Die Patriarchen Piëch und Porsche kämpften in Zell am See um die Macht. Porsche setzte sich halb durch: Statt an VW verkaufen zu müssen, entsteht ein "integrierter Konzern." Nur wer ihn führt, bleibt offen.
Wien (gau). Dass Cousins sich gelegentlich treffen und über Geschäfte diskutieren, kommt in den besten Familien vor - zwei Krisensitzungen innerhalb einer Woche schon seltener. Dass sich der reichste Clan Österreichs an einem geheim gehaltenen Ort verabreden muss, weil die Wirtschaftswelt gebannt auf das Ergebnis ihres Machtkampfes lauert, ist fast schon einmalig.
Es ging darum, wer künftig bei Volkswagen und Porsche das Sagen hat. Beide Konzerne sind durch eine Sippe verbunden, die Porsche-Piëchs. Doch der brennende Ehrgeiz der beiden erfolgreichsten Manager der Branche drohte, die friedlichen Bande zu zerreißen.
Auf der einen Seite steht Ferdinand Piëch (72 J.), genialer Techniker und Aufsichtsratsvorsitzender von VW. Auf der anderen Porsche-Vorstandschef Wendelin Wiedeking (65 J.). Unterstützt, vielleicht auch diktiert, werden seine Pläne von Wolfgang Porsche, Aufsichtsratschef in der Firma seines Namens und Cousin von Piëch. Als Oberhaupt wusste er bisher den größeren Teil der Familie hinter sich. Dieses Mal aber war man sich alles andere als einig.
Marken bleiben eigenständig
Auch wenn am Abend nur ein dürres Communiqué an die Öffentlichkeit drang: Fest steht, dass sich Porsche und Wiedeking mit ihren Plänen für eine Fusion von Porsche und VW zu einem „integrierten Autokonzern" durchsetzen konnten. Doch die Eigenständigkeit der Marken soll unangetastet bleiben - ein Indiz dafür, dass der erbitterte Machtkampf um die Herrschaft über beide Konzerne vorerst vertagt wurde.
Seit vier Jahren versuchte das Porsche-Duo, den Sportwagenhersteller Schritt für Schritt zum Eigentümer von VW zu machen - auch mithilfe riskanter Optionsgeschäfte. sAnfangs gab sogar Piëch der Übernahme den Segen. Doch das Blatt hat sich gewendet. Mit der Aufstockung seiner VW-Anteile auf 51 Prozent zu Beginn des Jahres hat sich Porsche übernommen: Neun Mrd. Euro beträgt die Nettoverschuldung, über drei Mrd. müssen in den nächsten Monaten refinanziert werden. So kam die geplante Komplettübernahme ins Stocken, der erfolgsverwöhnte Wiedeking wurde plötzlich angreifbar - auch in der Familie.
Sein Plan sah zwar die nun vereinbarte Fusion mit VW vor, aber unter seiner klaren Führung. Das allein kann aber die Finanzmisere nicht lösen. Der junge Konzern braucht frisches Geld, zum einen durch einen Großinvestor - im Gespräch ist das Emirat Katar -, zum anderen durch Kapitalspritzen der Familienmitglieder.
Hier hatte Piëch versucht, kräftig einzuhaken. Er will angeblich schon längst Wiedeking vom Thron stürzen und seinen Vasallen, VW-Konzernchef Martin Winterkorn, an dessen Stelle setzen. sZusammen versuchten sie, den Spieß umzudrehen: VW sollte die Automobilsparte von Porsche kaufen, also de facto alles außer der VW-Beteiligung. Damit hätte Porsche plötzlich geschätzte elf Mrd. Euro, die gesamten liquiden Mittel von VW, in der eigenen Kasse gehabt und wäre seine finanziellen Sorgen los geworden. Der Vorteil für die Familienmitglieder: Sie hätten ihr Privatvermögen nicht versilbern müssen.
Stattdessen scheinen sie nun die bittere Pille zu schlucken: Die nötige Kapitalerhöhung war bereits Teil der Gespräche. Vielleicht auch auf Druck der mächtigen Betriebsräte - sie waren gegen einen „Ausverkauf" von Porsche Sturm gelaufen.
Dass man sich zusammenraufen würde, war aus formalen Gründen abzusehen. Denn ähnlich wie bei einer Papstwahl musste die Familie früher oder später zu einer Einigung finden, die sie im Aufsichtsrat mit einer Stimme sprechen lässt. Dazu hatten sie sich vertraglich verpflichtet.
Gescheitert ist gestern aber nicht nur Piëch. Gescheitert sind auch die Pläne von Porsche-Seite, bei Volkswagen die totale Herrschaft zu übernehmen. Der nächste Schritt wäre eine Beteiligung von 75 Prozent gewesen, der krönende ein „Gewinnabführungs- und Beherrschungsvertrag".
Arbeitsgruppe klärt Details
Auch ohne Probleme mit der Finanzierung würde dafür der letzte Puzzlestein fehlen: Der Fall des VW-Gesetzes, das dem Land Niedersachsen, das zur Zeit knapp über 20 Prozent hält, eine Sperrminorität garantiert. Brüssel prüft seit Jahren, ob dieses Gesetz EU-konform ist, die Porsche-Hoffnung auf eine schnelle und negative Entscheidung ist längst verflogen.
In der Arbeitsgruppe, die nun innerhalb von vier Wochen eine Struktur für das neue VW-Porsche-Gebilde vorschlagen soll, wird also auch Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff ein gehöriges Wort mitzureden haben.
Wie auch immer der „integrierte Autokonzern" im Detail aussehen wird: Fest steht, dass Wolfsburg und Stuttgart weit näher zusammenrücken. Und das ist gut so, meinen die meisten Branchenkenner.
Der VW-Konzern dürfte davon profitieren, wenn er vom kaufmännischen Geschick des profitabelsten aller Autobauer lernen kann. Porsche wiederum spürt den Gegenwind der schärferen EU-Abgasregeln und braucht das Know-how von VW bei neuen Antriebstechnologien, deren Entwicklung für den Sportwagenbauer allein zu teuer wäre. VW und Porsche ist somit, unter welcher Ägide auch immer, eine sinnvolle Liaison, bei der alles in der Familie bleibt. Seit gestern scheint erst einmal gesichert, dass sich diese nicht vorher zerfleischt.
("Die Presse" Printausgabe vom 7. Mai 2009)