Interview. Reisebuchautor Andreas Altmann über seine Motivation zu reisen, darüber, wie das Schreiben seine Sicht auf die Welt ändert und dass er einen All-Inclusive–Urlaub nur schreibend in seinem Zimmer eingesperrt überstehen würde.
Die Presse: Das Reisen scheint eine der wenigen Konstanten in Ihrem sehr abwechslungsreichen Lebenslauf zu sein. Was bedeutet Reisen für Sie?
Altmann: Ich hätte gern eine erhabene Antwort. So dass der Leser ergriffen die Augen schließt und die ungeheuer tiefen Einsichten von Andreas Altmann genießen kann. Sorry, aber diese Einsichten habe ich nicht. Dafür mehrere wunderbar einleuchtende, sehr irdische, ziemlich knallharte Gründe:
1. Ich kann nichts anderes.
2. Mir wird fad, wenn ich zu lange am selben Ort herumstehe.
3. Ich liebe Paris, und irgendwann hängt es mir wieder zum Hals heraus, sprich, ich muss weg.
4. Reisen und schreiben, das ist sexy.
5. Ich bin gern Fremder, das macht mich wachsamer.
6. Menschenkunde ist mein Lieblingsfach.
7. Wir haben ja beschlossen, die Welt totzuprügeln. Deshalb muss ich mich beeilen, denn ich will sie vorher noch bewundern.
Keine Ihrer Reisen verläuft friedlich. Suchen Sie Ihre Abenteuer oder finden die Abenteuer Sie?
Das ist eine vorlaute Behauptung. Bin ich als Söldner unterwegs? Doch gewiss, jeder von uns hat sieben Milliarden Nachbarn, und Nachbarn sind nicht immer einer Meinung.Ja, reisen kann mühselig werden. Und ich spreche nicht von den klimatischen Anwürfen. Ich habe meinen Anteil an Tropenkrankheiten schon kassiert. Nein, ich spreche von jener Rasse von Zeitgenossen und Zeitgenossinnen, deren oberstes Ziel es ist, das Leben der anderen einzuzäunen. Amtsinhaber, Wichtigtuer und Wichtige hauen mit Verbotsschildern um sich. Sie blühen, wenn sie die Freiheit abschaffen können. Würstchen, die sich gern Schikanen ausdenken, denn ihr Triumph ist das Unglück der anderen.
Wie lange würden Sie es in einem All-Inclusive-Club aushalten?
Sofern ich ein eigenes Hotelzimmer mit Steckdose, W-Lan, hartem Bett, stabilem Tisch und einer Badewanne habe: ziemlich lang. Ich würde dann die Tür zusperren und schreiben. Das ist eine Tätigkeit, die erfunden wurde, um den Wahnsinn auf Erden auszuhalten. Auch den Wahnsinn des All-inclusive.
Selbst politische Unruhen schrecken einige Reisende nicht davon ab, in Krisengebiete zu fahren. Manche werden entführt. Würden Sie erwarten, durch Lösegeld freigekauft zu werden?
Herrliche Frage, ungemein intim. Wer wäre bereit, hunderttausende Euro für mich lockerzumachen? Ich vermute, mein Verleger würde es tun. Denn er will weiterhin goldene Eier mit mir verdienen, zudem wäre das ein Riesen-Publicitygag (also noch mehr goldene Eier): „Piper-Chef reist mit einem Rucksack voller Eurobündel ins Rebellengebiet!“ Wenn das nur gutgeht. Da aber auch die Möglichkeit besteht, dass keiner sich meiner erbarmt, unterlasse ich es grundsätzlich, den Helden zu spielen. Denn ich werde nicht für's Heldentum bezahlt, sondern für das Abliefern einer passablen Story.
Sind Sie ein anderer, wenn Sie von Ihren Reisen zurückkommen?
Das ist eine gemeine Frage, denn sie lädt zu einer eitlen Antwort ein. Aber ich will auch einmal glänzen und antworte gefasst: „Ja.“ Denn es wäre ein Armutszeugnis, wenn nicht ein bisschen ein anderer aus mir geworden wäre. Nach jeder Reise bin ich erfüllter, ein paar Gramm weniger ignorant, mitgenommener, ergriffener – und ratloser, deprimierter, verwunderter über unsere Gier, über diese zähe Bereitschaft, den Hals nicht vollzubekommen. Unheimlich, Leuten zuzuschauen, die sich täglich rastlos und schweißgebadet neuen Klimbim anschaffen. Ihr Ego scheint sagenhaft gefräßig. Haben statt Sein. Das Mantra aller Narren – Wachstum! – scheint unabschaffbar. Würden sie nur zum Boomen von mehr Hirn aufrufen. Aber davon kein Wort. Schon klar: Denken ist kein Massensport.
Sie haben in den vergangenen Jahren unzählige Plätze der Erde bereist. Was haben Sie in der Zeit aus Ihren Reisen gelernt?
Hm, das sind die letzten Fragen zur Menschheit. Das Problem mit mir: Ich muss vordenken, bis mir eine einigermaßen intelligente Antwort einfällt. Schauen Sie auf Politiker, Hochwürden und andere einschlägige Sprechblasenproduzenten: Die können auf Knopfdruck reden und dabei nichts sagen. (Denkpause) Okay, das hier habe ich gelernt, in „meinem“ Zenkloster in Kyoto. Einen Satz von Konfuzius: „Dein zweites Leben beginnt, wenn du begriffen hast, dass es nur eines gibt.“ Wäre das nicht ein Merkvers für uns alle? Endlich einsehen, wie unbezahlbar das Leben ist. Wie brutal schnell es wieder weg ist. Wie unwiederholbar es ist.
