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Eigene Schulklassen für Flüchtlinge in Wien

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ArchivbildClemens Fabry / Die Presse

Der Stadtschulrat reagiert auf die steigende Zahl der Asylwerber. Flüchtlingskinder sollen ab Herbst in eigenen Klassen für ein Jahr Deutsch lernen.

Wien. Das Innenministerium weiß schon zur Hälfte des Jahres nicht, wo es Asylsuchende unterbringen soll. Nun macht sich der Flüchtlingsstrom auch im Wiener Schulsystem bemerkbar. Ab Herbst soll es in der Bundeshauptstadt eigene Schulklassen für Flüchtlingskinder geben, die kein Deutsch sprechen. Das kündigte Ulrike Doppler-Ebner, zuständig für Sprachförderung im Wiener Stadtschulrat, im Gespräch mit der „Presse“ an.

Grund dafür ist die steigende Zahl an schulpflichtigen Kindern. Viele der Flüchtlinge sind Männer, die in den nächsten Monaten ihre Familien nachholen werden. Zwar gebe es laut Doppler-Ebner noch keine Prognosen, wie viele Schüler erwartet werden – auch nicht, wann sie kommen –, dennoch sollen die ersten Klassen bereits im Herbst starten.

Die Klassen werden fünf Tage die Woche Unterricht haben, mit einer eigenen Stundentafel. Darin enthalten: viel Deutschunterricht, aber auch zusätzliches Programm von der Freizeitgestaltung bis zur Traumabewältigung. „Wir reden derzeit mit den Magistraten und Organisationen, wer was bieten kann“, erklärt Doppler-Ebner. Um die Interaktion mit regulären Klassen zu fördern, soll es gemeinsamen Projekte und Unterrichtsstunden geben, etwa in Turnen.

Das System ist nicht ganz neu. Schon jetzt werden Kinder (für maximal zwei Jahre) zu außerordentlichen Schülern erklärt, wenn sie der Unterrichtssprache Deutsch nicht folgen können. Sie werden nicht benotet und bekommen dafür Sprachförderung im Ausmaß von zehn bis elf Wochenstunden. Sind an einer Schule dafür nicht genügend Kinder, gab es bisher (nur an der Neuen Mittelschule) „Neu in Wien“-Sprachförderungskurse, die die Schüler (an einem anderen Standort) für zwei Tage die Woche anstatt des regulären Unterrichts besuchten. Durch den starken Flüchtlingsstrom werde das „Neu in Wien“-Kurssystem zu einem Klassensystem ausgeweitet, so Doppler-Ebner. Sowohl an Neuen Mittelschulen als auch an Volksschulen. Schüler, die in Wien im Kindergarten waren und Sprachdefizite haben, sind davon nicht betroffen. Sie sollen weiterhin Sprachförderunterricht bekommen.

Wechsel nach einem Jahr

Laut Plan wird ein Schüler die „Neu in Wien“-Klassen maximal ein Jahr besuchen (bei Bedarf auch kürzer), dann wird er in eine reguläre Klasse wechseln. „Es hat keinen Sinn, wenn ein Kind im Unterricht etwas über Eichhörnchen lernen soll, aber kein Deutsch versteht“, sagt Doppler-Ebner. Sie möchte das System aber „so flexibel wie möglich“ halten. Denn die erwarteten Schüler haben völlig unterschiedliche Bildungsniveaus. „Wir haben schon jetzt Schüler aus Syrien, die sind fließend in Englisch und hoch ausgebildet in Mathematik, während andere nicht schreiben können.“ Für sie soll es Alphabetisierungs- oder Umalphabetisierungskurse geben.

Wie viele Klassen es an welchen Schulen geben wird, wie viel sie kosten werden – auch wie viele Lehrer es brauchen wird, steht laut Doppler-Ebner noch nicht fest und wird erst im Lauf des Sommers entschieden. Im Büro von Flüchtlingskoordinator und Fonds-Soziales-Wien-Chef Peter Hacker hebt man derzeit aus, wie viele der Asylwerber Kinder haben, die sich noch im Ausland befinden und die sie – einmal anerkannt – nach Wien holen können. An den Gymnasien wird es laut Werner Bajlicz, zuständig für Sprachförderung in den AHS im Stadtschulrat, keine eigenen Klassen geben. Wohl auch, weil es noch nicht so viele sind. Wer als Flüchtling ein Gymnasium besuchen will, muss sich selbst darum kümmern. „Wenn man sich an den Stadtschulrat wendet, dann wird einem auf jeden Fall geholfen“, sagt Bajlicz.

Diskussionen um eigene Klassen (für Kinder, die nach dem Kindergarten nicht genügend Deutsch sprechen) werden seit Jahren in der Regierung unter dem Titel „Ghettoklassen“ geführt, wobei die ÖVP die Schüler in eigenen Deutschklassen auf den Unterricht vorbereiten will, die SPÖ nicht. „Wie man es macht, ist es verkehrt“, sagt Doppler-Ebner dazu. „Machen wir ein eigenes Konzept, passt es nicht, wenn wir keines machen, haben wir versagt. Mir geht es um die bestmögliche Förderung von Jugendlichen.“ Auch zur Zeit des Jugoslawien-Krieges habe es eigene Flüchtlingsklassen gegeben.

Verwirrspiel um „Klasse“

Wie heikel das Thema ist, zeigte die prompte Reaktion auf das Erscheinen des „Presse“-Artikels am Freitagabend. Eine Sprecherin von Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl betonte, dass es sich um ein „Kurssystem“ handle und nicht um eine „Klasse“. Auch wenn die Kinder, wie sie der „Presse“ nochmals bestätigte, in eigenen Klassenzimmer unterrichtet werden sollen. Der Grund? Man könne das Wort „Klasse“ missverstehen, da die „Kurse“ auch unter dem Jahr gestartet und beendet werden können. Betont wird auch, dass die Kinder alters- und schulübergreifend unterrichtet werden. Und bei Bedarf auch an drei Tagen die Woche. Den Rest der Zeit können sie mit anderen Kindern Unterricht (wie Turnen) haben.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 11. Juli 2015)