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Wild wuchern die Wörter in meinem Kopf

„Du sollst Vater und Mutter verunehren, wenn sie dir nicht jeden Abend und jeden Morgen statt des Abend- und Morgengebets zeigen, dass du ein Mensch bist wie sie.“ Aus einem Triptychon.

Priester, Schriftsteller, Transvestit, Chor.


Chor (Priester sagt Zahlen):
1. Du sollst mit der Sprache ringen, wenn sie dich zum Kampf aufruft, aber sie nicht töten, sonst stehst du ohne Waffen da und kannst dich nicht mehr besiegen.
2. Du sollst an deiner Sprache arbeiten, bis du umfällst und wieder umfällst, dann wieder aufstehen, um umzufallen.
3. Du sollst die Sprache geschmeidig wie eine Raubkatze machen, sie dressieren und züchtigen, damit sie die Kraft bekommt, böse zu sein.
4. Du sollst an einem Feuerring aus Buchstaben arbeiten, die Larve eines Panthers aufsetzen und durchhechten.
5. Du sollst die Sprache der Taubstummen, die Blindensprache lernen.
6. Du sollst lernen zu schweigen, dich zu sammeln, spuck nicht Asche und Lava, sondern den ganzen erumpierenden Vulkan aus.7. Du sollst Reden an die Menschheit halten.8. Du sollst keinen Dank erhoffen.
9. Du sollst einen Mord begehen, aber dein Opfer am Leben lassen. Wenn sich deine Hand gegen dich selbst richtet, sollst du das Hackbeil nehmen, am Herzen vorbeizielen und deine Selbstmörderhand abschlagen.
10. Du sollst auf die Erde schauen, denn in diese Erde wirst du kehren, denke daran, dass die Erde einmal deinen Mund bedecken wird, zugeschraubt wird diese Erde auf deinen Lidern sein wie der Deckel des Sarges.

Schriftsteller: ... Vater ... Vater ... Vater ... Vater ...
Priester: Du hast eine beschneite Dornenkrone in deiner Brust und hockst, die Hände vor dem Gesicht, die Beine angezogen, auf einem Eisberg.
Transvestit: ... meine Worte werden sich in die Tiefe des Sandes bohren, bis sie im Erdinnern von einer heißen Glut verbrannt werden, ich werde schreien, dass ich einen Menschen liebe, ich werde schreien, und meine Liebe wird die Erde durchbohren, schnelle flüchtige Pfeile werden sich in die Erde bohren und auf der anderen Seite des Erdballs auf den Lippen einesNegerkindes wiederkehren: Ich liebe dich, heißen diese Worte, die mich ein Leben lang gequält haben und nun vor einem einsamen Tod in Schutz nehmen sollen.
Priester: Ein Kruzifix ist in meinem Leib aufgewachsen. Wenn ich die Hände ost- und westwärts strecke, erstarre ich und lass die Raben links und die Totenvögel rechts auf meinen Armen sitzen.
Schriftsteller: Ich schreibe und lasse die beiden Freunde aufleben, Karl und Hans, ich sehe nicht ein, dass sie tot sind, genauso wenig, wie ich mir vorstelle, dass ich einmal tot sein werde. Nein, nein, ich will nicht sterben. Ich möchte nicht leben, aber schon gar nicht sterben. Wenn ich immer wieder auf den Tod der beiden zurückkomme, wehre ich mich gegen meinen eigenen Tod. Es muss mir doch gelingen, dass die beiden vor mir auferstehen, hier in meinem Zimmer. Stelle ich, wenn ich über die beiden schreibe, einen Kontakt zum Tod meiner Kinderseele her?
Priester: Warum zeigst du mir deine Zunge? Bin ich der Kasperl deines Todes? Was hast du aus mir gemacht? Eine Spinnerin, einen Sätzeweber? Ich bin der schwarze Mittelpunkt eines Spinnennetzes, das Netz bist du.
Transvestit: Du hast mir das Sprechen in deiner Anwesenheit verboten, und ich habe das Blöken gelernt, ich ahmte die Tiere nach, um die Sprache der Menschen begreifen zu lernen.
Priester: Du hast mir die Sprache weggenommen, halt's Maul, und ich habe zu reden aufgehört. Mit derselben Gewalt hast du sie in mir wiedererzwungen, red oder scheiß Buchstaben, und ich habe zu stottern begonnen.
Schriftsteller: Im Traum thront der Kugelkopf meiner elektrischen Schreibmaschine statt meines Kopfes auf dem Hals. – Als ich den Satz, Du sollst nicht töten, hörte, war die Heuschrecke auf meinem Handrücken wunderschön. Heute ist sie schön, morgen ist sie grausam, denn ich sehe sie heute mit Wohlgefühl, morgen wird mir etwas wehtun, was nur der Tod heilen kann. Die Heuschrecke tritt als Priester auf und sagt:
Priester: Du sollst nicht töten.
Schriftsteller: Ich habe im richtigen Augenblick den Ministrantenmantel ausgezogen, ich habe im selben Augenblick meine Hände entfaltet: Ich habe die Plastikgitterstäbe meines religiösen Gefängnisses auseinandergeschoben wie einen Vorhang. Die Augen tun einem weh, wenn man in der Sonne aufwacht. Wenn ich merke, dass ein Kind aus Scheu vor mir nicht wagt, einen Käfer umzubringen, gehe ich hin und flüstere dem Kind ins Ohr:
Transvestit: Bring ihn um.
Priester: Wie kann ein Mensch wie ich, der nicht frei von Falschheit ist, jemals die Wahrheit finden?
Transvestit: Ich lüge nach wie vor.
Priester: Aber ich weiß nicht, ob ich gegen oder für die Wahrheit lüge.
Chor: Ich bekenne mich zu meiner Hilflosigkeit, bevor man mir sagt, das ich hilflos bin.
Priester: Du hast durch die Sprache und ich habe durch die Sprachlosigkeit überlebt. Du warst als Kind so sprachbesessen, dass du die Tiere schlugst, weil sie die menschliche Sprache nicht verstanden. Die Menschen haben mich enttäuscht, sagtest du. Du hast die Sprache den Menschen vorgezogen. Die Sprache war über Jahre dein einziger Dialogpartner. Sie hat dir mehr geholfen als die Menschen.
Schriftsteller: Mama! Mama! Mama! – Mutter, du hast mich geliebt, bevor ich gezeugt worden bin. Und in dir bin ich gestorben, mein Vater, ehe mich meine Mutter auf die Welt gebracht hat.

