Netter Arier gesucht

Kleine Prosa aus dem Geschlechtsleben: Heiratsanzeigen aus dem Wien der 1930er-Jahre erzählen von Sehnsucht, Begehren, aber auch von Not, Arbeitslosigkeit, politischen Umstürzen – und vom ganz alltäglichen Antisemitismus. Eine Recherche.

Gibt es noch einen Mann, Arier, der nicht nur Geld sucht?“ Die Heiratsannonce, die am 19.Jänner 1934 in der in der Wiener „Illustrierten Wochenpost“ veröffentlicht wurde, kommt schnell zur Sache. „Arier“ soll er sein, der gesuchte Mann, und Geld soll ihm nicht allzu wichtig sein. Weiters müsse er, so heißt es in der Anzeige weiter, „Charakter“ haben, ein „ungemein tiefes Gemüt“, „Aufrichtigkeit“ und eine „sehr häusliche, wirtschaftliche Frau“ schätzen. Die Dame kommt auch auf sich zu sprechen: „Bin 34 Jahre, blond, gesund, vollschlank, sehr sympathische Erscheinung, aus Geschäftshaus, mit liebem, herzensgutem Jungen. Habe komplette Einrichtung, Kleider, Wäsche, im Herbst auch Wohnung.“ Und noch ein letzter Satz zum Heiratskandidaten: „Der Mann kann auch Körperfehler haben.“ Zuschriften erbittet sie an die Administration der Zeitung unter „Nur so wie ich soll er sein“.

Auf diese Heiratsanzeige stieß ich vor einiger Zeit, als ich Zeitschriften der Zwischenkriegszeit durchblätterte. Unvermittelt blieb ich hängen. „Arier gesucht“? Ich begann die Rubrik „Unsere Heiratspost“ genauer zu lesen. Nach und nach blätterte ich zurück in die 1920er-Jahre und dann weiter in die 1930er-Jahre. In den nächsten Tagen und Wochen las ich Hunderte von Annoncen. Ich folgte in den oft schlichten, oft geradezu polternden, oft euphorischen und oft traurigen Kurzmeldungen den verschlungenen Wegen der Eheanbahnung. Ich tauchte ein in die Welt der einsamen Frauen und Männer.

Was faszinierte mich so an diesen Miniaturen? War es allein das Drama von der Begegnung der Geschlechter, das in diesen knappen Texten aufleuchtet? Gewiss, auch das. Aber zwischen den Zeilendieser Annoncen werden, wenn man sie aufmerksam liest, auchnoch andere, größereZusammenhänge sichtbar. In den Attributen, die den Geschlechtern zugeschrieben werden, spiegeln sich Hoffnungen und Ängste, dieweit über die Zweierbeziehung hinausgehen. Die Texte erzählen, verpackt in die Sprache emotionaler und erotischer Sehnsüchte, von den Folgen der großen Politik und der Wirtschaft, von den Langzeitfolgen des Ersten Weltkriegs („Der Mann kann auch Körperfehler haben“). Diese Anzeigen verweisen auch auf die Wunschbilder der Gemeinschaft, auf das Ich, das im imaginierten „Wir“ aufgeht: „Nur so wie ich soll er sein“: also „Arier“ und nicht etwa Jude.

Die Sprache der Anzeigen ist knapp (weil die einzelnen Buchstaben teuer sind) und schablonenhaft. Die Ausgangslage des Suchenden mag auch noch so deprimierend, die Wortwahl noch so beschränkt sein, immer tritt der Kern des Anliegens klar hervor: „Mädchen, intell., jedoch mit Körperfehler, sucht älteren Herrn zwecks Ehe, der etwas Sonne ins schattenhafte Dasein bringt“, heißt es etwa in einer Anzeige mit dem Motto „Einsam“ vom März 1934. In derselben Ausgabe inseriert ein „30jähr. hübsches Fräulein mit schöner Ausstattung und Ersparnissen“. Sie wünscht „ehrbare erste Bekanntschaft mit Bundesangestellten unter 40 Jahren.“ Und stellt dann konkrete Forderungen auf: „Kein Trinker, kein Spieler, geschieden zwecklos.“ Wenige Monate später, im Juli 1934, sucht ein Witwer mit zwei Kindern „zwecks baldiger Ehe nette Frau oder Haugehilfin bis 38 Jahre mit etwas Ersparnissen.“

