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Konstantin Wecker: "Erziehung macht die Menschen kaputt"

Konstantin Weckers bunte Halskette wurde für den guten Zweck im Irak hergestellt.
Konstantin Weckers bunte Halskette wurde für den guten Zweck im Irak hergestellt.Die Presse
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Der Liedermacher Konstantin Wecker hat Positives vom Älterwerden zu berichten. Im Gespräch mit der "Presse am Sonntag" erzählt er zudem, warum auf seinem neuen Album, "Ohne Warum", Kinderstimmen zu hören sind.

Ihr Album-Opener „Ich habe einen Traum“ wird viele auf die Palme bringen. Sie träumen von einer Grenzöffnung für alle. Ist das Naivität oder Boshaftigkeit?

Konstantin Wecker: Das ist ein ganz bewusster und naiver Traum. Bei einer Demonstration hab ich einmal gesagt, dass ich lieber naiv als korrupt bin. Aber es handelt sich eben hier um Kunst. Menschen, die keinen Zugang zur Symbolik in der Poesie haben, könnten hier reagieren wie jener Journalist, der schrieb: „Herr Wecker, das ist alles gut und recht, aber die Waffen im Meer versenken, das geht umweltpolitisch nicht.“ Es ist eben ein sehr romantisches Lied mit einer Utopie.

 

Wollten Sie mit Ihrer neuen Liedersammlung keine Politik machen?

Politik machen wollte ich noch nie – politisch ist das Album aber durchaus. Es sind Gedichte und Lieder, die von einem politisch denkenden und fühlenden Menschen ausgehen. Ich hab früher, als noch die extremen Linken meine Gegner waren, gesagt: „Ich bin kein politischer Sänger. Ich bin Dichter und vertone meine Poesie.“ Heute finde ich es wichtig, ein Sänger zu sein, der bewusst auch politische Lieder singt.

 

Aber ein Sujet wie der Schutz der Grenzen ist derzeit ja hochpolitisch. Oder nicht?

Das mag sein. Aber wenn ich von einer grenzenlosen Welt träume, dann ist das wirklich mein Traum. Ich habe Grenzen noch nie in irgendeiner Weise toll gefunden. Das war zum Teil durchaus gefährlich für mich.

 

Ein nicht so leicht von der Hand zu weisendes Argument gegen die Flüchtlingsströme ist, dass Europa nicht die Probleme der ganzen Welt lösen könne. Wie sehen Sie das?

Unser Wirtschaftssystem erzeugt genau diese Armut, vor der diese Menschen flüchten. Deshalb habe ich mich bei Pegida so gegen deren Losung „Flüchtlinge ja, aber keine Wirtschaftsflüchtlinge“ gewehrt. Wir hätten die Mittel, dort zu helfen, wo es notwendig ist. Man kann als Deutschland nicht alle Probleme den Italienern überlassen. Darin ist Frau Merkel sehr geschickt.

 

Der strikte deutsche Sparkurs schädigt nach Ansicht vieler Fachleute nicht nur die heimische Infrastruktur, sondern vor allem auch die europäischen Nachbarn. Wie sehen Sie die Lage?

Es ist ein Sparen um des Sparens willen. Das Bittere ist, dass dieses Sparen alle sozialen Errungenschaften, die man in den letzten drei, vier Jahrzehnten auf demokratischem Weg erreicht hat, zunichtemacht. Die Medien machen munter dabei mit. Es ist ein Riesenunterschied, wie im Ausland über Griechenland berichtet wird. Finanzminister Varoufakis wird überall als fähiger Kopf charakterisiert, nur bei uns wird über ihn wie über den letzten Deppen berichtet. Da ist ein eigenartiges System dahinter.

 

Die Pegida-Leute würden wohl auch armen Landsleuten nicht helfen wollen, oder?

Nein, sicher nicht. Das Wesen der Pegida ist, dass sie sich den Schwächeren sucht. Deren Unterstützer gehen nicht an die Quellen der Probleme, sondern reagieren den Unmut über ihr eigenes Leben an Sündenböcken ab. Da gibt es Leute, die sagen, sie seien stolz darauf, Deutsche zu sein, und die anderen seien selbst schuld, dass sie woanders geboren sind. Das ist nicht nur dumm, sondern auch unmenschlich.

