Burgschauspielerinnen: "Ein Kind zwingt einen ins Leben zurück!"

Bibana Zeller, Sabine Haupt, Sachiko Hara
Bibana Zeller, Sabine Haupt, Sachiko Hara(c) Clemens Fabry
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Drei Burgschauspielerinnen im Gespräch. Bibiana Zeller, Sabine Haupt und Sachiko Hara über Kids und Kunst, Heimat, Tränen und die Leidenschaft für Tschechow. Zum Theater lockt oft weniger das Spiel als die Weltflucht.

Sachiko Hara, Sie haben bei Christoph Schlingensief, Nicolas Stemann, René Pollesch gespielt. Nun gehen Sie nach Hannover. Tut es Ihnen leid, Wien zu verlassen?

Sachiko Hara: Ich habe viel geweint und ich muss noch viel weinen, weil natürlich ist es super traurig, dass ich von Wien weg muss. Aber ich habe auch viel neue Hoffnung und großes Interesse an Hannover. Also werde ich nicht nur weinen, sondern auch viel lachen.

Wie fühlt man sich als Japanerin am Burgtheater? Sie haben viele Jahre in Tokio Theater gespielt, dann in Deutschland . . .

Hara: Ich liebe einfach das Theater. Etwas anderes wäre für mich nicht infrage gekommen. Dabei war es ein Zufall. Ich sah ein Theaterplakat in Tokio und wollte mitmachen. Dann habe ich 16 Jahre in Japan an Avantgarde-Bühnen gearbeitet. Ich habe keine klassische Ausbildung. Der Anfang in Europa war schwierig, aber trotzdem super lustig. Speziell am Burgtheater waren alle sehr nett zu mir. Ich habe einen achtjährigen Sohn und bin Alleinerzieherin. Wenn ich gespielt habe, haben die Garderobiere oder Maskenbildnerin auf ihn aufgepasst. Anfangs kannte ich ja niemanden in Wien.

Kinder am Burgtheater waren früher wenig erwünscht. Speziell viele Frauen wollten der Kunst sozusagen ihr Leben weihen.

Bibiana Zeller: Da hat sich in den letzten zehn Jahren ungeheuer viel getan. Und vorher gab es eine unglaublich harte Blockade, wo man gedacht hat, das weicht sich nie auf. Ich habe zwei Kinder, die natürlich längst erwachsen sind. Aber als ich ans Burgtheater kam, rief ein Kollegin: ,Um Gottes willen, schon wieder eine, die Kinder hat!' Es war auch sehr schwer. Wenn die Kinder klein sind, du bist am Abend nicht da, wenn sie mittags nach Hause kommen, hast du bis 16 Uhr Probe und um 18 Uhr musst du wieder im Theater sein.

Sabine Haupt: Ich finde, man muss unbedingt Kinder haben! Der Beruf hat direkt damit zu tun, außerdem wird man geerdet. Ein Kind stellt einen immer wieder auf die Füße, zwingt einen ins Leben zurück. Am Burgtheater ist es auch leichter. Meine Tochter ist jetzt 17. Ich habe früher in Bielefeld gespielt. Da gab es sieben Premieren pro Spielzeit, und ich habe nonstop große Rollen gehabt. Das war wirklich ganz eng. Aber ich möchte es nicht missen. Ich hatte auch nie das Gefühl, es nicht zu schaffen. Man kriegt so viel zurück.

Sie bleiben in Wien, Frau Haupt. Vermissen Sie Deutschland, Frankfurt, ihre Heimat?

Haupt: Das ist ein Thema für mich, obwohl ich zehn Jahre in Wien bin. Meine Heimat ist Norddeutschland. Ich liebe Wien, ich bin gerne da und glücklich hier arbeiten zu können. Meine Tochter ist ganz verwurzelt hier. Aber ich finde schon, in der Mentalität liegen Welten zwischen Deutschland und Österreich, die unüberbrückbar sind. Das muss man einfach gelten lassen.

Frau Zeller, warum haben Sie sich Joane Didions Buch „Das Jahr magischen Denkens“ für eine Lesung ausgesucht? Das Stück war mit Vanessa Redgrave in Salzburg zu sehen.

Zeller: Ich hatte voriges Jahr einen irrsinnig runden Geburtstag (80). Kollegen haben mir dieses Buch geschenkt. Ich habe es gelesen. Ich war erschüttert. Ich habe sofort gesagt: Das mache ich. Diese Geschichte geht tief ins Herz hinein. Sie betrifft einfach jeden.