„Die Rubrik ,Heiratspost‘“, heißt es im Kleingedruckten der „Illustrierten Wochenpost“, „dient nur der Anbahnung von Ehen. Aus dem Inseratentext muss entweder die Heiratsabsicht oder der Wunsch nach einer eindeutig nur ehrbaren Bekanntschaft hervorgehen.“ Dann werden die Kosten genannt: „Preis einer Anzeige bis zu 20 Worten: 3 Schilling, jedes weitere Wort oder jede weitere Zahl 10 Groschen. Die 10 Prozent Inseratensteuer und die Warenumsatzsteuer sind in den vorstehenden Preisen bereits inbegriffen. Alle Sendungen sind zu adressieren an ,Illustrierte Wochenpost, Wien IX, Pasteurgasse 2 (Strudlhof).‘“ Zwei bis drei Dutzend Annoncen erscheinen Woche für Woche in der „Illustrierten Wochenpost“, die unter den österreichischen Zeitungen der 1930er-Jahre eine eher durchschnittliche Stellung einnimmt. Sie ist in ihrer Grundausrichtung konservativ und regierungsnah, streng antisozialistisch, in ihrer Aufmachung und Berichterstattung populär bis populistisch. Als sie 1928 gegründet wird, scheint die junge Republik halbwegs konsolidiert, die Wirtschaft blüht. Die Annoncen der Jahre 1928 bis 1930 nehmen kaum auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Bezug. Das kleine private Glück scheint seinen Lauf unbeeinflusst von den Wendungen der großen Welt zu nehmen. Aber bald sollten sich die Zeiten ändern.

Anfang der 1930er-Jahre verschlechtert sich die Wirtschaftslage dramatisch, die Arbeitslosigkeit steigt von Monat zu Monat, 1933 erreicht sie den Höchststand der Zwischenkriegsjahre. 575.000 Menschen sind ohne Arbeit. Die aussichtslose ökonomische Lage schlägt sich auch in der Sprache der Heiratswilligen nieder. Im November 1934 sucht ein „mittel- und stellenloser“ Friseur, der sich als „strebsamen Charakter“ sieht, „auf diesem Wege ein schaffensfrohes Mädel ehrbarst kennenzulernen“. Man erwähnt nun einfachste materielle Errungenschaften als Vorzug: ein Rad, ein Telefon oder Schuldenfreiheit. Man sucht nicht allein Liebe, sondern einen „pensionsberechtigten Herrn“, ein „kleines Einkommen“, „Ersparnisse“, „Sicherstellung“ oder einen bestimmten Betrag an Mitgift. Im November 1936 findet sich etwa folgende Annonce: „Bin 31 Jahre, ledig, derzeit ohne Arbeit, suche Ehebekanntschaft mit Mädchen oder gesch. Frau, die mir Arbeit verschafft.“

Zur Wirtschaftskrise kommen politische Turbulenzen. Bei den Parlamentswahlen 1930 bleiben die Nationalsozialisten mit drei Prozent noch weit abgeschlagen, aber bei den folgenden Landtags- und Kommunalwahlen triumphieren sie. Wien, April 1932: 17,3 Prozent. Innsbruck, April 1933: 41,2 Prozent. Die politischen Grabenkämpfe werden aggressiver und gewalttätiger. Im März 1933 schaltet Kanzler Engelbert Dollfuß das Parlament aus, Monate später baut er das Land zur Diktatur um. Die Stürme der Politik schlagen sich auch in privaten Wünschen und Hoffnungen nieder. Anfang der 1930er-Jahre beginnen die Ehewerber – Christen wie Juden –, ihre religiöse Zugehörigkeit zu betonen. Im Juli 1931 etwa inseriert ein „Fabrikantensohn, Israelit, 29 Jahre alt“. Er sucht „wegen der Übernahme der elterlichen Fabrik, welche bestens eingeführt und sehr bekannt ist, ein liebes sympathisches Mädchen, nur aus gutem Hause, zwecks Heirat kennenzulernen. Zuschriften mit genauen Angaben, auch von Provinz, erbeten unter ,Wiener Fabrikant B.H.‘“ Im April 1934 annonciert eine junge Frau ebenfalls unter Angabe ihrer religiösen Herkunft: „Hübsche Erscheinung, ledig, Christin, 35 Jahre, sehr wirtschaftlich mit Ersparnissen und Wäscheausstattung, wünscht Ehebekanntschaft mit einem pensionsberechtigten Herrn.“ Ihr Motto für die Zuschriften: „Liebe und Vernunft“.

Nun taucht in den Annoncen immer häufiger das Attribut „Arier“ auf: „32jähr. hübsche Arierin sucht . . .“ heißt es jetzt oder: „Mädchen aus arischem Stand sucht . . .“ Oft wird das Wort „Arier“ auch umschrieben. In diesem Falle hat der gesuchte Partner „deutsch“ zu sein, „gesund“ und „blond“ („Suche deutsches Mädel“).

