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Mexiko: Wie Drogenboss „El Chapo“ die Flucht gelang

Joaquín Guzmán, genannt „El Chapo“ („Der Kurze“).(c) APA/EPA/MARIO GUZMAN (MARIO GUZMAN)
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Der Boss des Sinaloa-Drogenkartells ließ einen Tunnel graben, der direkt unter der Duschtasse seiner Gefängnis-Nasszelle endete.

Buenos Aires/Mexico City. Der Tunnel ist solide konstruiert und ausgestattet mit einem Ventilationssystem und elektrischem Licht. Ein Schienensystem erleichterte die Erdabfuhr, die erledigt wurde mithilfe eines umgebauten Motorrades. Der Gang beginnt unter einer hölzernen Falltür in einem unscheinbaren Haus in dem Dorf Almoloya de Juárez, etwa 80 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Und er endet im sichersten Gefängnis des Landes. Genau gesagt: Dieser Tunnel endete unter der Dusche des Häftlings Joaquín Guzmán.

„El Chapo“ betrat am Samstagabend seine Nasszelle – und verschwand aus dem Schwenkbereich der Überwachungskameras. Weil er nicht mehr auftauchte, suchte das Wachpersonal das Bad ab – und fand unter der Duschtasse den Ausstieg aus dem Altiplano, dem einzigen Gefängnis des Landes, das bisher keinen einzigen Ausbruch verzeichnet hatte.

Wieder ist „El Chapo“ die Nummer eins. Der 58-Jährige, dessen Beinamen „Der Kurze“ bedeutet, gilt trotz seiner 165 Zentimeter als der größte aller mexikanischen Bosse. Als der Boss des Sinaloa-Kartells im Februar des Vorjahres im Badeort Mazatlán festgenommen wurde, hatte Präsident Enrique Peña Nieto seinem Volk versprochen, es stehe in der Verantwortung seiner Regierung, dass „sich eine Flucht von ,El Chapo‘ nicht wiederholen darf“. Schon 1991 hatte „Der Kurze“ die Behörden narren und, versteckt in der Schmutzwäsche, aus einem anderen Hochsicherheitsgefängnis fliehen können. 13 Jahre lang konnte er unentdeckt bleiben. In Culiacán, der Hauptstadt des Bundesstaates Sinaloa, wechselte er ständig seinen Wohnsitz zwischen insgesamt zwölf Häusern, die alle direkten Zugang zur Kanalisation hatten. Zeitweise wich er auch ins Ausland aus.

Der Mann, der im Wüstenweiler La Tuna aufwuchs und dort gerade einmal drei Jahre lang die Volksschule besuchte, tauchte mehrfach in der Milliardärsliste des US-Magazins „Forbes“ auf. 288 Firmen stehen im Verdacht, die Gelder des Sinaloa-Clans zu waschen, Immobilienfirmen, Restaurants, Hotels und sogar ein Kindergarten. Das Kartell ist ein multinationaler Konzern mit Filialen in fast allen Ländern Lateinamerikas und Spaniens. Und einer der Hauptlieferanten für den größten Drogenmarkt der Erde, gleich nördlich der Grenze.

Mehrfach hatten die USA die Auslieferung von „El Chapo“ verlangt, die US-Behörden haben eine Serie von Ermittlungsverfahren eröffnet. Peter Bensinger, Exchef der Antidrogenbehörde DEA, sagte, „Guzmán wäre in einem US-Gefängnis besser aufgehoben gewesen“. Für Mexikos Präsidenten, den die Nachricht auf dem Flug nach Paris erreichte, ist der Ausbruch ein Glaubwürdigkeits-GAU. Er schickte seinen Kabinettschef sofort retour, wollte den Staatsbesuch aber nicht absagen. Die Botschaft sollte wohl ausdrücken: „Wir lassen uns von Verbrechern nicht die Außenpolitik diktieren.“ Mexikos Problem ist, dass genau das seit Jahren passiert. (a.f.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2015)