Mutter, warum muss ich dich und meinen Vater immer wieder ansprechen? Warum kann ich nicht erzählen wie jeder andere, beschreiben, wie jeder andere beschreibt? Als wollte ich einen Brief in Romanform schreiben, aber es sind keine Briefe, die ich schreibe, keine Romane, keine Erzählungen, Gedichte oder Sprechstücke, es ist die Sprache, die während meiner Kindheit abgewürgt wurde, mit derselben Kraft, der Liebe und des Hasses. Alles, was ich beschreibe, wird neu. Manchmal lache ich, manchmal weine ich, manchmal gehe ich, entrüs-
tet über den Vater, oder über mich selber,
von der Maschine weg, schlage eine Tür zu, öffne sie wieder und setze mich hin und sage, was gesagt werden muss.

Vater, du hast meiner Mutter ein Kind geschenkt und mir das Leben, dass ich nicht lache. Wenn du tot bist,werde ich an den Sarg herangehen, deine Prothese aus dem Oberkiefer nehmen und, die Zacken nach oben, auf dein Haupt stellen, dich krönen, Vater, das Zepter deiner Mistgabel in die rechte Hand, dir den Rosenkranz entreißen, raus mit dem Kruzifix, den Gekreuzigten runterlösen und das Embryo, das ich war, kreuzigen, und rauf damit und auf deine Brust gelegt, mein Vater,die wenig behaart ist. Zwei Ferkel an deiner Brust, so sollst du unter der Erntekrone auf einem Thron hocken, die Füße übereinandergeschlagen, dein Blick traumverloren.

Ich bin dir, mein Vater, für alles, was du mir angetan hast, dankbar, und sei auch du mir dankbar für das, was ich dir angetan habe. Ich danke dir für jeden Schlag, den du mir versetzt hast. Für jedes grobe Wort sei dir gedankt, mein Vater, denn ich habe dich in deiner Person und in mir überwunden, wenn ich dich auch nach wie vor in anderen Autoritäten bekämpfe, so kann und muss ich sagen: Das Militär muss bekämpft werden, die jedes menschliche Individuum zunichtemachende Bürokratie muss bekämpft werden. Ich bin nur einer von denen, die sich an deiner Autorität, mein Vater, den Schnabel gewetzt haben. Wie ein Schatten stehst du noch immer hinter mir. Vor meinem Absterben werde ich auf dem Totenbett mit dem Schwarzen Engel meiner Kindheit ringen. Ich freue mich auf die Schwierigkeiten und auf die Entsetzlichkeiten meines zukünftigen Lebens, auf die Schönheiten meines zukünftigen Lebens.

Ich setze meinen lebenslangen Kampf mit dem Vater fort, wenn ich vom Militär oder von der Bürokratie rede, immer ist er miteinbezogen.
Priester: Mit ausgebreiteten Händen wartete ich, bis mir das Kruzifix auf den Rücken wüchse. Immer noch blickte der Gekreuzigte auf meinen feuchten Schoß. Er hatte alles gesehen. Blutgierige, violette Engel standen um mich, während ich mein steifes Kindergeschlecht in den Händen hielt.


