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Pop

Pferdeträume, Allerheiligen und Ostern mit Patti Smith

PATTI SMITH AND HER BAND PERFORM HORSES live beim Tollwood Festival M�nchen 13 07 2015
PATTI SMITH(c) imago/Stefan M Prager (imago stock&people)
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Die 68-jährige Sängerin präsentierte in Wien ihr Album „Horses“ – und sich selbst als donnernde Schamanin und clevere Enthemmungskünstlerin.

Hagere Silhouette, sprödes Silberhaar, fahrige Bewegungen – vom Mischpult aus war kaum ein Unterschied zwischen dem Gitarristen Lenny Kaye und Patti Smith auszumachen. Doch dann stiegen die berühmten Worte „Jesus died for somebody's sins but not mine“ aus leise murmelnden Sounds auf, die sich erst unmerklich, dann rasant in ein Furioso steigerten. Es war der erste Song des vor 40 Jahren veröffentlichten amerikanischen Klassikers „Horses“, den die bald 69-jährige, aus Chicago gebürtige Ex-Fabriksarbeiterin, Poetin und Sängerin Patti Smith an diesem Abend werkgetreu zu geben gewillt war. „Gloria“ hieß der Song, den sie einst von Van Morrison gekapert und zum eigenen Credo erhöht hat: „My sins my own, they belong to me, me.“ Dazu läuteten die Glocken: „ding dong ding dong.“ Schon hier war klar, Smith beherrscht diese delikate Steigerung vom raunenden Dichterton zum punkigen Urschrei immer noch. Im Sound-Furioso wurde sie ganz ruhig. Wilde Metaphern sprudelten aus ihren zerebralen Magmakammern. „Die eigene Hand schreibt mit dem Arm von Rimbaud“, sagte sie einmal über ihren Arbeitsprozess. Zur Abkühlung, und weil es zum guten Ton der gealterten Generation Prêt-à-révolter gehört, spuckte sie undamenhaft.

 

Naiv: „People Have The Power“

Die 3000 Fans auf diesem „fucking place“, wie Smith die von ihr geliebte Arena titulierte, waren in Emphase. Das Verhältnis zwischen Wien und ihr ist ja seit ihrem ersten hiesigen Konzert im März 1978 die reinste Romanze. Smiths Synkretismus aus Elementen der Beatnik-Literatur, des Hippie-Idealismus und der Wut des Punk traf im Weltzentrum der Sozialpartnerschaft auf fruchtbaren Boden. Konzerthaus, Burgtheater, Staatsoper, überall durfte sie schon wüten, aber der alternative Charme der Arena behagt ihr ganz besonders. Smith ist eine Aufwieglerin, die konsequent an der Enthemmung ihres Publikums arbeitet: „This one is for you, I trust you“, sagte sie, bevor sie im zweiten Teil des Abends das schmerzend naive „People Have The Power“ anstimmte. Da gefielen „Break It Up“, diese glühende Hommage an Jim Morrison, oder das auf karibischen Rhythmen schaukelnde „Redondo Beach“ schon viel besser. Oder „Birdland“, das Gedanken von Wilhelm Reich ins Smith'sche Lyrik-Treibhaus pflanzte. Ihre Kunst lebte immer schon auch von (idealerweise) toten Referenzfiguren. Im Intro zum melancholischen „Elegie“ beschwor sie allerheiligenmäßig die Geister vieler, die ihr Leben berührten: von allen Ramones über Jazz-Bilderstürmer Ornette Coleman bis zu Schauspielerin Maria Schneider. Gefährliche Energien entluden sich in „Land“, mit dem sie wieder einmal an Moritz Schlick erinnerte. Für ein wenig Schmunzeln sorgte „Free Money“, in dem sie altruistische Lottogewinner-Szenarien entwarf: „Oh baby, it would mean so much to me to buy you all the things you need for free.“ Ihre Losung: Austern statt Austerität!

Das Velvet-Underground-Medley (ohne Smith) war ein bisserl schlicht, das Cover von „My Generation“ akzeptabel. Pure Magie waren indes „Ain't It Strange“ und das österliche „Ghost Dance“. Schlicht, weil Smiths Stimme heute mehr Charisma hat als damals. „We shall live again, we shall live“, das hallte lange nach.

Nächster Termin: 4.August, Alter Schlachthof Wels

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2015)