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Das mährische Füchslein

Das Opernschaffen im Zentrum: Michael Fütings lesenswerte Biografie über Leoš Janáček.

Dramaturg und Regisseur mitTheater- und Fernseherfahrung, vor allem aber ein begeisterter „Janáčekianer“ ist der 1944 imwestfälischen Beckum geborene Michael Füting, der in München Musik-, Theater- und Literaturgeschichte studiert hat. Mit 18 Jahren, während einer Klassenfahrt nach Berlin, hatte er seine erste große Janáček-Erfahrung – zugleich der Beginn seiner besonderen Affinität zu diesem Komponisten. Damals besuchte er Walter Felsensteins legendäre Inszenierung des „Schlauen Füchsleins“ an der Komischen Oper. Ob es ein Glück war, dass er zu spät kam, kein Programmheft erwerben konnte? Jedenfalls war diese Aufführung der Grund für sein späteres Theaterwissenschaftsstudium sowie für weitere Besuche von Felsenstein-Produktionen, unter anderem des „Freischütz“ in Stuttgart, wo er auf Carlos Kleiber traf.

Wenige Jahre später schenkte Füting eine Freundin Janáčeks Streichquartett „Intime Briefe“ und den Liederzyklus „Das Tagebuch eines Verschollenen“. 1988 hörte er eine „atemberaubende Aufführung“ der „Glagolitischen Messe“ unter Michael Gielen. Bald zierte ein Mitschnitt der Oper„Jenufa“ in einer Aufführung der Wiener Staatsoper seine Plattensammlung. Den quasi letzten Anstoß, sich künftig intensiv mit diesem mährischen Komponisten – mit Puccini, Richard Strauss und Britten übrigens der meistaufgeführte Bühnenkomponist des 20. Jahrhunderts, wie der Autor gleich in seinem enthusiastischen Vorwort ausführt – auseinanderzusetzen,gab Marthalers „Katja Kabanova“-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen 1989.

Jetzt hat Füting seine Erfahrungen mitdiesem Komponisten in einer „kleinen Biografie“ zusammengefasst. Dabei stellt er vor allem das „Operngenie“ in den Mittelpunkt seiner Betrachtung, die freilich weit über eine übliche biografische Darstellung hinausreicht.


Verhältnis von Musik und Sprache

Ehe Füting sich mit Janáček selbst beschäftigt, wartet er mit einer kurz gefassten Operngeschichte auf und untersucht dabei das im Laufe der Jahrhunderte unterschiedlich gehandhabte Verhältnis von Musik und Sprache, die bei Janáček eine besondere Rolle spielt. Kurz und dennoch umfassend werden die frühen Jahre des Komponisten geschildert. Ausführlicher wendet sich der Autor anschließend der Entstehung und dem dramaturgischen Aufbau der bedeutenden Janáček-Opern zu.

Dabei kommt er, durchaus subjektiv, auf die eine oder andere Inszenierung dieser Werke zu sprechen. Am Beispiel des „Tagebuchs eines Verschollenen“, der „Intimen Briefe“ und des Klavierzyklus „Auf verwachsenem Pfade“ zeigt er schließlich auf, wie sehr persönliches Denken und Erleben von Janáček, den er nicht zuletzt angesichts seines „Schlauen Füchsleins“ als einen „Grünen vor der Zeit“ charakterisiert, in dessen Werk eingeflossen sind.

Ein kommentiertes Verzeichnis von Bild- und Tonträgern, das sowohl von profunden eigenen Hör- und Seherfahrungen zeugt als auch die Favoriten dieses geradezu Janáček-besessenen Biografen unschwer erkennen lässt, schließt denBand ab, in dem der Autor immer wieder seine eigene Zunft, die Regisseure und Dramaturgen, kritisch hinterfragt.

Ein lesenswertes Buch, das ein weiteres Mal beweist, dass sich selbst auf recht knappem Platz nicht nur Wesentliches über eine Person und ihr Werk, sondern auch bedenkenswerte persönliche Einschätzungen gut zusammenbringen lassen. ■

Leoš Janáček

Das Operngenie

Eine kleine Biografie von Michael Füting. 128 S., 20 Abb., brosch., €17,30 (Transit Buchverlag, Berlin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2015)