Transvestit: Ich ziehe den Vorhang vors bleiche Fenster und taste mich zitternd an meine Schreibmaschine heran; wir ergänzen einander: Sie ist elektrisch, und ich bin aus Fleisch und Blut.
Schriftsteller: Ich blicke auf die Tastatur meiner ersten mechanischen Schreibmaschine, die mir der Vater, als ich in die Handelsschule ging, gekauft hatte. Er wusste nicht, dass diese mechanische Schreibmaschine mein erstes Werkzeug sein sollte, das mir half, wie ein Mineur einen Stollen zu erarbeiten, einen Berg zu durchbrechen, um an der anderen Seite ein neues Licht zu erblicken, das mich anfangs blenden und meine Hände automatisch an die Stirn und vor die Augen werfen würde, die Schreibmaschine wies den Weg in die Freiheit, sie konstruierte den Abschied von den Eltern, Anschlag für Anschlag, Zeile für Zeile, Seite für Seite, Buch für Buch. Ich wünschte, das Papier könnte sich aufbäumen, wenn ich etwas Falsches sage.
Chor: Niemals sagte mein Vater, dass er michliebt, niemals sagte meine Mutter, dass sie mich liebt, niemals konnte ich sagen, Vater, ich hasse dich, Vater, ich liebe dich, Mutter, ich liebe dich. Sie bekamen es zu spüren, wie ich alles zu spüren bekommen habe.
Transvestit: Als einmal meiner schweigsamen Mutter eine meiner frechen Reden auf die Nerven ging, schlug sie ihren Handrücken auf meine Lippen. Augenblicklich schwollen meine Lippen an, und ich wandte mich von der sprachlosen Mutter ab.
Chor: Niemand konnte meine Sprache ertragen.
Priester: Ich begann zu schweigen,
Chor: und meine Schweigsamkeit wurde nochunerträglicher, als es meine Reden waren,
Transvestit: dann begann ich wieder zu reden,Chor: und dann wurden meine Reden noch unerträglicher, als es mein Schweigen war.
Priester+Schriftsteller: Jetzt ist dasselbe freche Maul, das mir während der Kindheit gestopft wurde, wieder aufgebrochen,
Schriftsteller+Transvestit: und jetzt bin ich noch frecher als früher.
Chor: An meinem Schreibtisch habe ich dich jahrelang angebrüllt, bis sich meine Stimmbänder wie Geigensaiten spannten und zerrissen.


Transvestit:
1. Du sollst stehlen, wenn du kein Geld, aberHunger hast.
2. Du sollst den Namen Gottes verunehren, wenn du acht Jahre lang seine hölzernen Füße geküsst hast.
3. Du sollst unter Jesus' Füßen sitzen, wenn die Sonne untergeht. Jesus möchte seine Füße an deinem Kopf aufstützen, er ist müde geworden vom langen Herumhängen am Kreuz.
4. Du sollst Vater und Mutter verunehren, wenn sie dir nicht jeden Abend und jeden Morgen statt des Abend- und Morgengebets zeigen, dass du ein Mensch bist wie sie.
5. Du sollst Unzucht treiben, wenn dir ein Junge lieber als ein Mädchen ist.
6. Du sollst den Jungen lieben wie dich selbst.7. Du sollst töten, wenigstens ein Tier töten, wenn dich dein Vater schlägt.
8. Du sollst die Zehennägel mit roter Tinte bestreichen, besonders den einen, der kaputt ist!
9. Du sollst die Fingernägel mit schwarzer und die Lippen mit blauer Tinte bestreichen.
10. Du sollst einen weißen und einen schwarzen Nylonstrumpf anziehen, der schwarze ist der Teufelsfuß.

Schriftsteller: Einem, der die Sprache mehr liebt als die Menschen, steht außer der Hölle nichts mehr im Wege.
Priester: Dem die Haut auf einem Foltertisch in Streifen geschnitten worden ist.
Schriftsteller: Es ist eine in alle Himmelsrichtungen verlaufende Verzweiflung an der Sprache, die mich vierteilt.
Priester: Erbarme dich unser!
Schriftsteller: Es ist besser, in einem Gefängnis zu landen, als sich irgendwo zu Hause zu fühlen, denn wenn ich mich wohl fühle, habe ich keine Lust zu schreiben.
Priester: Du vor Angst blutschwitzender Jesu.Schriftsteller: Wie ich als Kind mit der Sprachlosigkeit gerungen habe, ringe ich heute mit der Sprache.
Priester: Dem auf einem blutbespritzten Holzblock die rechte Hand abgehauen worden ist.
Schriftsteller: Ich muss mich durch die Sprache neu erschaffen.
Priester: Erbarme dich unser!
Schriftsteller: Wenn ich nicht schreiben kann, hocke ich bei meinen Totenmasken in der dunklen Zimmerecke und will mich töten, hasse alles und jeden, hasse sogar den Menschen, den ich liebe, hoffe, dass er sich umbringt, und habe gleichzeitig Angst um ihn, sage, dass ich ihn nicht lieben kann, denn ich habe die Sprache verloren und hasse alles und jeden und am meisten mich selber. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2009)