Mallorca: Im Paradies des Wesirs

(c) Helgard Below

Maurisches Erbe hat nicht nur das spanische Festland, sondern auch die größte Baleareninsel, Mallorca. Die islamischen Herrscher hinterließen kunstvoll bewässerte Terrassenfelder, Paradiesgärten und den Almudaina-Palast in Palma.

Granatäpfelsträucher, Orangenbäume und Zypressen säumen verschlungene Pfade. Kletterpflanzen überziehen Bäume mit roten, blauen und weißen Blüten. Ein Rotkehlchen flattert von Palmwedel zu Palmwedel und singt. Es klingt wie ein Regen aus hundert kleinen Glöckchen, der durch die Blattfächer rieselt. Im Schatten der Palmen tropft, rinnt, rauscht und plätschert es. Wasser fließt über moosige Kissen, kleine Kaskaden und durch schmale Rinnen. In runden Becken tanzen Fontänen. Auf Knopfdruck schießen feine Wasserstrahlen aus dem Grün und beregnen einen ganzen Laubengang.

„Toll!“ ruft eine Besucherin. „Nada toll“, grunzt Pedro, der junge Gärtner, und rettet sich aus der Schusslinie der Fotografen. Danach ist die Luft, die nach Magnolien und Zitronen duftet, merklich frischer. Die Besucher, die durch die schattigen Tunnel aus Efeu oder den rotblütigen Ranken der Bougainvillea wandeln, atmen tief durch und entspannen sich. Die Sinne saugen sich voll mit einem Überfluss an Blüten, Früchten und grünen Gewächsen.

Die blühenden Gärten von Alfabia sind eine Oase im kargen Inselinneren von Mallorca. Geist und Körper streifen die Hitze und den Staub der trockenen roten Felder ab wie Karawanen den Sand nach einem Ritt durch die Wüste. Und das kommt nicht von ungefähr. Die Lustgärten wurden auch von einem Wüstenvolk, den Arabern, angelegt. Wasser war ihnen heilig, die kunstvoll bewässerten, vor grünem Leben überquellenden Gärten galten als Sinnbild des Paradieses.

Das muslimische Erbe Andalusiens ist bekannt – Paläste und Moscheen von Granada, Sevilla und Córdoba. Mallorcas islamische Prägung ist weniger geläufig. 711 begann die Herrschaft der Emire in Südspanien, die technischen Fortschritt und religiöse Toleranz mit sich brachte. Um die Jahrtausendwende waren die islamischen Gelehrten weltweit führend in Wissenschaft und Architektur, Künsten und Ackerbau. Auf den Balearen jedoch hatten nach dem Ende der römischen Herrschaft im Jahr 455 die Vandalen die Macht übernommen.

Erst 902 wurden dem Emir von Córdoba, Abd-Allah, die ständigen Seeräubereien der Mallorquiner zu bunt, die Insel wurde dem Kalifat von Córdoba einverleibt. In über 300 Jahren Besatzung fanden Wissenschaft, Handwerk und Kultur Eingang in Seeräuber- und Bauernköpfe. Die Spuren dieser Blütezeit prägen noch heute die Landschaft. Das Örtchen Banyalbufar liegt hoch über der felsigen Westküste. Der Name ist arabischer Herkunft und bedeutet „kleiner Weingarten am Meer“.

Christen dreschen Mauren

Sandfarbene Würfelhäuser schachteln sich über- und hintereinander, darunter breiten sich Terrassengärten aus. Meterhohe Natursteinmauern halten die kostbare Erde auf den Feldern und grenzen Plantagen mit Orangenbäumen und Gemüsefelder voneinander ab. Nach einer Reblausplage im 19. Jahrhundert wurden die Weinreben ersetzt.

Auch die Terrassenkultur dieser Region ist ein Erbe der Mauren. Sie führten Orangen-, Zitronen-, Aprikosen- und Mandelbäume ein und leiteten das Wasser aus den Bergen der Tramuntana in komplizierten Kanalnetzen bis auf die Felder. 1229 eroberte der spanische König Jaume I. die Insel – die maurische Vergangenheit beschäftigt Mallorca aber bis heute. In den Küstenorten Pollença und Sóller wird jedes Jahr das Fest „Moros i Cristians“ gefeiert. Pluderhosen- und Turbanträger dreschen auf Bauern und Piraten ein, Schlachtenrufe hallen durch enge Gassen. Nach Stunden siegen stets die Christen.

Dass die Araber trotz ihres kulturellen Erbes jahrhundertelang gefürchtet wurden, lag an den Piratenzügen nach dem Ende ihrer Herrschaft auf Mallorca. Sie raubten Geld und Güter und verschleppten Frauen und Männer, die sie in Nordafrika als Sklaven verkauften. Die Kämpfe fanden auch Eingang in die Rondallas, balearische Märchen, die bis heute erzählt werden. Sogar die Ursprache und aktuelle Amtssprache Mallorcas wurde vom Arabischen beeinflusst. Neben der Kathedrale von Palma schaut der zinnenbewehrte Almudaina-Palast hinaus aufs Meer. Hier residierte der Wesir von Mallorca, heute manchmal der spanische Medina von Palma. Ein Bogen über die Carrer s’Almudaina, zu maurischen Zeiten ein Tor in der Stadtmauer, öffnet den Weg in ein Häuserlabyrinth. Enge, dunkle, verwinkelte Gassen sind dazu angelegt, Angreifer zu verwirren. Tür an Tür reihen sich Läden aneinander mit: Schmuck, Lederwaren, Mode.

In einer ruhigen Seitenstraße führt ein schmaler Rundbogen in die Banys Arabs, die einzigen erhaltenen arabischen Bäder Mallorcas. Lichtstrahlen dringen durch die Löcher in der kleinen, von tausend Jahre alten Säulen gestützten Kuppel. Es ist nicht schwer, sich Dampfschwaden vorzustellen und Männer, die im Dämmerlicht palavern und schwitzen. Und danach in den Gärten flanieren.

Aber zum Träumen bleibt keine Zeit. „Basta!“, ruft der Pförtner und winkt zum Ausgang. Dann schließt er die kleine Holztür und überlässt die Gärten und Bäder wieder der Stille und den Vögeln.