 

Warum wehren sich gerade die Christlich-Sozialen in Deutschland gegen jede Form des Teilens?

Man könnte auch fragen, warum eine Kirche wie die katholische sich immer schon dagegen gewehrt hat. Das ist ein Thema, das ich auch mit Frau Käßmann (Margot, evangelische Theologin, Anm.)diskutiert habe. Wenn man sich als christlich definiert, dann müsste es undenkbar sein, dass man Waffen segnet. Es ist überall das Gleiche. Ob beim IS, bei den amerikanischen Evangelisten oder auch hier – alle wollen mir erklären, was Gott will. Das ist eine ungeheure Anmaßung, eigentlich Faschismus.

 

Auf Ihrem neuen Album, „Ohne Warum“, sind viele Kinderstimmen zu hören. Ist das eine Reminiszenz an Ihre Zeit im Rudolf-Lamy-Kinderchor?

Gewissermaßen. Das war eine ganz schöne Zeit für mich. Ich bin kein Regensburger-Domspatz-Geschädigter. Der Rudolf-Lamy-Kinderchor war ein wunderbarer Chor, der die Kinder nicht gedrillt hat. Gerade bei einem Stück wie „Die Gedanken sind frei“ tragen die Kinderstimmen dazu bei, dass es eine ganz besondere „Gemeinheit“ bekommt.

 

Als Mitglied des Rudolf-Lamy-Chors haben Sie auch im Film „Die Trapp-Familie“ mitgewirkt. Was sind Ihre Erinnerungen daran?

Erika Köth. Ich stieg als Sänger im Studio ein, als der Solist in den Stimmbruch kam. Im Film bin ich in einer kleinen Szene zu sehen. Erika Köth war sehr lieb zu mir. Ich war begeistert von ihr. Fünfzehn, sechzehn Jahre später habe ich sie einmal nach einer Aufführung einer Oper besucht.

 

Der Mystiker Angelus Silesius hat Sie mit seinem Gedicht „Sunder Warumbe“ zum Albumtitel „Ohne Warum“ inspiriert. Wie das?

Da alles, was wir in unserem heutigen narzisstischen Festival tun, auf irgendeinen Nutzen oder Gewinn ausgerichtet ist. Das ist der Haken an unserer Gesellschaft. Einfach zu sein, um zu sein, ist fast ausgestorben. Meister Eckhart sagte: „Das Leben lebt aus seinem eigenen Grunde.“ Der Satz hat mich schon in meiner Jugend begeistert. Ich bin ja kirchlich geprägt. Von alten, katholischen Nazi-Lehrern. Meister Eckharts Gedanken haben mich erstaunt. Erst viel später, als ich mich mit dem Buddhismus beschäftigte, wurde mir klar, dass Mystiker in allen Religionen ähnlichen Zugang zum Leben haben.

 

Im Lied „An meine Kinder“ heißt es: „Kinder sind schuldlos. Haltet sie frei vom Moralismusgetöse.“ Glauben Sie, dass Erziehung überflüssig ist?

Die Erziehung macht die Menschen kaputt. In dieser Frage bin ich geradezu ein Jünger von Arno Gruen. Er sagt, dass der Mensch ein empathisches Wesen und nicht Wolf unter Wölfen ist. Das wird ihm während einer Erziehung mit Bedingungen wie „Ich liebe dich, aber nur, wenn du ein sehr gutes Abitur schreibst“ ausgetrieben.

 

Wenn man Kindern keine Grenzen setzt, werden sie dann nicht zu sehr unglücklichen Mitgliedern unserer Gesellschaft?

Ich bin nicht dafür, keine Grenzen zu setzen. Das wäre Laisser-faire. Antiautoritäre Erziehung heißt nicht, keine Grenzen zu setzen. Es heißt, Kinder skeptisch gegenüber Autoritäten zu machen. Das beinhaltet auch die Skepsis gegenüber Vater und Mutter. Das ist klar. Mein Papa war so einer. Er hatte es mit mir nicht leicht, aber er war sanft und gutmütig.

