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Angst vor dem Staat: Griechen flüchten in Luxusgüter

(c) REUTERS (YANNIS BEHRAKIS)

Die Griechen kaufen Luxusgüter und gehen teuer essen. Fatalismus paart sich mit der Angst vor einem Zugriff des Staats auf private Konten.

Athen. Trotz einer politischen Annäherung in Brüssel hat es am Mittwoch in Griechenland noch nicht danach ausgesehen, als ob die Banken wieder öffnen. Doch in der zweiten Woche der strengen Kapitalverkehrskontrollen stellt sich so etwas wie ein Gewöhnungseffekt ein. Vielleicht ist es auch Fatalismus. Ob in der touristischen Plaka, in Kypseli, Koukakai, in den Exarcheia oder in anderen zentrumsnahen Vierteln – die Cafés, Restaurants und Bars sind gegen Abend, wenn die Hitze des Sommertags abgeklungen ist, gut gefüllt. Auf den Tischen sind nicht nur der Frappé, so heißt der aufgeschäumte, kalte Nescafé, sondern auch Speisen und Getränke zu sehen, die einen tieferen Griff in die Geldbörse erforderlich machen.

Auch eine andere Nachricht erweckt den Eindruck, als gingen die Griechen dem drohenden Staatsbankrott plötzlich unbeschwert entgegen: Insgesamt dürfte der Einzelhandel in der letzten Wochen zwar um etwa eine Milliarde Euro eingebrochen sein. Großteils werden nun Lebensmittel statt sonstige Alltagsprodukte erworben. Doch gerade Luxusgüter finden plötzlich einen reißenden Absatz: Schmuck und Edelsteine, Smartphones, Tablets und andere teure elektronische Geräte gingen seit Ende vergangener Woche wie warme Semmeln über den Ladentisch.

Wie sind diese Zeichen zu deuten? Mit den 60 Euro, die täglich an den Bankomaten abgehoben werden können, wollen sich viele Athener offensichtlich auch vergnügen – Cash wird in guter Gesellschaft konsumiert. Andererseits hat die Bankensperre einen alten Traum des Kreditsektors in Erfüllung gehen lassen – immer mehr Menschen stellen ihre Zahlungen auf Plastikgeld um. Ja, selbst die Pensionisten ohne Bankomatkarte, die in den letzten zehn Tagen insgesamt gerade 120 Euro in den Bankfilialen abheben durften, wollen sich nun mit dem neuen Zahlungsmittel anfreunden. Wenn sie sich ihr Geld am Schalter erkämpft haben, leitet man sie gleich zur Kartenabteilung weiter, damit sie dort einen Antrag auf eine Bankomatkarte stellen – inzwischen ist die Kartenproduktion aufgrund des Andrangs allerdings zusammengebrochen. Frühestens in zehn Tagen, heißt es, könnten die verzweifelten Alten mit der Ausstellung ihrer Bankomatkarten rechnen.

Der verstärkte Absatz von Luxuswaren aber dürfte mit den wilden Gerüchten zu tun haben, die in den Tagen vor dem griechischen Referendum vom vergangenen Sonntag verbreitet wurden und mit dem Nein der Bürger zum Sparpaket der Gläubiger alles andere als abgeklungen sind. Es heißt, dass ein Teil der Bankguthaben bei einer weiteren Eskalation der Lage vom Staat gekappt werden könnte. Das dürfte viele Menschen dazu bewegt haben, ihre noch vorhandenen Guthaben – mittels Karte – in dauerhafte Güter anzulegen. Sie wollen ihr Geld ausgeben, bevor es ganz verloren geht.

Einige Wirtschaftsbranchen stehen durch die Kapitalkontrollen indessen vor dem endgültigen Aus. In der Immobilienbranche etwa, in der sich nach schweren Jahren endlich ein Aufschwung angekündigt hat, ist durch die Kapitalverkehrskontrollen jede Geschäftstätigkeit zum Erliegen gekommen. Die Importfirmen haben größte Schwierigkeiten, Überweisungen zu tätigen, weil eine Kontrollkommission bisher nur bei prioritären Gütern wie etwa Medikamenten tätig wird. Viele in Griechenland stationierte internationale Unternehmen haben bereits in den letzten Jahren ihre Verrechnung ins Ausland verlegt. Sie können die Zahlungsflüsse nun von außen aus abwickeln. Andere, vor allem gut aufgestellte mittelständische Betriebe, versuchen nun verzweifelt, ausländische Konten zu eröffnen, um die Warenflüsse wieder in Gang zu bringen. Davon profitieren nicht zuletzt deutsche und österreichische Banken.

 

Probleme in der Transportbranche

Noch größere Probleme haben die Transportfirmen. Tankstellenbesitzer, Fluglinien und Schiffsfähren fordern von den Frächtern nun Barzahlungen. Diese wissen aber nicht, woher sie die flüssigen Mittel für ihr Benzin, Maut- und Fährgebühren hernehmen sollen. Neben Fluglinien, die keine Lösung ihrer Tickets durch griechische Reisebüros zulassen, haben auch andere ausländische Firmen kein Vertrauen mehr in die Liquidität ihrer griechischen Partner. Reiseveranstalter, Internethändler und andere haben die Verrechnungszeiträume mit ihren Partnern stark verkürzt.

Die griechische Regierung hat im Juli noch Zahlungsverpflichtungen in Höhe von insgesamt 6,8 Milliarden Euro, inklusive Pensionen und Gehälter. Dieser Tage gelang dem Staat die Aufnahme einer Anleihe mit sechsmonatiger Laufzeit in Höhe von 1,25 Milliarden Euro. Doch von vielen Seiten werden Zweifel laut, ob die Auszahlung der Pensionen und Gehälter möglich sein wird. Aus dem Finanzministerium wurde postwendend dementiert. Die Auszahlung von Löhnen in Höhe von etwa 300 Millionen Euro zur Monatsmitte sei gesichert.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2015)