Anthropologie: Ganz alte Meister

(c) Ian Cartwright
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Die ersten Kunstwerke – Schmuckstücke – entstanden vor 110.000 Jahren in Nordafrika.

Wann und wo wurde der Mensch wirklich Mensch? Aufgerichtet hat er sich in Afrika vor sechs Millionen Jahren, auch weiterentwickelt hat er sich dort: Vor etwa 130.000 Jahren war Homo sapiens da, der sich selbst auch „moderner“ Mensch nennt. Aber er sah nur so aus wie wir, der Körper war fertig. Der Geist hingegen hatte kaum begonnen, dieser Mensch hatte keine höhere Kultur, keine Symbolsysteme: Sprache, Kunst, Kulte. All das, dessen war sich die Anthropologie lange sicher, kam später und anderswo: Die ersten Kunstwerke, Höhlenmalereien und Figurinen, entstanden vor 35.000 Jahren in Europa, auch die anderen Symbolsysteme entstanden dort, auf einen Schlag. Man nannte ihn die „menschliche Revolution“, manche vermuteten eine Genmutation dahinter, andere eine Antwort auf böses Klima, es wurde kalt, die Eiszeit nahte.

Eurozentrismus erodiert

Wie auch immer, der Nabel der Welt war bei uns, das wärmte die eurozentristischen Herzen bis in die 90er-Jahre. Dann kamen Zweifel am Modell der Revolution, dann kamen Hinweise auf ältere Kunst in Afrika. 2002 fand Christopher Henshilwood (Bergen) in einer Höhle in Südafrika Ockerstücke mit geometrischen Kerben, er datierte sie auf ein Alter von 77.000 Jahren und interpretierte sie als Kunstwerke. Letzteres stieß auf Widerspruch, er wurde leiser, als Henshilwood auch „beads“ ausgrub, Schmuckperlen, die aus Häusern von Meeresschnecken gearbeitet waren. Später fand man anderswo ähnliche „beads“ – in Israel und Algerien, über 100.000 Jahre alt sollen sie sein –, aber die Datierung war unsicher.

Dann kam die nächste Fundstätte, in der marokkanischen Grotte des Pigeons gab es auch „beads“ – aus den gleichen Schneckenhäusern wie in Südafrika und im Nahen Osten –, sie wurden vor 82.000 Jahren gefertigt. Offenbar hatte das Tradition, Richard Barton (Oxford) hat nun in dieser Höhle „beads“ entdeckt, die mindestens 110.000 Jahre alt sind. Sie sind unzweifelhaft Schmuckstücke, man sammelte sie am über 40 Kilometer entfernten Meer, bohrte Löcher hinein, zog Fäden durch und hängte sie um. Darauf deuten Abschabespuren, darauf deutet auch Rötel, möglicherweise kam er von gefärbter Kleidung oder Haut auf den Schmuck: „Der Fund zeigt, dass die Herstellung von ,beads‘ in verschiedenen Kulturen entwickelt wurde“, erklärt Barton: „Und er bestätigt, dass es Menschen mit modernem symbolischem Verhalten sehr früh an beiden Enden des Kontinents gegeben hat.“ (Quaterny Science Reviews, in press)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2009)

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