Wie Schäuble die Griechen ausgetrickst hat

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APA/EPA/OLIVIER HOSLET

17 Stunden dauerte der längste Gipfel in der Geschichte der EU. Am Ende der langen Nacht musste sich der Alexis Tsipras den geschickten Schachzügen der Deutschen geschlagen geben.

Brüssel. Wer in den vergangenen Tagen und Wochen europäischen Würdenträgern zuhörte, musste schön langsam den Eindruck gewinnen, dass die Dauerkrise rund um die Tragfähigkeit der griechischen Schulden einem absurden Fußballspiel ähnelte. Normalerweise geht es bei einem Match bekanntlich darum, den Ball in seinen Besitz zu bringen und nicht herzugeben, bis er im gegnerischen Tor gelandet ist. In der griechisch-europäischen Partie verlief es lange Zeit umgekehrt: Anstatt selbst vorzupreschen, überboten sich die Kontrahenten darin, der Gegenseite zu erklären, dass sich der Ball nun in ihrer Hälfte des Spielfelds befinde.

Doch am Sonntag war es wieder ganz anders. Würde man das Sondertreffen der Staats- und Regierungschefs der Eurozone (>>>Liveticker-Nachlese) – mit 17 Stunden war es der längste Gipfel in der Geschichte der EU – mit einer konkreten Partie vergleichen, käme dafür nur ein Spiel infrage: das WM-Semifinale 2014, bei dem Deutschland die Brasilianer mit 7:1 vom Feld fegte – nur dass dieses Mal Griechenland in die Rolle Brasiliens schlüpfte. Mit einer fast schon eiskalten Präzision verwandelte das deutsche Stürmerduo Angela Merkel und Wolfgang Schäuble jede Chance in ein Tor.

Schäubles geschickte Finte

Der Gipfel begann mit einer geschickten Finte: In der vierseitigen Arbeitsunterlage, die die Finanzminister der Eurozone (sie tagten im Vorfeld des Treffens) an ihre Chefs schickten, war im letzten Absatz überraschend von einer befristeten Auszeit vom Euro die Rede, sollten sich Griechenland und seine Geldgeber nicht auf ein Hilfsprogramm einigen. Diese Idee hatte der deutsche Finanzminister, Schäuble, am Samstag lanciert und dafür heftige Kritik von Griechenland und seinen italienischen und französischen Verteidigern geerntet. „Es gibt keinen Grexit auf Zeit“, empörte sich der französische Staatspräsident François Hollande bei seiner Ankunft in Brüssel – und setzte gemeinsam mit dem griechischen Premier, Alexis Tsipras, zum Gegenangriff an. Mit Erfolg: Kurz nach Mitternacht war klar, dass der letzte Absatz gestrichen werden würde – nur mussten Tsipras und Hollande dafür Zeit, Energie und politisches Kapital einsetzen.

Derweil zeichnete sich immer deutlicher ab, dass der Urlaub vom Euro nur ein Nebenschauplatz war. Unterstützt von sieben Mitgliedstaaten – den Balten, der Slowakei, Finnland, Slowenien, den Niederlanden – drängte Deutschland auf eine weitgehende Entpolitisierung der griechischen Volkswirtschaft. Als der Referee, Ratspräsident Donald Tusk, die erste von insgesamt vier Auszeiten ausrief und Merkel, Hollande und Tsipras zu einer Gruppentherapie im kleinen Kreis lud, war klar, dass Tsipras die Gefahr erkannt hatte – nur war es da bereits zu spät. Mit jedem Privatissimum musste der Grieche weiter zurückweichen und die Versprechen gegenüber seinen Wählern brechen: Aufgegeben wurde der Widerstand gegen die Vorgabe, mit den Geldgebern nicht akkordierte Gesetze rückgängig zu machen; auch von seinem Wunsch nach einem Schuldenschnitt musste Tsipras sich bald verabschieden. Schlussendlich fiel auch der Vorbehalt gegen die verpflichtende Beteiligung des IWF am neuen Hilfsprogramm.

Zugeständnis in der letzten Viererrunde

Um sechs Uhr früh war nach mehreren Verhandlungsrunden nur noch ein Hindernis nicht ausgeräumt: der (ebenfalls von Schäuble stammende) Vorschlag einer im Ausland angesiedelten Treuhandanstalt, die griechisches Vermögen im Wert von 50 Mrd. Euro verwalten und zwecks Schuldenabbau verkaufen sollte. Die Griechen legten im Lauf der Nacht Kalkulationen vor, wonach sich das gesamte verkäufliche Staatsvermögen auf maximal 17 Mrd. Euro belaufe und die Forderung nach 50 Mrd. unsinnig sei. Doch Merkel beharrte darauf – mit gutem Grund: Denn hinter diesem hohen Betrag verbarg sich die Absicht, die griechischen Banken, die mit geschätzt 25 Mrd. Euro saniert werden müssen, nach ihrer Rettung in den Privatisierungsfonds zu überführen. Womit Griechenland die Kontrolle über sein Bankensystem de facto verloren hätte. Das einzige Zugeständnis, das Tsipras in der letzten Viererrunde diesbezüglich herausschlagen konnte: Der Fonds werde nicht wie ursprünglich vorgesehen im Ausland, sondern in Griechenland seinen Sitz haben.

Mehr als 80 Mrd. Euro Finanzierungsbedarf

Während der griechische Premier gute Miene zum bösen Spiel machte und am Morgen danach den Reportern verkündete, dass die Gefahr eines ungewollten Ausscheidens seines Landes aus der Eurozone nun gebannt sei, wurde eine vergleichsweise frisch aussehende Merkel danach gefragt, welche Zugeständnisse Griechenland denn überhaupt errungen habe. Ihre Antwort: Die griechische Handschrift sei in der Form des "hohen Finanzierungsbedarfs" von insgesamt mehr als 80 Mrd. Euro erkennbar. Sollte diese Antwort ironisch gemeint gewesen sein, dann versteckte die Kanzlerin ihren Witz mindestens so gut wie ihre zweifellos vorhandenen Augenringe unter dem Make-up.

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