennig von Lange, 1976 in Hanau geboren, lebt in Frankfurt am Main. Sie studierte Angewandte Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte, sie lehrt und forscht an der Universität Gießen. Unter anderem wurde sie mit dem Clemens-Brentano-Preis ausgezeichnet.
  • Sven Recker, 1973 in Bühl (Baden) geboren, lebt in Berlin. Arbeitete eine Zeitlang als Sportjournalist, seit sechs Jahren schult er für die in Berlin ansässige Organisation Media in Cooperation and Transition (MiCT) Journalisten etwa aus Libyen, Ägypten und Nordkorea. Sein Romandebüt "Krume Knock Out" erscheint 2015.
  • Valerie Fritsch, 1989 in Graz geboren, lebt dort und in Wien. Sie studierte an der Akademie für angewandte Photographie in Graz. 2011 erschien ihr Roman "Die VerkörperungEN", 2015 "Winters Garten".

Freitag:

  • Peter Truschner, 1967 in Klagenfurt geboren, lebt in Berlin. Er studierte Philosophie, Politik und Kommunikationswissenschaft. Sein Roman "Die Träumer" wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert. Truschner arbeitet zudem als Fotograf. 2015 erscheint sein Foto-/Textbuch "Bangkok Struggle".
  • FALKNER, 1970 im österreichischen Kollerschlag als Michaela Falkner geboren, lebt in Wien. Sie promovierte in Politischer Psychologie und versteht ihre Arbeit als Gesamtkunstwerk. Sie veröffentlicht mit Nummern versehene "Manifeste", mittlerweile in 49 Teilen.
  • Tim Krohn, 1965 in Wiedenbrück in Nordrhein-Westfalen geboren. Er wuchs in der Schweiz auf und lebt in Val Müstair. Krohn veröffentlichte zahlreiche Romane und Theaterstücke, unter anderem das "Einsiedler Welttheater 2013" für mehr als 500 Mitwirkende. Er gewann unter anderem den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis.
  • Monique Schwitter, 1972 in Zürich geboren, lebt in Hamburg. Sie studierte Theaterregie und Schauspiel in Salzburg und schreibt Romane, Erzählungen und Theaterstücke (unter anderem "Wenn's schneit beim Krokodil"). Ausgezeichnet wurde sie unter anderem mit dem Robert-Walser-Preis.
  • Ronja von Rönne, 1992 in Berlin geboren, lebt in Berlin und Grassau. Sie ist Autorin und Redakteurin im Feuilleton der "Welt". Ihr Text "Warum mich der Feminismus anekelt" löste eine Netzdebatte aus. Ihre Einladung nach Klagenfurt wurde deswegen teilweise kritisiert.

Samstag:

  • Jürg Halter, 1980 in Bern geboren, lebt auch dort. Der Dichter (u.a. "Nichts, das mich hält") und Performancekünstler studierte an der Hochschule der Künste Bern und trat unter anderem in den USA, Japan und Russland auf. Er erhielt unter anderem Buchpreise von Stadt und Kanton Bern.
  • Anna Baar, 1973 in Zagreb geboren, lebt in Klagenfurt. Sie studierte Publizistik, Slawistik und Theaterwissenschaften in Wien und Klagenfurt. Ihr Roman "Die Farbe des Granatapfels" erscheint 2015.
  • Teresa Präauer, 1979 in Linz geboren, lebt in Wien. Sie erhielt den aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Prosadebüt, den Roman "Für den Herrscher aus Übersee". Sie war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert und wurde unter anderem mit dem Hölderlin-Förderpreis ausgezeichnet.
  • Dana Grigorcea, 1979 in Bukarest geboren, lebt in Zürich. Studierte deutsche und niederländische Philologie sowie Theater- und Filmregie in Bukarest und Brüssel. Sie arbeitete unter anderem bei der "Deutschen Welle" in Bonn und beim Fernsehsender "Arte". Im Herbst 2015 erscheint ihr zweiter Roman "Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit".

Hubert Winkels ist Jury-Vorsitzender

Neuer Vorsitzender der Jury, die die Texte jeweils unmittelbar nach den Lesungen bespricht und auch ihre Schlussdiskussion am Sonntag (ab 11.00 Uhr) öffentlich abhält, ist der deutsche Literaturkritiker Hubert Winkels. Neu in der Jury sind der aus Bern stammende Stefan Gmünder, Literaturredakteur des "Standard", und Klaus Kastberger, Leiter des Literaturhauses Graz, sowie Sandra Kegel von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Dazu kommen die Deutsche Meike Feßmann sowie Hildegard E. Keller und Juri Steiner aus der Schweiz.

Weniger Preise

Am Sonntag (5. Juli) werden vier Preise vergeben, einer weniger als im Vorjahr. Der nach der in Klagenfurt geborenen Autorin Ingeborg Bachmann (1926-1973) benannte Hauptpreis ist mit 25.000 Euro dotiert. Hinzu kommen der mit 10.000 Euro dotierte Kelag-Preis, der mit 7.500 Euro dotierte 3sat-Preis, sowie der über das Internet ermittelte BKS-Bank-Publikumspreis (7.000 Euro), dessen Sieger zudem das Stadtschreiberstipendium der Landeshauptstadt Klagenfurt in der Höhe von 5.000 Euro erhält. Weggefallen ist heuer der Ernst-Willner-Preis (5.000 Euro).

Im vergangenen Jahr gewann Tex Rubinowitz den Bachmann-Preis. Lesungen und Diskussionen werden auch heuer wieder von dem Fernsehsender 3sat live übertragen.

(APA)