Oswalt Kolle: "Wer gern gut isst, hat mehr vom Sex"

Oswalt Kolle
Oswalt Kolle(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
  • Drucken

In den 60er-Jahren war er mit seinen Filmen maßgeblicher und heftig attackierter Wegbereiter der sexuellen Aufklärung. Mit mittlerweile 80 Jahren ist Kolle immer noch im Kampf gegen sexuelle Prüderie aktiv.

Wie fanden Sie eigentlich „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche?

Oswalt Kolle: Ich fand es ekelhaft. Das ist ein antisexuelles Buch, das Sexualität als Krankheit sieht. Mit Hämorrhoiden und eitrigen Geschwüren, grauenvoll.

Aber das ist doch ein interessanter Zugang zu Sexualität, weg von Hochglanz und dem allzu perfekten Bild.

Das mag sein, aber ich habe das Buch weggelegt und hatte danach drei Tage keine Lust auf Sex.

Jetzt hat aber Sexualität oft nur wenig mit Romantik zu tun.

Überhaupt nicht. Die meiste Sexualität, die überhaupt betrieben wird, machen die Menschen mit sich alleine. Aber wenn ich im Sacher einen Tafelspitz esse, denke ich doch auch nicht daran, was hinten herauskommt hinterher.

Kann man das Buch nicht als eine neue Welle der Aufklärung deuten?

Das ist auf der einen Seite unglaublich spießig, auf der anderen Seite ekelhaft.

Was ist spießig daran?

Es ist eine spießige Frau, die das schreibt. Kleinbürgerlich. Kleinbürgerliche Vorstellung von Sexualität. Sie ist ein pubertierendes Mädchen, das als erwachsene Frau ihre Eltern schockieren will.

Wie wichtig ist Genuss für Ihr Leben? Gutes Essen, gute Sexualität – wie hängt das zusammen?

Ich war immer ein Genussmensch. Als ich jung war und mit einem Mädchen geflirtet und gesagt habe: Gehen wir essen?, und sie hat gesagt, sie hat keinen Hunger, hab ich sie stehen gelassen. Wenn sie nicht begreift, dass Essen auch ein soziales Geschehen ist, ein Lustgeschehen, hat sie auch kein Interesse für Sexualität.

Wer nicht gerne gut essen geht, ist schlecht im Bett?

Nein, nein, das wäre idiotisch. Aber wer gerne ausgedehnt und gut isst, der hat mehr von der Sexualität.

Gerade Männer waren früher bei der Sexualität ja weniger auf Genuss ausgerichtet als darauf, es schnell hinter sich zu bringen. Hat sich das geändert?

Total. Ich mag den Begriff der sexuellen Revolution nicht, weil wir die Welt ja nicht umgedreht, sondern auf die Beine gestellt haben. Wir haben Vernünftiges daraus gemacht, was völlig verdreht war von der katholischen Kirche. Dass Sexualität eine Sache sei, die nur zur Fortpflanzung dient – das ist ja pervers. Sexualität ist eine wunderbare Sache der sozialen Harmonie, der Liebe, des Genusses. Da haben wir eingegriffen und es hat sich geändert – Männer akzeptieren mittlerweile, dass Frauen eigene Wünsche haben, und versuchen, darauf einzugehen. Jedenfalls mehr als früher.

Sind Sie selbst in irgendeiner Weise religiös?

Überhaupt nicht. Ich bin Fachmann für das Leben vor dem Tod. Das ist genug Aufgabe, da brauche ich mich nicht um den Scheiß danach bemühen. Aber die Leute sollen glauben, was sie wollen, dass sie als Fruchtfliege oder Hund wiedergeboren werden oder im Himmel neben einem alten Mann mit weißem Bart sitzen, mir ist alles recht.

Gibt es Momente, wo Sie nicht auch gerne so eine Jenseitsgewissheit hätten?

Nein, überhaupt nicht. Eine der grauenvollsten Vorstellungen für mich ist, dass es ein Leben nach dem Tod gibt.

Der Papst hat gemeint, die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod kommt auch aus der Hoffnung auf Gerechtigkeit: Für die vielen Menschen, denen es schlecht geht, kann doch dieses Leben nicht alles gewesen sein.

Darum machen sich die Leute heute auch ihre Religion selber. Ich nenne das die Etwasologie: Es muss doch da etwas geben! Da holt man sich von allem ein Stück, vom Buddhismus, ein Stück Kuchen von da, von Sekten. Ich habe damit nichts zu tun, bin absolut nicht gläubig und ein Anhänger von Feuerbach: Gott hat die Menschen nicht gemacht, die Menschen haben sich Gott ausgedacht. Und mit diesem ausgedachten Gott ziehen die jetzt durch Afrika und erzählen den Schwarzen, sie sollen gefälligst die Hände vom Sex lassen.

Der Papst hat doch nur gesagt, wenn man in Afrika nicht zu einer Humanisierung von Sex kommt, ist die Verteilung von Kondomen auch nicht die Lösung.

Ich bin sehr zufrieden, wenn man die Humanisierung der Sexualität beginnt. Aber das beginnt eben gerade damit, dass man Kondome verteilt und nicht Millionen sterben lässt, um seine Ideologie zu behalten.

Aber die Kirche hat doch längst nicht mehr einen so großen Einfluss.

