Spatzenhirne

Vögel sind intelligent, aber sie standen über 100 Jahre lang im Ruf, nur Spatzenhirne zu haben. Dafür sorgte die Nomenklatur der Hirnforschung: Sie hatte Vorurteile eingebaut.

Die Mythen wussten immer schon, dass Vögel klug sind, Odin schickte täglich seine Raben aus – „Hugin“ und „Munin“, „Gedanke“ und „Erinnerung“ –, um Neuigkeiten aus aller Welt einholen zu lassen; Noah vertraute der Urteilskraft der Taube. Früh wurde auch ein – vom Zufall arrangiertes – Experiment beobachtet, Äsop berichtete es um 600 v. Chr.: „Eine durstige Krähe fand einen Krug; doch war so wenig Wasser darin, dass sie es mit dem Schnabel nicht erreichen konnte. Sie versuchte, den Krug umzuwerfen; dazu war sie zu schwach. Da suchte sie nach einer List. Zuletzt nahm sie Steinchen und warf so viele in den Krug, dass das Wasser immer höher emporstieg, bis sie es erreichen konnte.“

Ähnliche Mirakel gab es auch später zu bestaunen, Ende des 20. Jahrhunderts etwa bemerkten Raben in der japanischen Stadt Sendai, dass sie Autofahrer bzw. Verkehrsampeln für sich arbeiten lassen konnten: Bei Rot legten sie Walnüsse auf die Fahrbahn, dann hüpften sie in Sicherheit, beim nächsten Rot holten sie die geknackten Nüsse. Jeder sah es – die Autofahrer spielten rasch mit und steuerten Nüsse an –, nur die zuständige Wissenschaft, die von den Gehirnen, sah es nicht.

Sie hatte sich selbst geblendet, durch einen ganz Großen der Zunft, Ludwig Edlinger, den „Vater der vergleichenden Neuroanatomie“. Der hatte Ende des 19. Jahrhunderts Hunderte von Gehirnen quer durch das Tierreich seziert und Ordnung in sie gebracht: Er sah eine Entwicklung/Verbesserung von den niederen Tieren bis zu den höchsten, die Gehirne lagerten immer neue Schichten an, wie die Zwiebeln. Die äußerste gibt es nur bei den Säugetieren, sie ist die Novität – mit der die Intelligenz kam–, deshalb erhielt sie den Ehrentitel „Neokortex“.

Vögel haben keinen Neokortex, ergo keine Intelligenz, sie werden vom Instinkt beherrscht. Das schloss Edlinger, das ging in die Lehrbücher, in vielen steht es noch. Aber seit den 90er-Jahren kam aus der Forschungspraxis immer hörbareres Murren, man konnte die Augen nicht mehr davor verschließen, dass etwa Krähen ihr Futter mit List und Tücke verstecken: Wenn sie merken, dass sie dabei beobachtet werden, verstecken sie das echte Futter in einem unbeobachteten Moment neu – und „verstecken“ weithin sichtbar Scheinfutter, Steine etwa.

So griffen Hirnforscher wieder zu den Skalpellen und fanden, dass bei Vögeln eine andere Gehirnregion das Gleiche leistet wie bei Säugetieren der Neokortex. Mit dem war es 2002 vorbei, das „Avian Brain Nomenclature Consortium“ beschloss eine neue Terminologie, in die keine Vorurteile eingebaut sind: Es gibt nur mehr einen „Kortex“.

juergen.langenbach@diepresse.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2009)

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