Welches Erlebnis hat Sie am meisten beeindruckt?
So funktioniere ich nicht! Viele Frauen, viele Männer, viele Situationen haben mich schwerst beeindruckt. Wie sollte da ein Ranking aussehen? Frau Xing Li war beeindruckender als Nesrin Mokhtarzada? Und Mister Dylan Cunningham umwerfender als Señor Carlos Gutierres? Und war die Nacht auf Vanuatu, in der ich – wunderbar witzig – als Gott verehrt wurde, mitreißender als eine nächtliche Fahrt durch Tokio in einem mobilen Puff?
Haben Sie unter all den Orten, die Sie jemals besucht haben, einen Lieblingsort?
Ach, Sie wollen von mir Rekordmarken erfahren. Aber ich habe noch nie einen Rekord aufgestellt. So habe ich auch keinen Lieblingplatz, denn es gibt zu viele Orte rund um die Welt, zu denen ich mich zurücksehne: zum Beispiel die Zugfahrt von Darjeeling nach New Jaipalguri, das morgendliche Zwitschern der Vögel in Kabul, ein Abendessen inmitten wodkaseliger Russen in Sibirien − ach, die Liste wäre lang. Halt, in Paris habe ich einen Lieblingsort: mein Café. Das ist ein Ort, wo ich im Eck sitze und denken und lesen und träumen darf. Ohne dass eine plärrende Glotze mich verblödet, ohne einen einzigen Prolo in Sichtweite, ohne das leiseste Gefühl, etwas zu versäumen.
Sie sind ein mehrfach ausgezeichneter Reiseautor. Sehen Sie Ihre Erlebnisse mit einem anderen Blick, in der Gewissheit, darüber schreiben zu müssen?
Gewiss mit einem intensiveren Blick. Denn als Schreiber habe ich nur eine Aufgabe: niemanden zu langweilen, niemandem sein Geld und – noch unbezahlbarer – seine Zeit zu stehlen. Jeder Schreiber sollte jeden Tag trainieren, genauer hinzusehen, durchlässiger zu werden, sensibler, achtsamer, verwundbarer. Überall, in jedem Eck der Welt, kann er damit anfangen.
Warum überhaupt über seine Erlebnisse schreiben?
Diese Frage erinnert mich an das Genie Karl Valentin, der auf eine ähnliche Fragestellung antwortete: „Damit die Zeit vergeht.“ Nun, ich war noch nie von der zwanghaften Einbildung geschlagen, dass irgendjemand meine Bücher brauche. Ich schreibe sie, weil keine Zeit mehr zum Umschulen ist. Je mehr ich davon schreibe, desto klarer wird mir jedoch, dass ich mein Scherflein dazu beitrage, die Welt zu erdrosseln, da ja diese Bücher andere Leute dazu anstiften, ebenfalls loszuziehen, sprich, es müssen mehr Flugzeuge her, mehr Hotels, mehr betonierte Parkplätze. Jeder von uns, auch ich, hat Dreck am Stecken.
In Ihrem letzten Buch „Verdammtes Land: Ein Reise durch Palästina“ schreiben Sie, dass jeder, der versucht, eine Antwort auf den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu finden, scheitern wird. Auch wenn Sie keine Antwort gefunden haben, verstehen Sie die Situation nach Ihrer Reise besser?
Nein, das ist nicht mein letztes Buch, denn das ist ein Werk mit dem Titel „Indien“, das ich zusammen mit einem stadtbekannten Filmemacher, Pier Paolo Pasolini, geschrieben habe. Da der arme Mann schon tot ist, hat der Verleger mich gebeten, zu Pasolinis Tagebuch einer Reise durch den Subkontinent einen Kommentar zu schreiben. Wie dem auch sei: Ein bisschen besser verstehe ich den Konflikt, aber ich habe vor allem eins verstanden: Wenn religiös Vernagelte Politik machen, dann geht es der Menschheit schlecht. Vernageltsein ist unheilbar. Nur der Tod befreit uns von einem Vernagelten.
Wohin geht es als nächstes?
Zuerst einmal soll der 14. September kommen. Denn dann veröffentliche ich ein Buch mit dem aparten Titel „Frauen.Geschichten.“ Sie, die Frauen, so will mir scheinen, sind der aufregendste Kontinent. Auch bei ihnen gibt es, wie beim Reisen, Bruchlandungen und atemlosen Jubel.
ZUM AUTOR
Andreas Altmann, im bayrischen Altötting geboren, war als Schauspieler tätig, bevor er das Schreiben für sich entdeckte. Altmann hat Südamerika durchquert und war für mehrere Aufenthalte in Asien und Afrika. Seit mehr als 20 Jahren lebt der Autor in Paris. Außer dem Bestseller „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ schrieb Altmann auch mehrere Bücher über seine Reiseerlebnisse.
www.Weitere Informationen über seine Werke finden Sie aufwww.andreas-altmann.com.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2015)