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Die Araber als Putins neue Chinesen

Russia´s President Vladimir Putin looks on at a news conference after the Shanghai Cooperation Organization (SCO) summit in Ufa, Russia
(c) REUTERS (SERGEI KARPUKHIN)
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Die Araber stecken plötzlich Milliarden in Russland. Europa ganz ersetzen können auch sie nicht.

Wien. Was Kremlchef Wladimir Putin dem saudischen Prinzen Mohammed bin Salman im Juni in St. Petersburg gesagt hat, wird man wohl noch lange nicht erfahren. Aber es muss eindrucksvoll gewesen sein. Bisher nämlich waren die Scheichs zurückhaltend gewesen, wenn es darum ging, in ein Land zu investieren, mit dem man nie befreundet war und das Konkurrent auf dem Weltölmarkt ist. Putin hat das Eis gebrochen. Und Saudiarabien – so wurde diese Woche bekannt – hat zugesagt, zehn Mrd. Dollar (9,07 Mrd. Euro) in russische Investitionsprojekte zu stecken.

Damit hatte man nicht gerechnet. In einer Zeit, in der russlanderfahrene Firmen eher auf Standby stehen, plötzlich Beistand von den Scheichs, während man sich aufgrund der Sanktionen ohnehin nach China wendet?

 

Europäer werden zu Statisten...

Geld stinkt momentan in Russland noch weniger als sonst. Der sanktionsbedingt beschränkte Zugang zum westlichen Kapitalmarkt und die Rezession machen jeden willkommen, der Geld im Gepäck oder – wie die Saudis – in ihrem Staatsfonds PIF hat. Aus den Reserven dieses Fonds werden die Milliarden in Partnerschaft mit dem Russischen Fond für Direktinvestitionen (RDIF) binnen drei bis fünf Jahren in russische Projekte fließen. Infrastruktur und Landwirtschaft, aber auch Handelsketten und Immobilien stehen im Fokus.

Das Timing könnte besser nicht sein, denn soeben wurde auch die Entwicklungsbank der BRICS-Staaten gegründet. So kann Putin gleich doppelt demonstrieren, dass man nicht unbedingt auf den Westen angewiesen ist.

Dabei war noch bis vor knapp einem Jahr außer Frage gestanden, dass ohne europäisches Know-how in Russland nichts läuft. Mit den Sanktionen aber hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Zumindest Staatskonzerne müssen nun bei Auftragsvergaben nicht westliche Staaten bevorzugen. „Das spürt auch Österreich“, sagt Dietmar Fellner, Handelsdelegierter in Moskau. Im Vorjahr gingen die österreichischen Exporte nach Russland um acht Prozent zurück, in den ersten vier Monaten 2015 um 40 Prozent. „Ich komme gerade von einer großen Industriemesse“, erzählt Fellner: „Ich hatte dort das Gefühl, dass die Europäer nur mehr Statisten sind.“

Das kann den Russen ganz so recht nicht sein. Dass nämlich in den letzten beiden Quartalen 2014 zum ersten Mal seit Jahren mehr Investitionsgelder ab- als zugeflossen sind, hat auch mit der Zurückhaltung der Europäer zu tun. Die westlichen Investoren wollen nicht nur wegen der Politik und der Sanktionen nicht in Russland investieren, sie verstünden auch nicht, was die jetzige Wirtschaftspolitik solle, meinte Andrej Tschulak, Topmanager der Deutschen Bank, in der Zeitung „Wedomosti“. Dabei seien die russischen Vermögenswerte schon sehr billig.

 

...aber investieren antizyklisch

Auch Grundstücke und Bauarbeiten sind wegen des Rubel-Verfalls günstig. Mit ein Grund dafür, dass doch der eine oder andere aus Europa antizyklisch in Russland investiert, wie etwa der österreichische Maschinenhersteller Emco, der soeben ein Joint Venture zur Produktion in Russland gegründet hat und von der russischen Strategie der Importsubstitution profitieren will.

Aber auch hier haben Saudiarabien oder China im Moment einen Vorteil: Im Unterschied zu den Europäern nämlich haben sie die staatliche Finanzierung ihrer Projekte gleich mit im Gepäck.

Und dennoch hat die Hinwendung zu China oder Saudiarabien ihre Grenzen. Denn man ist in Russland zunehmend unzufrieden mit chinesischen Angeboten. „Deutsche Firmen bestätigen uns, dass die Russen vor allem mit chinesischem Service und chinesischer Leistung unzufrieden sind“, erklärt Jens Böhlmann, Sprecher der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer (AHK) in Moskau: „Die Russen hätten wieder gern, was sie vorher von Europa bekamen.“ Oder, wie es Andrej Kostin, Chef der zweitgrößten russischen Bank, kürzlich im Interview mit der „Presse“ formulierte: „Asien wird Europa nicht ersetzen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2015)