Lebendig wie der Rathausplatz, nachdenklich wie das Hrdlicka-Denkmal. Und jung wie der Tel Aviv Beach. Das ist Wien für Dan Ashbel, Israels Botschafter in Österreich.
Dan Ashbel spaziert an ein paar jungen Menschen vorbei, die in kurzen Hosen auf den weißen Plastikstühlen sitzen, die bloßen Füße in den Sand stecken, die Nasen in die Mittagssonne halten. Im Hintergrund die (aufgemalte) Skyline von Tel Aviv. „Und ich“, sagt Israels Botschafter in Österreich, „stehe hie im Anzug. Was kann ich tun?“
Nun ja. Vorerst fällt Ashbel im Anzug auf. Heute, Sonntag, wird er vermutlich nicht der einzige Anzugträger sein, wenn der Tel Aviv Beach am Donaukanal, ein paar Tage nach dem leisen Beginn, offiziell eröffnet wird. Ein Geschenk Israels an Wien, um den 100. Geburtstag der Partystadt in Österreich zu feiern – und ein wenig zu bewerben. „Neugier wecken“, sagt Ashbel, bei all jenen, die, „obwohl es täglich Flüge von Wien nach Tel Aviv gibt“, die Stadt bisher nicht besuchen wollten.
„Ein lebendiger Ort“. Seit 2005 ist Ashbel als israelischer Botschafter in Wien, die Stadt kennt er schon viel länger. Ein erster Eindruck 1981 als Tourist, in den späten Achtzigern war er hier drei Jahre lang Botschaftsrat. „Ich habe Wien zu zwei sehr verschiedenen Zeiten erlebt. Einmal, als der Eiserne Vorhang schon verrostet war, aber noch existiert hat.“ Und eben jetzt, 20 Jahre später. „Den Unterschied“, hat er vorhin im Café Landtmann erzählt, „kann man sehr schnell fühlen.“ Etwa daran, dass heute jeder Englisch spricht, was vor 20 Jahren keine Selbstverständlichkeit war. „Die Stadt“, sagt Ashbel, „ist heute wohlhabender und internationaler.“ Ein Ort, der genau das für ihn beweist, liegt gegenüber dem Landtmann: Der Rathausplatz „ist für mich ein Beispiel für das offene Wien. Ein lebendiger Ort, an dem zu jeder Jahreszeit etwas anderes stattfindet, vom Christkindlmarkt bis zum Life Ball.“
Die wichtigsten Plätze Wiens sind für Ashbel aber nicht nur Orte wie der Rathausplatz, „die auf der leichten Seite sind“, wie er sagt. Sondern eben auch „schwierige Orte“. Wie das „Mahnmal gegen Krieg und Faschismus“ von Alfred Hrdlicka auf dem Albertinaplatz. Die Streitereien um das Denkmal, das derzeit saniert wird und daher verhüllt ist, hat Ashbel in den Achtzigern als Botschaftsrat miterlebt. Am wichtigsten ist ihm das Denkmal vom straßenwaschenden Juden. Ein „Zeitzeuge“, mit dem er auch „Probleme“ hat. Denn: „Man sieht den gepeinigten Juden“, sagt Ashbel. „Aber seine Peiniger sieht man nicht.“ Geblieben ist ihm auch die Erinnerung daran, dass sich Touristen für Fotos einfach auf den steinernen Juden gesetzt haben. Um das zu verhindern, bekam er später Stacheldraht auf dem Rücken. „Wieder eine problematische Lösung“, sagt der Botschafter. Unter den Denkmälern der Stadt, die an die dunkle NS-Vergangenheit erinnern, hat das Hrdlicka-Denkmal für ihn „eine große Bedeutung“.
Wie auch der „Theodor-Herzl-Platz“ am Parkring, der 2004 zum 100.Todestag nach dem Schriftsteller und Journalisten benannt wurde, der den politischen Zionismus („Der Judenstaat“) begründet hat. „Ein wichtiges Zeichen“ sei die Benennung gewesen, sagt Ashbel. Für israelische Touristen sei auch das Grabmal der Familie Herzl am Döblinger Friedhof interessant – auch wenn die Gebeine heute in Jerusalem liegen. Der Name der Stadt Tel Aviv, erzählt Ashbel, wurde durch Herzls Roman „Altneuland“ inspiriert, der in der hebräischen Übersetzung eben „Tel Aviv“ (zu Deutsch: Frühlingshügel) hieß. Und da, sagt Ashbel, als er am Tel-Aviv-Beach-Ableger am Donaukanal steht, „schließt sich der Kreis wieder“.
Das beste Eis der Stadt. Dann macht Ashbel noch einen Abstecher zu einem seiner „leichteren“ Lieblingsorte. „Ich befürchte, dass ich damit jetzt große Diskussionen auslöse“, sagt Ashbel lachend, „aber für mich ist das Eis im Eissalon Tuchlauben das beste der Stadt. Das erste Mal war er 1989 hier. Und dann, „als ich Botschafter wurde, 16 Jahre später, bin ich zurückgekehrt, und mich hat dieselbe Dame bedient wie damals“, sagt er. „Und sie hat mich wiedererkannt.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2009)