Im Juni 1933 wird in Österreich die NSDAP verboten. Aber der Antisemitismus verschwindet deshalb nicht, im Gegenteil. In den schriftlichen Wendungen der Heiratsanzeigen blüht er erst so richtig auf. Antisemitisch zu sein ist in den 1930er-Jahren kein parteipolitisches Attribut, die Haltung gehört weit über die Parteigrenzen hinaus zum Mainstream. Juden, die zuvor häufig in der „Illustrierten Wochenpost“ inseriert haben, ziehen sich nun allmählich zurück, wie die rückläufige Zahl ihrer Inserate zeigt. 1935/36 erscheinen die letzten Anzeigen, in denen sich die jüdischen Ehewerber öffentlich zu ihrer Herkunft bekennen. „Jude, 34 Jahre, mittelgroß, sucht Einheirat oder Ehebekanntschaft mit liebem gebildeten jüdischen Mädel aus guter Familie.“ Diese Annonce erscheint im April 1934. Wenige Monate später, im August desselben Jahres, sucht ein „Kaufmannssohn (Isr.), 33 Jahre, mittelgroß, die ehrb. ernste Bekanntschaft eines nur intell. Mädchens“. Seine jüdische Herkunft kürzt er ab und setzte sie in Klammern: „(Isr.)“. Als Motto für die Zuschriften gibt er an „Konfession egal“. In den Jahren danach erscheinen praktisch keine Heiratsanzeigen von Juden mehr.

1923 lebten 201.000 Juden in Wien (10,8 Prozent der Bevölkerung), 1934 waren es noch 176.000, 1938 war die Zahl auf 167.000 zurückgegangen. Der Hauptgrund war, so der Historiker Bruce Pauley, die extrem niedrige Geburtenrate innerhalb der jüdischen Bevölkerung. Mehr als die Hälfte der Familien hatte nur ein Kind. Auch die Zahl der Eheschließungen war stark rückläufig, sie sank von 2950 im Jahr 1920 auf 1244 im Jahr 1930. Juden heirateten nicht nur deutlich seltener, sondern auch später als Nichtjuden. Weit mehr Juden als Nichtjuden blieben unverheiratet. 1929 etwa wurden 28 Prozent aller von Juden eingegangenen Ehen mit Christen geschlossen. Es gab also in den Jahren um 1930 in Wien einen ausgeprägten interkonfessionellen Heiratsmarkt. Die Mehrzahl der jüdischen Partner konvertierte zum Christentum. Die Heiratsannoncen bilden aber keineswegs diesen soziologischen Tatbestand ab. In ihnen macht sich zunehmend deutlicher die Angst vor „Vermischung“ bemerkbar. Man will unter sich bleiben, nach dem Motto: „Arierin sucht Arier“.

„Juden unerwünscht“ schreibt vor 1938 noch keiner der Ehewerber, aber zwischen den Zeilen ist die Botschaft allgegenwärtig. Als am 12. März 1938 die Truppen Hitlers in Österreich einmarschieren, taucht der aggressive Antisemitismus keineswegs aus dem Nichts auf. Er ist schon längst da. Tage nach dem Anschluss macht sich die neue politische Lage auch in den Heiratsanzeigen bemerkbar. Kaum einer der Bewerber vergisst, sich als „Arier“ zu deklarieren: „Großer 25 jähr., rein arischer Arbeiter, in Beruf stehend“. Die Mitgift wird nun in Reichsmark angegeben. Und am 6.Mai 1938 schreibt die Redaktion unter der Rubrik „Heiratspost“: „Es können nur Heiratsinserate von Ariern veröffentlicht werden.“

In der Praxis ist diese Forderung schon seit Längerem umgesetzt. Juden inserieren schon lange nicht mehr in der „arischen“ Presse. Während ihre Verfolgung im Gange ist, kehrt in den Spalten der „Heiratspost“ Harmonie ein. Im September 1938 formuliert ein Wiener Herr seinen Herzenswunsch: „35jähr. Fixangestellter, Arier, naturliebend, ernster Charakter, 165 cm groß, ersehnt ehrbare Bekanntschaft eines netten, gesunden, bescheidenden Mädchens, wenn möglich Salzkammergutlerin, von liebevoller, treuer Wesensart, vollschlank, möglichst brünett, Alter bis 27 J., das gleich ihm innige Herzensgemeinschaft und Ehekameradschaft wünscht. Ausstattung erwünscht, jedoch nicht Bedingung. Ausführliche aufrichtige Zuschriften erbeten unter ,Gemeinsamer Lebensweg‘.“

Zu diesem Zeitpunkt hatten schon Zehntausende Wiener Juden ihre Wohnungen und Geschäfte verloren. Viele waren ins Ausland geflüchtet. Ans Heiraten dachten die Juden nicht. Wohl aber die „Arier“. Manch einer ging, mit billiger Mitgift aus geraubtem jüdischem Besitz versehen, auf Brautschau. Man war nun allmählich unter sich. Im Dezember 1938 bringt eine junge Wienerin ihr Eheanliegen in einem einzigen Satz auf den Punkt: „Lustiges Wiener Mädel, Arierin, sucht netten Arier, 25 bis 32 Jahre alt, zwecks Ehe.“ ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2009)