Zahllose Sorten und Arten, mehrere Gattungen – die Familie der Malven ist kompliziert und undurchschaubar, ihre Angehörigen sind kapriziös und eigenwillig. Und alle sind sie wunderschön, wenn nicht Käfer und Pilze an ihnen nagen.
Bei Malven kann man nie sicher sein. Werden sie im nächsten Jahr auch wiederkommen? Oder säen sie sich lieber aus? Und wenn ja, wo? Die Vertreterinnen dieser vielgestaltigen Familie sind einerseits ausgesprochen genügsam. Sie kommen mit widriger Trockenheit zurecht und mit sengender Hitze, mit steinigem Boden, sie brauchen offenbar keinen Dünger, weil sie dort bestens zu gedeihen scheinen, wo man sich am wenigsten um sie kümmert. Andererseits sind sie bis ans Störrische eigenwillig. Möglicherweise mag sie manch einer deshalb besonders gern und ist nachsichtig mit den Schönen.
Manche Arten, zum Beispiel die wilden dunkellila blühenden Malven, wachsen mehrere Meter hoch aus Pflasterritzen, und kein Mensch weiß, woher sie gekommen und warum sie ausgerechnet hier gelandet sind. Andere tauchen in der fetten Erde im Schatten neben dem Komposthaufen auf, quasi als revitalisierte Kinder der im Vorjahr begrabenen Altvorderen. Wieder andere blühen unvermutet quasi über Nacht an unmöglichen Stellen in feinem Malvenrosa auf, beispielsweise mitten auf dem Feuerplatz, und müssen, wenn ein gutherziger Depp für ihr Auskommen verantwortlich zeichnet, von diesem ausgegraben und an sichere Stelle versetzt werden.
Eigentlich wachsen hier so gut wie alle dem hiesigen Klima gewachsenen unterschiedlichen Malvenarten in rotzfrecher Vitalität bis hin zur Lästigkeit, und das in allen Größen und Varianten. Nur diejenigen, denen ich besondere Zuneigung entgegenbringe, weil sie so unglaublich schön sind, und die ich, nach langer Überlegung, wo sie wohl am günstigsten stehen wollten, immer wieder aufs Neue gepflanzt habe, gedeihen so gut wie nicht unter meinen liebevollen Händen: die Stockrosen, auch Bauernrosen, Stockmalven und Alcea rosea genannt.
Jahr für Jahr grüßt die Malve. Seit einem guten Dutzend Jahren widme ich mich ihnen mit spezieller Hingabe. Sie treiben im Frühling mächtig und Gutes verheißend aus, um sogleich vom Malvenrost befallen und übertüpfelt zu werden, dahinzusiechen, schließlich fast blattlos traurig noch ein paar schlappe Blüten zu treiben und dann in einer Art Heustarre bis zu ihrem endgültigen Untergang im Herbst zu verharren. Im Folgejahr passiert exakt das Gleiche.
Wo auch immer ich gesunden, in büschelig-seidiger Blüte stehenden Stockrosen begegne, in Lachrosa, Pink, in Weiß, Schwarzlila und Knallrot, gefüllt und ungefüllt, jedenfalls aber stets wunderbar anzuschauen, bleibe ich stehen, und es wird andächtig in mir. Ich begegne kraftstrotzenden Stockrosen in ungepflegten Vorgärten genauso wie auf wilden Gstettn und natürlich auch in adrett herausgeputzten Gärtchen und Anlagen. Überall, nur nicht hier.
Der Malvenrost, ein Pilz, ist nicht auszurotten, er hat seine Sporen in den Boden versenkt und überwintert dort. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen wie Blättervernichten und so weiter. Zumindest die wilderen Malven, die Lavateras, Samtpappeln, der Eibisch, die Bechermalven, blieben bis dato verschont und gediehen gut. Doch heuer kam mit dem Malvenflohkäfer ein millimeterkleines lästiges Insekt in Invasionsstärke über sie und nagte die meisten zum Gerippe. Ich gebe trotzdem nicht auf. Ohne Malven kein Bauerngarten. Mal schauen, wo sie nächstes Jahr aufgehen werden.
Lexikon
Malven. Die Genealogie dieser Familie ist unübersichtlich und je nach Literatur auch widersprüchlich, die Rede ist von 15 bis 30 Arten.
Malvenrost. Ein lästiger Pilz, der in Blättern, Stängeln und im Boden überwintert, sich zuerst in orangefarbenen Pünktchen zeigt und später die Blätter vertrocknen lässt.
Malvenflohkäfer. Sowohl Larven als auch der erwachsene metallisch-schwarz glänzende, millimeterkleine Käfer fressen an der Malve. Die Blätter sind mit winzigen Löchern durchsetzt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2015)