Schnellauswahl

Green Jobs: Akademische Wege zur grüneren Zukunft

(c) Clemens Fabry
  • Drucken

Nachhaltigkeit boomt. Von 2020 bis 2030 wird allein im Bioenergie-Sektor geschätzt eine Million neue Stellen geschaffen werden. Studienangebote, die die benötigten Experten hervorbringen, sind im Aufbau.

Die Erzeugung von Bioenergie zählt zu den Wachstumsbranchen unseres noch jungen Jahrhunderts. 2005 waren in Europa laut Fraunhofer Institut rund 875.000 Menschen im Bioenergie-Sektor tätig, von 2020 bis 2030 wird noch eine weitere Million Arbeitnehmer benötigt. Als neue Produktionsbetriebe machen verstärkt Bioraffinerien von sich reden, wie sie etwa in Skandinavien oder auf Sardinien bereits existieren. Dort werden biologische Ausgangsprodukte, wie Holz oder stärkehaltige Pflanzen, chemisch zu verschiedenen Produkten verarbeitet – von Futtermitteln über Chemikalien bis zu Energie in Form von Kraftstoff, Wärme oder Strom. Die TU Graz gründete zusammen mit der niederländischen Universität Twente für dieses zukunftsträchtige Forschungsfeld nicht nur ein europaweites Netzwerk für nachhaltige Energieinnovationen (Eseia). Es wurden auch zwei neue Masterstudien konzipiert, die ab 2017 starten werden: Biorefinery Engineers und Bioresource Value Chain Managers.

 

Technik- oder Wirtschaftsfokus

Wolfgang Bauer, wissenschaftlicher Leiter der neuen Masterstudien, erklärt die dahinter stehenden Berufsfelder: „Ein Biorefinery Engineer beherrscht die wesentlichen Verfahrenstechniken für eine nachhaltige Verarbeitung nachwachsender Rohstoffe in Bioraffinerien. Ein Bioresource Value Chain Manager kann nachhaltige Geschäftsmodelle für eine stufenweise Nutzung von nachwachsenden Rohstoffen entwickeln und überblickt den gesamten Wertschöpfungskreislauf.“ Die Hauptverantwortung für das eher verfahrenstechnisch geprägte Studium zum Biorefinery Engineer trägt die TU Graz, für das eher betriebswirtschaftlich orientierte Studium zum Bioresource Value Chain Manager die Universität Twente. Beide Programme können – mit Fernlehrmodulen, die noch entwickelt werden – zur Gänze jeweils in Graz oder in Twente absolviert werden. „Insgesamt sind 15 Partnerorganisationen europaweit in die Entwicklung der Curricula und Umsetzung der Studienprogramme eingebunden, davon acht Unternehmen“, sagt Brigitte Hasewend, Mitbegründerin von Eseia und Verantwortliche der TU Graz für internationale Forschungspartnerschaften. Dieses große Interesse ist nicht verwunderlich: Laut Bedarfsanalysen werden bis zum Jahr 2030 in Europa 18.000 Biorefinery Engineers und 16.000 Bioresource Value Chain Manager gebraucht. Wohl auch deshalb fördert die Europäische Kommission das Projekt der beiden Universitäten mit vier Millionen Euro.

Für andere akademische Berufe im Energiebereich bildet das Studium Öko-Energietechnik aus, das die FH Oberösterreich in Wels anbietet. Beinhaltet die Berufsbezeichnung Energietechniker bereits sehr weit gefächertes Wissen – von Elektrotechnik und Maschinenbau bis zur Speicherung, Verteilung und effizienten Nutzung von Energie –, so kommen bei Öko-Energietechnikern noch weitere, sehr aktuelle Themen hinzu. Dafür sorgen laut Studiengangsleiter Michael Steinbatz die beiden Schwerpunkte energieeffiziente Gebäude und erneuerbare Energien.

 

Nachfrage der Unternehmen

Da man die Studieninhalte laufend den aktuellen Anforderungen der Industrie und Wirtschaft angepasst habe, erhalte man sehr gute Rückmeldungen seitens der Unternehmen. Auch für die Tätigkeit von Energie-Auditoren, wie sie das seit Anfang 2015 in Kraft getretene Energieeffizienzgesetz vorschreibe, sei man bestens gerüstet. „Unsere Absolventen des Bachelorstudiums Öko-Energietechnik erhalten bereits die volle Punkteanzahl, um als staatlich geprüfte Energie-Auditoren zu arbeiten“, sagt Steinbatz.

Wer weiter studieren möchte, hat im gleichnamigen Masterstudium die Möglichkeit dazu, aber auch in dem Welser Masterstudium Sustainable Energy Systems. Dieses englischsprachige Programm ist stärker wirtschaftlich und international ausgerichtet. Im Masterstudium Öko-Energietechnik hingegen werden technische Schwerpunkte studiert, „etwa die Planung von Großanlagen, wie Windparks, PV-Kraftwerken und sogar solarisch-thermischen Kraftwerken“, sagt Steinbatz. „Die Berufsfelder dieser beiden Master-Studiengänge sind daher ähnlich, aber doch im Detail verschieden.“


Noch keine eigene Berufsbezeichnung gibt es für Experten im Bereich Green Building, wiewohl dieses Know-how sehr gefragt ist. Nachhaltige und energieeffiziente Gebäude zu planen und umzusetzen wird künftig immer wichtiger. Die EU-Gebäuderichtlinie EPBD 2010 verpflichtet die Mitgliedstaaten dazu, ab 2020 nur mehr Niedrigstenergiegebäude zu errichten. Green Building wird seit zwei Jahren an der FH Campus Wien als Bachelorstudium angeboten.

 

Nachhaltigkeit als roter Faden

Es handelt sich um eine architektonische Ausbildung mit dem Thema Nachhaltigkeit als roter Faden. „Das Alleinstellungsmerkmal von Green Building besteht darin, dass bereits bei der Planung sowie beim Design eines Bauwerkes nachhaltige Aspekte nicht nur einbezogen, sondern ins Zentrum gerückt werden“, so Studiengangsleiter Christian Polzer. In einem Jahr werden die ersten Absolventen mit dem Bachelor of Science in Engineering abschließen. Ein Masterstudium für Green Building ist bereits genehmigt und wird im Herbst 2016 starten. Betätigungsfelder sind Architekturbüros, Planungs- und Konstruktionsbüros, aber auch die Bauindustrie und das Baunebengewerbe. Für Architekten, die sich auf nachhaltiges Bauen spezialisieren, sind Green-Building-Spezialisten aus Polzers Sicht sehr interessante Arbeitnehmer. „Sie müssen ihre Mitarbeiter nicht mehr im Büro ausbilden.“ Master-Absolventen haben nach dreijähriger facheinschlägiger Praxis die Möglichkeit, die Ziviltechnikerbefugnis zu erlangen.

Web: www.fh-ooe.at/campus-wels
www.fh-campuswien.ac.at, www.tugraz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2015)