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Doku-Soap: Tüchtig durchgerüttelt ins Leben

(c) El-gawhary
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Wir verfolgen, wie sechs Familien auf der Welt ihr Leben meistern. Heute: Hamdy und sein Clan in Kairo haben die sieben Tage alte Nour in Ägyptens lauten Alltag eingeführt – mit Pauken und Trompeten.

Es war der erste große Tag im Leben von Hamdy Oukels Enkelin Nour – vielleicht abgesehen von jenem eine Woche zuvor, als sie in einem Kairoer Spital das Licht der ägyptischen Welt erblickte. Aber das hat sie wohl schon vergessen.

Zum feierlichen Anlass strömten also die ganze Familie, Verwandte vom Land und die Nachbarn in Hamdys Zweizimmerwohnung im Armenviertel Dar Al-Salam in Kairo. Es war der Tag von Nours „Sbua“: Abgeleitet vom arabischen Wort „sabaa“ für „sieben“ wird das Baby traditionsgemäß nach sieben Tagen erstmals öffentlich präsentiert und ins Leben eingeführt.

Dazu wurde die kleine, (noch) unschuldige Nour, so will es der Brauch, auf ein großes buntes Mehlsieb gelegt und anständig durchgerüttelt. Die größeren Kinder und Nachbarn hatten kupferne Mörser mitgebracht, wie sie zum Zerstoßen von Gewürzen dienen, und droschen mit dem Stößel wild auf das Metall. Gleichzeitig wurde Salz verstreut.

Kairos coole Kinder. So geschüttelt und beschallt wird das Baby auf das Leben in Kairo vorbereitet. „Damit es nicht bei jedem kleinen Geräusch erschrickt“, ist ein Argument für den Brauch, der angeblich in pharaonischer Zeit wurzelt. Zumindest gibt es in Tempeln Reliefs, die eine Art Sbua-Feier andeuten. Wer das einmal erlebt hat, kommt schnell zum Schluss, dass die Sbua wohl der Grund ist, warum Ägypter auffallend lärmunempfindlich sind. Nach dem Motto: Wer das Trauma als Baby überstanden hat, den schreckt nix mehr.

Auch Hamdy, mein Fahrer, der stolze Opa von Nour, hat die Prozedur vor einem halben Jahrhundert mitgemacht. Ich bin sicher, sie ist die Ursache dafür, dass er heute noch nicht einmal wirklich wahrnimmt, wenn er stoisch seine Autohupe betätigt.

Zurück zu Nour. Das Beste war: Während des Schüttelns und Lärmens schlief sie friedlich. Auch als ihre Mama, Hamdys Schwiegertochter Samar, sieben Mal vorsichtig über das gebettete Baby schritt, blieben Nours Augen zu. Die Zahl Sieben gilt in Ägypten als magische Glückszahl, und so lag der besondere Segen für Nour wohl darin, von allem nichts mitzukriegen.

„Hör nicht auf deinen Vater!“ Unbeeindruckt war sie auch von den Sbua-Rufen der Umstehenden, die ihr Gehorsam gegenüber der Familie einbläuen sollen, aber auch vom innerfamiliären Machtkampf zeugen. Da gab es Schreie wie „Hör nicht auf deinen Vater, sondern auf deine Mutter“ oder „Vergiss deine Tante, gehorche deinem Onkel“. Aber Nour schlief.
Nur als sie in einer Prozession durch die Wohnung und, mangels Platzes, durchs ganze Treppenhaus getragen wurde, öffnete sie zum Entzücken aller überrascht ihre Augen – um gleich weiterzudösen.
So schreiten also fast alle Ägypter, egal ob Muslime oder christliche Kopten, ins Leben. Mit dem Brauch sollen auch böse Geister abgeschreckt werden. Dem gleichen Zweck dienen die goldenen Ohrringe, die Nour am Tag nach ihrer Sbua verpasst wurden. Sie sollen den „bösen Blick“ abwenden.

Inzwischen ist alles vorbei. „Kulu tamam“, „alles in Ordnung“, berichtet ihre Oma Naima. Mühe bereite ihr nur, dass Nour am Tag schläft und nachts erwacht. Aber das mag an den Verhältnissen liegen: Tagsüber sind fast alle unterwegs und es ist ruhig. Nachts sitzen Hamdy, seine Frau, die fünf Söhne, die Frau des ältesten Sohnes und deren zwei Töchter in den zwei Zimmern.

Deren Funktion ist schnell ausgemacht: Während in einem der Fernseher dröhnt, spielen die Burschen im anderen Fußball-Computerspiele und feuern einander laut an. Dass ein Baby eine Ruheoase hat, um die, wie in Europa, alle wie auf Zehenspitzen schleichen, ist ein Luxus, den sich die ägyptische Familie mit drei Quadratmetern pro Person nicht leisten kann. Vielleicht ist es hier auch nicht erstrebenswert: Allein in einem Raum zu sitzen, wäre vermutlich wie Einsamkeit.

Energie-Abfuhr fürs Gedärm.
So wird Nour halt nachtaktiv, selbst wenn die Sbua ihr hilft, das Gröbste zu überstehen. Alle paar Minuten beginnt sie zu drücken und läuft rot an, als hätte sie Verstopfung und würde die Plage herauspressen wollen. Antwort der Volksmedizin: ein schneckenförmiges Metallteil namens „Al-Hazaa“, das Hamdy beim Schmied machen ließ. Über der Windel angebracht, soll es negative Energie aus dem Gedärm leiten; richtig konnte das keiner erklären. „So wird's halt gemacht“, heißt es. (Hamdy gibt heimlich zu, dass es bisher nicht wirkt.)
„Aber das kann ja noch werden“, grinst er. Bis dahin läuft Nour halt rot an und drückt. Aber nur nachts – denn tagsüber schläft sie und erholt sich von den Kairoer Baby-Strapazen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2009)