5.ViennAfair. Die Wiener Kunstmesse vermittelt Zuversicht gegen die Krisenstimmung. Mit Che und Kleinformaten. Ausstellungs-Direktor Edek Bartz erwartet zahlreiche Sammler - vor allem aus Ungarn.
Hat wer ein Mittel“ steht groß auf dem Bild. Prominent gleich am Eingang der ViennAfair gehängt, lesen sich Stefan Sandners Worte am Stand der Galerie Grita Insam wie die zentrale Frage unserer Zeit. Dabei erinnert hier nichts an die bangen Fragen infolge der täglich gemeldeten wirtschaftlichen Niedergänge. Im Gegenteil: Die Kunstmesse ist dank großzügiger Werbung präsenter denn je, die Stände sind offener, die Gänge klarer angelegt, die Ruheplätze vielleicht etwas ausladender, aber im Umfang ist die Messe fast gleich geblieben – grad zwei Galerien weniger als im Vorjahr. Verglichen mit den nur 92 Teilnehmern der ersten Ausgabe 2005 ein beachtlicher Erfolg. Von den 129 Kunsthändlern sind dieses Jahr allerdings die 29 osteuropäischen Stände von der „Erste Group“ gefördert, zehn mehr als im Vorjahr – darunter auffallend viele aus Ungarn. Das ist erstaunlich. Die ungarische Industrieproduktion bricht ein, die Währung Forint ist im Rekordtief – aber die Kunstszene wird immer lebendiger? Ist die Kunst krisenunabhängig? Den Eindruck bestätigten letzte Woche das Galerien-Wochenende in Berlin, diese Woche die „curated by“-Voreröffnung in den Wiener Galerien: Immer mehr Menschen suchen die Kunst, wollen schauen – und kaufen. Zumindest in Europa. In den USA dagegen entlassen die Museen mehr und mehr Mitarbeiter, Sammlern ist das Geld zum Spenden und Kaufen ausgegangen.
Attraktiv für internationale Galerien
Das könnte auch die Wiener Messe betreffen, denn nur wenige Überseesammler reisen heuer an. Dafür erwartet der Ausstellungsdirektor Edek Bartz zahlreiche Sammler vor allem aus Ungarn, aber auch aus den anderen osteuropäischen Ländern. Genau darin liegt die Attraktivität der ViennAfair für die internatonalen Galerien. „Die Messe ist sehr lebendig, nicht zu groß und hat diesen regionalen Schwerpunkt, den wir unseren Künstlern eröffnen möchten“, erklärt Petra Kuipers von der Motive Gallery aus Amsterdam ihre erstmalige Teilnahme hier. „Im ersten Jahr haben wir hier viele Sammler und Kuratoren kennengelernt, im zweiten Jahr gut verkauft – jetzt werden wir sehen“, fasst Aga Czarnecka von der Czarna Galeria aus Warschau ihre Erwartungen zusammen. Denn natürlich wirkt sich die wirtschaftliche Unsicherheit auch auf die Messe aus – aber scheinbar vor allem zum Wohle der Kunst und Käufer.
Deutlich mehr Kleinformatiges mit Preisen unter 5000 Euro wird geboten, und viele Galerien nehmen die vage Situation zum Anlass mutiger Einzelpräsentationen junger Künstler. Die Galerie Faur Zsofi aus Budapest zeigt Balint Bolygo, von mechanischen Instrumenten geprägte Werke wie die Porträtmaschine: Der Gipsabdruck eines Kopfes wird auf eine Drehscheibe montiert, die Konturen werden vermessen und mechanisch auf das Papier übertragen – ein kontrolliertes System voller Zufälle. Von lila Styropor umgebene Monitore mit sehr körperbetonten, fast postaktionistischen Videos des Österreichers Marc Aschenbrenner zeigt die Berliner Galerie Olaf Stüber. Auch DNA aus Berlin, treuer Stammgast der Messe von Anfang an, überlässt heuer den Stand ganz einem österreichischen Künstler: Clemens Krauss verspannt seinen 16mm-Film als 15 Meter langes Band kreuz und quer als freien Loop im Raum. Wer die kleine Projektion der Körperverschmelzungen sehen will, muss physisch in den Film eintauchen.
Eine raumgreifende Installation wagt auch die Galerie Antje Wachs mit dem Leipziger Studienabgänger Steve Viezens, der seine Collagen, Zeichnungen und Bilder auf eine aufwendig gezeichnete Tapete hängt. Minimalistisch tritt die junge Wiener Galerie Winiarzyk auf: Drei Kreise sind auf die Wand gemalt. Auf dem Bronze-, Gold- und Silbergrund hängt Pirmin Blum alte Jugendfahnen von Che Guevara, dem Playboybunny und Michael Jackson als zerrissene Erinnerungen an Glanzseiten auf: gefeiert, zerfetzt, neu bewertet. Che Guevara ist überhaupt recht gegenwärtig, schaut uns ernst aus 59 Fotografien plus weiteren 460 Diaprojektionen von Angel Marcos bei der spanischen Galerie Trayecto an und als aus Stecknadeln und Drahtröllchen gefuzeltes Porträt von Yong-Jin Kim bei der Münchner Galerie Braunbehrens.
Staatspräsidenten und Auto-Crash
Fast wie eine Einzelpräsentation wirken suggestive Zeichnungen von Moussa Kone bei Charim, die von Verwandlungsprozessen handeln und voller Referenzen an Michelangelos David, Botticellis Venus bis hin zu griechischen Säulen sind. Ganz anders als diese filigranen Weltbilder inszeniert Christian Eisenberger bei Konzett seinen „Kampf der Farben“, wie er es nennt. In seiner „Badezimmertechnik“ mischt er Silikon mit Wasser und Öl – Materialien, die sich eher abweisen als verbinden. So sind die vielen kleinen Kopfbilder und Großformate mit Staatspräsidenten und einem Auto-Crash eindrucksvolle Beweise von Uneinigkeit. Falls Sandners Eingangsbild „Hat wer ein Mittel“ als Frage gelesen wird, gibt die Messe überzeugende Antworten: Das Mittel gegen Krisenstimmung ist Zuversicht, und genau das vermittelt diese ViennAfair mit den vielen Einzelpräsentationen, raumbezogenen Installationen und jungen Positionen.
Auf einen Blick
■Die ViennAfair ist eine internationale Messe für zeitgenössische Kunst mit Fokus auf junge Galerien sowie auf Zentral- und Osteuropa. Sie findet 2009 zum 5.Mal statt.
■Von 7. bis 10. Mai in der Messe Wien(Messeplatz 1, 1021); 12–19h (am 7. und 8.5.), 11–19h (am 9.5.), 11–18h (am 10.5.). Info, Tickets: www.viennafair.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2009)