In dem Buch geht es um den Tod geliebter Menschen. Wie kann man das ertragen?

Zeller: Auch in meinem Leben gab es große Verluste. Marianne Hoppe und Judith Holzmeister sind gestorben. Das waren so unbeschreibliche Freundinnen von mir und so wahnsinnig tolle Menschen. Ich bin aber jetzt zunehmend augenblicksbezogen. Die Gegenwart ist das Wichtigste. Was früher war oder später sein wird, das beschäftigt mich überhaupt nicht. Ich könnte mit Ihnen nicht über die Zukunft sprechen.

Was war für Sie das auslösende Ereignis, sich für das Theater zu entscheiden?

Zeller: Es hat nichts mit Schauspielerei zu tun, sondern damit: Was mache ich mit meinem Leben? Unter Umständen überlegt sich das schon ein fünfjähriges Kind. Ich dachte, das Leben an sich, das halte ich, glaube ich, nicht aus. Es waren damals sehr harte Zeiten vor dem Krieg. Unglaubliche Dinge haben sich ereignet hier in Wien. Das hat mich sehr geprägt und beeinflusst, etwas zu wählen, wo ich eine leise Ausrede für das reale Leben habe.

Haupt: Die Liebe zur Literatur hat eine große Rolle gespielt. Ich bin schon in meiner Schulzeit viel ins Theater gegangen. Mit 15 hat mich eine Tante zum „Sommernachtstraum“ bei den Kreuzgangspielen Feuchtwangen in Bayern mitgenommen. Da war ich völlig von den Socken. Trotzdem wusste ich bis zum Abitur nicht, was ich machen will. Dann habe ich Tschechows „Drei Schwestern“ in der Regie von Peter Stein gesehen. Das fand ich irre. Das war das Initiationserlebnis.

Würden Sie gerne Tschechow spielen?

Haupt (ruft laut): Ja, ich will Tschechow spielen! Ich liebe Tschechow über alles und habe ihn noch nie gespielt. Das tut mir weh. Am liebsten würde ich „Drei Schwestern“ spielen. Die Mascha, wenn ich es mir aussuchen dürfte.

Verdrängen moderne Stücke die Klassiker?

Zeller: Meiner Meinung nach muss unbedingt beides am Burgtheater Platz haben. Es gibt schon Epochen, die zu kurz kommen, viele Romantiker z. B. Das Schreiben der Menschen zu fördern, das, finde ich, hat Klaus Bachler, toll gemacht. Diese Abende, wo sich Autoren präsentieren können, das ist dann eben das heute Gedachte. Es schreiben jetzt so viele Menschen ganz tolle Gedichte, Autoren aus dem ehemaligen Ostblock etwa. Man könnte aber jetzt auch wieder „Die Weber“ von Gerhart Hauptmann spielen, das wäre in der Wirtschaftskrise passend.

Spüren Schauspieler, wie die Zuschauer drauf sind, verschlafen oder fasziniert?

Zeller: So wirklich viel wissen wir nicht voneinander. Manchmal sind sie stiller, oder es wird viel gehustet. Ich kann mich an eine Handke-Vorstellung erinnern. Da sind wir gesessen, Jörg Ratjen und ich. Wir haben immer so Zeichen mit der Hand gemacht. An dem Abend dachten wir: Oje, das war gar nichts. Dann ist der Vorhang gefallen, es wurde hell – und die Leute haben gerast. Wir sind richtig zusammengezuckt.

Was lockt die Menschen ins Theater?

Haupt: Das Bestechende ist die Unmittelbarkeit. Das lebendige Einander-Begegnen im Moment. Jede Vorstellung ist anders, auch dieselbe Vorstellung ist immer anders. Es ist ein Energieaustausch zwischen Publikum und Bühne. Wenn das Theater gut ist, lassen sich die Menschen in jeder Stimmung verführen. Das spürt man auch sofort.

Zeller: Das Theater ist ein Ort, wo man sich wohlfühlt. Man geht hin, sagt sich, den Schmarren lasse ich zu Hause. Ich setze mich hin und beschäftige mich mal mit dem, was da oben passiert.

Hara: Ich glaube, der Winter spielt eine Rolle. Er ist in Tokio nicht so lange wie hier, dann kommen die Kirschblüten. Die Menschen in Europa sagen: Was machen wir an den langen Abenden? Gehen wir ins Theater! Darum haben sich hier so viele Bühnen entwickelt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2009)

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