 

Sie haben das Gedicht „Der Krieg“ von Georg Heym vertont. Er hat es drei Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs geschrieben. Sehen Sie Kriegsgefahr am Horizont?

Ja, ganz eindeutig. Für mich ist es überragend, wie Georg Heym etwas vorausgeahnt hat, was dann genauso eingetreten ist. Er konnte gar nicht wissen, wie schrecklich so ein Krieg ist, als er das schrieb. Auch der G7-Gipfel auf Schloss Elmau bot Indizien. Allein schon Putin auszuladen war ein diplomatischer Affront – auch die Entscheidung, gegenüber Russland weiterhin hart zu sein. Es sieht ganz danach aus, als wollte man einen Konflikt heraufbeschwören. Im Zweifelsfall ist es den USA eher egal, ob hier bei uns in Europa Krieg ist.

 

Hat Politik noch Gestaltungsmöglichkeiten oder ist sie von Konzernen getrieben?

Sie ist von der Wirtschaft vereinnahmt. Die neoliberale Idee des freien Marktes hat Frau Merkel völlig verinnerlicht. Das Prinzip, dass sich der Markt selbst reguliert, wie es einst Adam Smith sagte, funktioniert für das eine Prozent, das so viel besitzt wie die anderen 99Prozent, wunderbar. Die Politiker haben sich sehr weit von uns entfernt. Wenn das, was Frau Merkel in Bezug auf die NSA-Spitzelaffäre vorhat – nämlich denjenigen zu bestimmen, der am Parlament vorbei als Einziger die Daten einsehen darf – umgesetzt wird, dann haben wir keine Demokratie mehr.

 

Wie geht es Ihnen mit dem Älterwerden?

Bis auf die uns allen bekannten Katastrophen zunehmender Zipperlein gibt es schon auch etwas Positives zu berichten. Ich habe gerade in den letzten Monaten erst wieder bemerkt, dass man gerade durch die intensivere Beschäftigung mit der eigenen Vergänglichkeit Momente neuer Intensität gewinnt. Als Jugendlicher weiß man, alles ist vergänglich, aber man nimmt es nicht ernst. Es scheint nichts mit einem selbst zu tun zu haben. Im Alter nehme ich Dinge wahr, die ich früher nicht wahrgenommen habe. Irgendwann einmal kann ich vielleicht sogar einen Lobpreis der Vergänglichkeit singen.

Herr Wecker, darf man Sie auch fragen...

1...warum es keine Utopien mehr gibt?

Zu viele junge Leute haben das System verinnerlicht. Die unglaubliche Werbung, die auf sie einprasselt, lenkt sie vom Wesentlichen ab.

2...was für eine Bewandtnis es mit dieser bunt-kugeligen Halskette auf sich hat, die Sie so oft tragen?

2003 waren wir im Irak mit der Organisation Kultur des Friedens, und da haben wir diese Kette produziert, um Geld für unsere Kinderhilfe zu sammeln. Sie ist in den Pace-Farben gehalten und wird immer noch erzeugt.

3...warum „Willy“ schon wieder auf Ihrem neuen Album ist?

Da ich ihn immer wieder, wenn ich besonders wütend bin, in Form eines Talking Blues erzählen muss.

Steckbrief

Konstantin Wecker wird 1947 in München geboren. Er lernt in Kinderjahren Klavier, Geige und später Gitarre. Er singt im Rudolf-Lamy-Kinderchor, ist u.a. Solist im Film „Die Trapp-Familie“.

Wecker macht sich einen Namen als Filmmusiker, etwa für „Schtonk!“, „Die weiße Rose“ und „Alles, was recht ist“. Mit seinem Album „Genug ist nicht genug“ (1977) gelingt ihm der Durchbruch. Der Liedermacher ist auch politisch engagiert, setzt sich u.a. gegen Rechtsextremismus ein.

Sein neues Album, „Ohne Warum“, ist soeben erschienen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2015)