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Bachmann-Wettbewerb: Drei Frauen gewinnen in Klagenfurt

AUSTRIA LITERATURE
Bachmann-Wettbewerb(c) APA/EPA/GERT EGGENBERGER (GERT EGGENBERGER)
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Der Hauptpreis beim 39. Bachmann-Wettbewerb ging mit Nora Gomringer an eine Poetry-Slammerin und Lyrikerin. Die Österreicherin Valerie Fritsch überzeugte mit ihrem Text sowohl Jury wie Publikum. Sie gewann doppelt.

Beim 39.Bachmann-Wettbewerb hat man viele Siegertexte gehört. Gewonnen hat den mit 25.000 Euro dotierten Hauptpreis eher zufällig, wenn auch nicht unverdient, Nora Gomringer. Gebührt hätte er auch Anna Baar, Teresa Präauer, Monique Schwitter sowie jenen zwei Autorinnen, denen die drei anderen Preise zuerkannt wurden. Mit zusammen 17.000 Euro für den Kelag- und den BKS-Bank-Publikumspreis räumte die Grazerin Valerie Fritsch nicht nur finanziell, sondern imagemäßig groß ab. Der 3sat-Preis mit 7500 Euro ging an die in der Schweiz lebende Rumänin Dana Grigorcea. Verliererin des Tages war die Linzerin Teresa Präauer, die bei allen drei von der Jury zu vergebenden Preisen in die Stichwahl kam – und dann doch jedes Mal leer ausging.

Mit Nora Gomringer hat diesmal eine Lyrikerin und Poetry-Slammerin gewonnen. Das entspricht der Absicht des Juryvorsitzenden Hubert Winkels, der die Performance stärker als bisher in die Bewertung einfließen lassen möchte – wohl um etwas medial so Sperriges wie eine Lesung (im Fernsehen) attraktiver zu machen. Das Experiment ist geglückt. Wer Nora Gomringers Text „Recherche“ zu Hause auf dem Sofa liest, beraubt sich des Genusses ihres szenischen Vortrags. Sie verlieh den verschiedenen Stimmen auf der „Suche nach dem Gott der verlorenen Dinge“ unverwechselbaren Ausdruck. In dem Text macht sich eine Autorin auf, die Ursache für den Selbstmord eines homosexuellen 13-Jährigen herauszufinden. Alle in dem Haus, aus dem sich der Pubertierende gestürzt hat, haben sich an ihm schuldig gemacht. Das wird anhand der Gespräche, die die Autorin mit den Bewohnern des Hauses führt, deutlich. Zudem führt die Recherchierende Interviews in den Tagen, „in denen der Wettbewerb bei 3sat gezeigt wird“. Mit diesem Hinweis auf den Bachmann-Wettbewerb zieht die 1980 geborene Autorin eine Ebene ein, die ihre Situation bei der Lesung reflektiert. Das ist so raffiniert gemacht, dass die Frage, ob der Text auch hält, wenn man ihn stumm für sich liest, hintangestellt werden kann.

Auf seine Weise ebenso ausgebufft ist Valerie Fritschs Beitrag zum Klagenfurter Wettlesen: „Das Bein“. Neo-Juror Klaus Kastberger hat seine beträchtlichen rhetorischen Fähigkeiten darauf abgestellt, diesem „gegenwärtigen Text“ Bachmann-Preis-Würdigkeit zu verschaffen. Den Selbstmord eines beinamputierten Tänzers, der mit dieser Lebenssituation nicht zurechtkommt und sich „mit einem Kleinkalibergewehr in den Kopf“ schießt, kann der Sohn nicht verhindern. „Anfangs belustigte es den Vater, wenn er morgens erwachte mit dem Gefühl, das Bein wäre nachgewachsen über Nacht.“ Letztlich bringt ihn dieser Phantomschmerz aber um. Von der solcherart ausgedrückten Versehrtheit des modernen Menschen, der uns hier „als Prothesengott“ vorgeführt wird, zeigte sich die ganze Jury beeindruckt. Die starken und stimmigen Bilder in dieser „literarischen Patience“ (Stefan Gmünder), die diversen Stillagen sowie das Spiel mit Symmetrien überzeugten auch das (Internet-)Publikum.

Damit haben zwei Selbstmörder-Geschichten drei Preise abgeräumt. Die Preisträgerin des vierten Preises, des mit 7500 Euro dotierten 3sat-Preises, steht in der Tradition bisheriger Preisträgerinnen. Dana Grigorcea ist der Herkunft als auch ihrer Geschichte wegen mit Maja Haderlap (Bachmann-Preis 2011), Olga Martynova (2012) und Katja Petrowskaja (2013) vergleichbar. Alle drei schreiben in ihrer „Zweitsprache“ Deutsch und beschäftigen sich mit ihren Herkunftsländern. Die 1979 in Bukarest geborene Dana Grigorcea mit dem Rumänien Ceauşescus. In „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“ erzählt sie anhand der Jugenderinnerungen einer Rumänin vom Leben vor der Wende. Das Aufeinandertreffen eines Souffleurs vom Bukarester Opernhaus mit einem Securitate-Oberst gibt reichlich Raum für komödiantische Elemente, die der Tragik nicht entbehren.

Für Tragikomik sorgte auch das schon zur Tradition gehörende Jury-Match, diesmal zwischen Juri Steiner und Klaus Kastberger. Der verspielt dribbelnde Schweizer Kurator war gegen den Sturmlauf des mittelösterreichischen Brachialanalytikers hilflos. Als Kastberger bei der Diskussion über Jürg Halters Text die Frage stellte, „Was ist los mit dem Schweizer Mann?“, musste die Schweizer Jurorin Hildegard E. Keller den derart Gefoulten mit der Gegenfrage verteidigen: „Was ist los mit dem österreichischen Mann?“ Hier trafen zwei Denkschulen und Mentalitäten aufeinander – als würde etwa Robert Walser mit Thomas Bernhard über Literatur reden.

 

Was ist los mit den Männern?

Nimmt man den Bachmann-Preis als literarischen Indikator, dann hat der deutsch schreibende Mann ein Problem. Die vier Autoren, die sich gegen die zehn Kandidatinnen beim Wettlesen zu behaupten versuchten, gingen sang- und klanglos unter im Wörtersee. Mit der literarischen Potenz der Autorinnen konnten sie nicht mithalten. Dem Bachmann-Wettbewerb geschadet hat das nicht. Im Gegenteil. Ging es in den vergangenen Jahren mitunter darum, welchen Textes Prämierung das Image des Wettbewerbs am wenigsten beschädigt, so zeichnete sich das diesjährige Wettlesen durch die knifflige Frage aus, welchem Text man am meisten Unrecht tut, wenn man ihn nicht auszeichnet.

DREI PREISTRÄGERINNEN

Neben Nora Gomringer (Jahrgang 1980), der Gewinnerin des mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preises, erhielten in diesem Jahr zwei weitere Frauen Preise: Die Österreicherin Valerie Fritsch (Jahrgang 1989) konnte den Kelag- und den BKS-Bank-Publikumspreis einstreifen. Die in der Schweiz lebende Rumänin Dana Grigorcea(Jahrgang 1979) erhielt den 3sat-Preis.

Heute, Montag, ist die Bachmann-Preisträgerin Nora Gomringer zu Gast in der Sendung „Lesart“ um 23.25 Uhr in ORF2.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2015)