Arbeiten in Wien: Kompetenzcheck für Flüchtlinge kommt

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Rund 16.000 Asylberechtigte sind als arbeitssuchend beim AMS vorgemerkt. Zwei Drittel davon in Wien. Das AMS Wien will die Qualifikationen von Flüchtlingen in einem Projekt besser abklären − Praxistest inklusive.

Wien. Ingenieure, die als Taxifahrer arbeiten, Universitätsprofessoren, die als Gartengestalter ihr Brot verdienen oder Sprachwissenschaftler mit zweifachem Diplom, die als Putzfrauen arbeiten. Solche Beispiele werden immer gern angeführt, wenn es um missglückte Integration geht. Während Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) auf der einen Seite mit der Rot-Weiß-Rot-Karte nach Fachkräften sucht, wird das vorhandene Potenzial im eigenen Land oft nicht genutzt. 16.000 Asylberechtigte waren mit Ende Mai als arbeitssuchend beim AMS vorgemerkt. Zwei Drittel davon in Wien. Der Großteil von ihnen komme aus Syrien und Afghanistan, sagt AMS-Sprecher Sebastian Paulick zur „Presse“.

Einmal des Deutschen mächtig, werden sie Arbeit suchen. Vor allem bei den Syrern sei das Ausbildungsniveau teilweise hoch, so Paulick. Rund 20 Prozent hätten eine akademische oder zumindest eine höhere schulische Ausbildung, bei den Afghanen sei das Niveau allerdings niedriger.

Um Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren, startet das AMS Wien mit Ende August erstmals ein Pilotprojekt zur besseren Vermittlung von Flüchtlingen: den Kompetenzcheck. In einem fünfwöchigen Kurs mit je zehn Wochenstunden in der Gruppe und einem Einzelcoaching soll abgeklärt werden, was die Flüchtlinge an beruflichen Qualifikationen mitbringen. Praxistest inklusive. „Wenn einer sagt, er ist Uhrmacher, dann lässt man ihn das zeigen“, erklärt Paulick.

Hintergrund dafür sind die Schwierigkeit, die Ausbildungsniveaus zu vergleichen, aber auch Sprachbarrieren und fehlende Zeugnisse – weil diese etwa bei der Flucht nicht mitgenommen werden konnten. Der Kompetenzcheck soll daher in den Muttersprachen der Flüchtlinge, also Farsi, Arabisch, Russisch und Französisch abgehalten werden.

Bei den bisherigen Erhebungen der Arbeitssuchenden seien laut AMS Wien Produktionsberufe (Gewerbe/Industrie) an der Spitze gestanden, gefolgt von Dienstleistungsberufen und Handel. Rund 3000 Flüchtlinge seien seit Jänner bereits in Jobs vermittelt worden. Es könnten aber mehr sein, heißt es aus dem AMS, weil nicht jeder eine Rückmeldung mache.

 

Auch Wien plant Beratung

Der Wille, Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren, ist kein selbstloser: Ein Flüchtling hat genauso wie ein Österreicher Anspruch auf Mindestsicherung. Er kostet also, wenn er sich selbst nicht erhalten kann.

Weil Wien besonders betroffen ist, arbeitet auch die Stadt daran, Flüchtlinge besser zu integrieren. Ab September soll es eigene Beratungsstellen für Flüchtlinge und subsidiär Schutzberechtigte in Wien geben, heißt es aus dem Büro des neuen Wiener Flüchtlingskoordinator Peter Hacker. Sie sollen in den Bereichen „Beschäftigung und Arbeit“, „Wohnen“ und „Jugendliche und junge Erwachsene“ Informationen ausgeben. Auch Asylwerber werden sich dort beraten lassen können. Weiters in Planung: Ein Projekt, bei dem Asylwerber ehrenamtlich arbeiten können.

Um Flüchtlinge zu integrieren, schlägt die Wifo-Migrationsexpertin Gudrun Biffl vor, auch weniger in westlichen Kategorien zu denken. „Man muss fragen, was die Leute können, und nicht, was für Zeugnisse sie haben“, sagt sie. Berufsausbildungen sei etwas sehr europäisches. Diese Menschen kämen aber aus Ländern, in denen handwerkliche Fähigkeiten in der Familie weitergegeben werden. Auch rät Biffl, die Menschen schnell zu beschäftigen: Sie schlägt vor, bereits bei Asylwerbern die Qualifikationen abzufragen und die Personen in gemeinnützigen Projekten arbeiten zu lassen. Denn: „Wenn die Menschen zehn Jahre in einem Lager waren, dann können sie danach nichts mehr.“

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2015)