Der deutsche Illustrator Christoph Niemann hat nichts dagegen, wenn seine Zeichnungen fotografiert und im Netz geteilt werden. Gerade entwirft er nach „Petting Zoo“ eine neue interaktive App und zeigt seine Werke im Wiener MAK.
Ein Strich allein reicht Christoph Niemann nicht immer. Bei ihm wird eine Orange zum kugelrunden Bauch eines schlafenden Mannes, ein Salzstreuer zum Kopf eines anderen, ein schwarzer Kamm zum edlen Kühler eines Oldtimers, ein verwaschener Socken zum Dinosaurierkopf und eine Muschel zur Badehose eines Mannes, der gerade einen Sonnenschirm in den Sand steckt. „Sunday Sketches“ nennt er diese einfachen, gewitzten Zeichnungen, die er etwa auf der Fotoplattform Instagram veröffentlicht. Hie und da ziert eines dieser Sujets die Titelseite eines Magazins – so wie die Muschelbadehose die des „Zeit Magazins“. Sein Markenzeichen ist die Verbindung von Strichen mit Gegenständen wie Muscheln, Büroklammern und Erdäpfeln.
Christoph Niemann ist einer der gefragtesten Illustratoren der Gegenwart. Anders als man glauben könnte, hat er sich nicht zuerst in seiner Heimat Deutschland, sondern in den USA etabliert. Vielleicht half ihm, dass sein Name auf Deutsch und Englisch beinah gleich klingt. Mit dem Kunstabschluss zog der gebürtige Baden-Württemberger Mitte der 1990er-Jahre nach New York und bewarb sich mit seiner Zeichenmappe bei diversen Medien. „Das ging erstaunlich gut“, erinnert er sich. Die ersten zehn Jahre in den Staaten habe er fast ausschließlich für Magazine und Zeitungen gearbeitet: Titelseiten für den „New Yorker“, Illustrationen für die „New York Times“ und die „New York Times Book Review“, irgendwann dann auch für Auftraggeber aus der Heimat, wie das „Zeit Magazin“. Irgendwann suchte er nach neuen Herausforderungen – und fand sie vor allem in der digitalen Welt. Für die „New York Times“ illustriert er seit 2008 den Blog „Abstract City“ und entwirft Titelseiten für den „New Yorker“ mittlerweile häufig in einer zweiten, animierten Version für die Digitalausgabe. Da rinnen dann die Regentropfen auf der Scheibe abwärts oder hüpft ein Wasserball durch das sommerliche Titelbild.
2008 zog Niemann mit seiner Frau und den gemeinsamen drei Kindern zurück nach Deutschland, in die Hauptstadt Berlin. Es sei für einen Zeichner heute völlig egal, wo er arbeite, sagt er: „Es gibt nicht mehr so etwas wie eine Bildsprache aus Italien, England oder den USA.“ Einen Tag pro Woche hält er sich komplett frei für eigene Projekte. An diesen freigespielten Tagen kam ihm die Idee zu seinem jüngsten Werk, der animierten App „Petting Zoo“ (Streichelzoo). Kinder und verspielte Erwachsene können hier Elefanten, Giraffen und Fische mit Berühren oder Streicheln zum Leben erwecken. Niemann hat sich dafür selbst Javascript-Coding beigebracht, um eine erste Version zu entwickeln und danach einen Programmierer zu engagieren, der die Feinarbeit übernommen hat. Aktuell arbeitet Niemann an der nächsten App, bei der es aber stärker um das Erzählerische gehen soll.
Der digitalen Welt mit all ihren Vor- und Nachteilen steht Niemann sehr offen gegenüber. Dass bei der Eröffnung seiner Ausstellung „Unterm Strich“ im MAK viele Besucher seine Zeichnungen und Werke fotografierten, störte ihn nicht. Das ist sogar „ein Riesenkompliment“. Früher, meint er, habe man fast keinen Kontakt zu den Lesern gehabt, heute sei die Verbindung zu ihnen „extrem relevant“ geworden: „Das ist schön. Denn für sie mache ich ja all das.“ Die Verbreitung der eigenen Werke in den sozialen Netzwerken, aber auch auf der eigenen Website sei nicht nur eine wichtige Referenz für Kunden, sondern ebenso ein Multiplikator, übrigens auch für Museen und Medien. In einem Tortendiagramm zeichnete Niemann einmal seine Erfolgsformel auf: „87 Prozent Anstrengung, 7,5 Prozent Glück, 0,5 Prozent Begabung und Musenküsse“ stand da – und dazu kommen noch: „Fünf Prozent ,90 Minuten am Stück die Finger vom Internet lassen‘.“ Niemann gibt zu, dass er sich schwertut, nicht andauernd ins Internet zu gehen: „Gerade, wenn man sich dem Knackpunkt nähert, ist die Versuchung groß, sich ablenken zu lassen“, sagt er: „Was vor 40 Jahren die Zigarette für einen Designer war, ist heute dieses Kurz-mal-ins-Internet-Gehen.“
„Provokation ist nicht mein Stil“
Niemann hat auch Auftraggeber aus dem Internet: Er hat bereits für den Suchmaschinenriesen Google gearbeitet, betont aber, dass er „nicht alles unkritisch sieht, was Google macht, so wie ich nicht alles unkritisch sehe, was andere Verlage machen“. Der Anschlag auf die Pariser Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ habe seinen Berufsalltag im Grunde nicht verändert: „In erster Linie, weil ich an einem Dialog interessiert bin und Provokation nicht mein Stil ist.“ Das Grauenhafte an dem Anschlag sei aber: „Es ist eine unglaubliche Errungenschaft, dass wir uns nicht mehr physisch die Köpfe einschlagen müssen, sondern mit Bild und Sprache. Diese Freiheit im Abstrakten wurde uns genommen.“
Nun sind im MAK nicht nur Niemanns Magazin-Cover zu sehen, sondern auch viele seiner Sketch-Serien, etwa jene über die Unannehmlichkeiten eines Langstreckenflugs und jene mit Blättern, denen er skurrilste Formen und Namen gibt, das Blatt des „Wireless Gingko“ zum Beispiel sieht aus wie ein WLAN-Symbol. Niemanns Zeichnungen, auch die politischen, sind vor allem eines: Unerwartet und unerwartet komisch.
„Unterm Strich“, MAK, bis 11. Oktober
Zur Person
Christoph Niemann, * 1970 in Deutschland, zog nach dem Studium an der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste nach New York. Dort zeichnete er für Medien wie „The New Yorker“, „New York Times“, „Wired“ und das „Zeit Magazin“. 2008 kehrte der dreifache Vater mit seiner Familie zurück nach Deutschland. Er entwickelte zuletzt die Kinder-App „Petting Zoo“ und illustrierte gesammelte Sprüche von Erich Kästner im Band „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ (Atrium Verlag).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2015)