"Hobbits": Urahnen auf großem Fuß

(c) AP (Ira Block)
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Die "Hobbits" werden noch rätselhafter und stellen die ganze Menschheits-Geschichte in Frage. Sie waren nur rund einen Meter groß und ihr Gehirn glich eher dem von Schimpansen, als dem Menschen-Hirn.

Die Füße machen den Menschen, zumindest machen sie uns und unsere Ahnen bis zum Homo erectus, der vor 1,8 Millionen Jahren in Afrika entstand. Zwar konnten auch seine Ahnen aufrecht gehen, aber gut laufen konnten sie nicht. Das konnte erst H. erectus, er verließ Afrika und erwanderte die Erde, vor 800.000 Jahren kam er auf die indonesische Insel Flores, ließ sich nieder – und verzwergte. Das war die erste Interpretation, als man 2003 Fossilien von Menschen fand, die einen Meter groß waren, 30 Kilo wogen und ein Gehirn in Grapefruitgröße hatten: 400 Kubikzentimeter, so wenig wie beim Schimpansen, wir haben um die 1200. Seitdem herrscht Streit unter den Anthropologen: Die einen halten den Zwerg für einen ganz eigenen Menschen – und nennen ihn Homo floresiensis oder schlicht „Hobbit“ –, die anderen sehen in ihm einen von uns mit Mikrozephalie, einer Wachstumsstörung: Das Gehirn sei einfach zu klein, mit ihm hätte niemand lange leben geschweige denn Steinwerkzeuge von so hoher Kunstfertigkeit anfertigen können, wie sie auch gefunden wurden.

Der zentrale Einwand liegt darin, dass das Gehirn der Hobbits im Verhältnis kleiner war als der übrige Körper: Bei einer Verzwergung von H.erectus hätte das Gehirn stärker geschrumpft sein müssen als der Rest – so etwas gibt es nirgends im Tierreich. Und dennoch gab es das: Eleanor Weston (Natural History Museum London) hat nun gezeigt, dass es auch bei Flusspferden, die auf Madagaskar verzwergten, zu einer überproportionalen Hirnschrumpfung kam (Nature, 459, S.85). Aber dieser indirekte Beleg für die Eigenständigkeit von H.floresiensis kommt zur Unzeit. Denn immer mehr deutet darauf hin, dass der Hobbit überhaupt kein verzwergter H.erectus war, sondern von Natur her zwergenhaft. Darauf weisen alle seine Körperknochen – sie sind nicht H.erectus en miniature –, und nun auch sein Fuß: Der ist verhältnismäßig groß und viel besser zum Laufen geeignet als etwa ein Schimpansenfuß, aber optimal ist er noch nicht, eine Gruppe um William Jungers (Stony Brook, New York) hat ihn analysiert: „Er war weder für hohe Geschwindigkeit noch für Ausdauer geeignet.“ (Nature, 459, S.81)

„Nehmt eure Spaten in die Hand!“

Und er ist eben kein Erectus-Fuß. Diese Forscher vermuten, der Hobbit stamme von einem unbekannten Frühmenschen ab, andere sehen Ähnlichkeiten mit Australopithecus. Lucy, seine bekannteste Vertreterin, lebte vor 3,2 Millionen Jahren in Afrika. Stammen die Hobbits von ihm ab, würde alles neu: Dann hätte schon Australopithecus die Erde erwandert, mit seinen suboptimalen Füßen. Davon gibt es aber keinerlei Spuren – bisher. „Nehmt eure Spaten in die Hand!“, rät Daniel Lieberman (Harvard) der ganzen Zunft und auch sich selbst (Nature 459, S.419).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2009)

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