Bei Danone machte Michael Parzefall eine tolle Karriere, ehe er sich entschied, seiner Leidenschaft nachzugehen: dem Kaffeerösten. Heute betreibt er das Rauwolf – in der SCS.
Verwalten, sagt Michael Parzefall, sei ihm immer zu wenig gewesen. Mit 29 Jahren stieg er bei Danone Österreich zum Finanzdirektor auf, mit 32 machte er Danone Slowenien zum Marktführer. Und zuletzt koordinierte der heute 44-Jährige europaweite Reorganisationsprojekte. 16 Jahre arbeitete er für den Lebensmittelkonzern. In dieser Zeit entwickelte sich der Wirtschaftsingenieur vom Controller zum Business Developer, und dann, sagt er und nimmt einen Schluck von seinem Frühstücks-Cappuccino, „ist der Schritt vom Konzernmitarbeiter zum Unternehmer nicht mehr so weit.“
Genau diesen vollendete er vergangenen September, als er in der Shopping City Süd Rauwolf Rösthaus + Brewbar eröffnete. Ein Kaffeelokal, das man dort wohl kaum erwartet hätte, in dem er nicht nur selbst geröstete Kaffees, sondern auch von seiner Frau selbst gebackene Kuchen anbietet.
Seine Kaffeeleidenschaft entdeckte er mit 21 Jahren, als er eine Espressomaschine vom Gardasee mitnahm: Der Filterkaffee zu Hause hatte ihm nicht mehr geschmeckt. Er begann mit Röstungen zu experimentieren und absolvierte eine Barista-Ausbildung. Geschmackserlebnisse zu vermitteln, ist das, was ihn antreibt. „Kaffee ist ja mehr als ein medizinisches Gebräu.“ Österreich, sagt Parzefall, habe zwar Kaffeehauskultur, doch „die neue Kaffee-Welle ist noch nicht angekommen.“
Im Gegensatz zur „corporate world“ erfordere sein neues KMU-Leben ein anderes Arbeiten: Bei seinem letzten Danone-Projekt leitete er ein Team von 60 Managern an vier Locations mit Millionenbudget. Heute macht er mit vier Voll- und zwei Teilzeit-Mitarbeitern von der Buchhaltung über das Rösten bis zu den Facebook-Postings alles selber. „Es ist hands-on, spannend, aber anstrengend.“
Daher seien jetzt auch andere Führungsqualitäten gefragt. In dieser ersten Phase führe er direktiver, setze klare Ziele. Doch: „Herzlicher Kundenservice ist wichtig und hängt stark damit zusammen, wie Du Mitarbeiter behandelst. Sie tragen es an die Kunden weiter.“
Der Führungsstil hängt für Parzefall von der Persönlichkeit, dem Wissens und den Aufgaben der Mitarbeiter ab. Sein Ziel sei, die Mitarbeiter zu entwickeln, um „mit der Zeit in einen Coaching-Führungsstil zu kommen.“
Analyse oder viel Gefühl
Noch etwas unterscheide die Unternehmenswelten. Im Konzern neige man vor Entscheidungen oft dazu, Analyse bis zur Paralyse zu treiben. In kleinen Unternehmen, vor allem in Start-ups, werde hingegen (zu) viel auf Gefühlsbasis entschieden.
Zwar hätten Konzerne meist viel mehr Wissen und mehr Ressourcen und könnten daher sehr professionell agieren, „auf der anderen Seite fehlt das Unternehmertum.“ Und meist der Unternehmer, der sagt: Ich gehe jetzt das Risiko ein. Dabei, sagt Parzefall, „hat Führen mit Leidenschaft und dem Glauben an etwas zu tun.“
Die kurzen Entscheidungswege schätze er in und an seiner neuen Rolle. „No politics, no fakes“, nennt er das. „Wenn ich eine neue Kaffeesorte einführe, röste ich sie, stelle sie auf den Tisch und schaue, was passiert. Im Konzern kann ich das nicht so machen.“ Doch selbst er betrieb Marktforschung, bevor er das Rauwolf-Abenteuer startete.
„Sich gleich nach der Uni selbstständig machen ist gefährlich“, sagt er. „Ich habe in der Profiliga gespielt und daher ein anderes Fundament.“ Wer unerfahren sei, würde zu viele Fehler be-, zu viele falsche Risiken ein- und zu blauäugig an die Dinge herangehen. Er rät Neo-Unternehmern, solide zu planen, „auch wenn man den Plan dann über Bord wirft.“ Und er warnt, „am Limit zu kalkulieren.“ Denn selbst eine gute Geschäftsidee könne langsamer anlaufen als geplant und dann „braucht man Reserven – und eine gewisse Sturheit.“
ZUR PERSON
Michael Parzefall (44), gebürtiger Bayer und studierter Wirtschaftsingenieur, stieg mit 29 Jahren bei Danone Österreich zum Finanzdirektor auf, danach wechselte er zu Danone Slowenien. Im Vorjahr machte er sich mit Rauwolf Rösthaus + Brewbar in der SCS selbstständig. Leonhard Rauwolf übrigens war ein deutscher Naturforscher und Entdeckungsreisender, der im 16. Jahrhundert als erster Europäer den Kaffeegeschmack beschrieb.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2015)