Eine Religion der Liebe wollen sie gerne sein, aber das sind Sprüche. Das ist Hass auf alles, was anders ist. Wenn ein Bischof in Deutschland diese Unverschämtheit behauptet, Frauen, die aus Not abtreiben, wären gleich wie die Hitler-Bande, es gleichsetzt mit dem Holocaust, dieser unverschämte Mensch! Wenn ich ihn das nächste Mal sehe, reiße ich ihm seine Kappe vom Kopf.

Wo sind denn die Grenzen der Sexualität?

Bei Gewalt. Das ist es in jedem Fall bei Kinderpornografie. Es ist automatisch Gewalt, wenn es ein Erwachsener mit kleinen Mädchen oder Jungen macht. Wir haben viele unnötige Gesetze weggeräumt, Ehebruch, Kuppeleiparagraf, aber es sind Gott sei Dank andere Gesetze geblieben, die gut sind.

Und wie ist es mit Pornos?

Pornografie kann anregend sein für ein Paar, wo die Sexualität etwas ermüdet ist und man sich das gemeinsam anschaut. Aber durch das Internet ist es so, dass Menschen ohne sozialen Kontakt mit einem Mausklick drin sind in einer völlig idiotischen Welt, die nichts mit der Realität zu tun hat.

Gibt es heute eine falsche Aufklärung, wenn Jugendliche die praktische Seite des Sex, wie es gemacht wird, durch Pornos lernen?

Das ist das Problem. Es gibt den Mythos, dass 13-, 14-jährige massenweise Sex haben. Keine Spur: Nach wie vor ist beim großen Durchschnitt das erste Mal mit 17, die haben eine ganz friedliche Sexualität, treu, auf einen Partner aufgebaut. Das Problem der Jungen ist viel mehr das Saufen, darum müssen wir uns kümmern! Aber wenn sie anfangen, sich über Sexualität mit Hilfe von Pornos zu informieren, liegen sie natürlich falsch. In der Bravo wird man dann aufgeklärt, welche Creme man nehmen muss, um anal zu verkehren. Mit 12, 13 Jahren! Da kommt doch erst die erste Verliebtheit.

Haben wir in der Kunst, Beziehungen mithilfe der Sexualität zu gestalten, dazugelernt?

Ja, zumindest gibt es den Versuch der Gleichberechtigung. Wie Geschlechter miteinander umgehen und sich wehren gegen die Kriegshetzer im Geschlechterkampf. Nehmen wir Alice Schwarzer, die kämpft an einer Front, die es schon lange nicht mehr gibt. Die hat Methoden aus den 50er-Jahren. Was erzählt die Frau, dass junge Frauen die Männer ablehnen sollen? Die sind doch froh, dass sie sie haben. Sie erzählt da eine Geschichte, dass sie in Paris studiert hat. Sie war 24 und ist mit einem Minirock auf die Straße gegangen. Da haben ihr tatsächlich Bauarbeiter hinterhergepfiffen. Und sie ist nach Hause und hat sich umgezogen. Das erzählt sie heute, 2009. Um Gottes willen! Als wäre es 1909. Und das nimmt sie als ständiges Beispiel, was heute nicht stimmt.

Sie waren 47 Jahre verheiratet – warum haben Sie überhaupt etwas so bürgerlich Althergebrachtes getan wie zu heiraten?

Wir haben uns als Teenager wahnsinnig verliebt. Nach vier Jahren haben wir gesagt, wir wollen zusammenbleiben und Kinder haben. Und damals war es undenkbar, nicht zu heiraten. Um das klarzumachen: Es war keine freie Entscheidung. Ich hätte sonst meine Stellung als Redakteur verloren.

Der Gedanke der Ehe hat ja auch den Gedanken der Monogamie in sich. Steht das nicht im Widerspruch zur freien Sexualität, die Sie und Ihre Frau damals gelebt haben?

Meine Frau und ich haben geheiratet, ohne unser Leben zu ändern. Wir wollten diese Freiheit behalten und mit Ehrlichkeit und Offenheit miteinander umgehen. Wir waren zusammen, und jeder ist ab und zu seinen Weg alleine gegangen. Aber wir waren treu, wir haben uns nie auseinanderbringen lassen, auch nicht durch Freunde oder Freundinnen.

Sie haben ja mit Ihrer jetzigen Frau Monogamie vereinbart, weil sie das so wollte.

Nein, weil wir beide das wollten. Meine Philosophie war immer: Zwei Menschen gehen zusammen, lieben sich, schlafen zusammen, wollen zusammen leben und müssen sich das ausmachen. Und das ist schön so. Ich war 72 Jahre alt, als meine Frau gestorben ist. Und mit 74 habe ich eine neue Frau kennengelernt, die große Liebe gefunden. Da wäre ich doch wahnsinnig, wenn ich das mit 80 kaputt machen würde.

Es gibt die These, dass der Wechsel von der Monogamie zu lockereren Beziehungen zulasten der Frauen geht, weil Männer mit zunehmendem Alter nicht so schnell an Kaufkraft am Beziehungsmarkt verlieren.

Das sind so Klischeevorstellungen. Viele Männer, die ich kenne, haben einen Bierbauch, Hängebacken, können sich Sex allein noch über Prostitution kaufen. Das Problem der älteren Frauen ist doch nicht, dass ihre Männer sie verlassen haben, sondern dass die tot sind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2009)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.